Integration und Partizipation von Menschen mit Fluchterfahrung in Celle

 
Das Motiv "Baum der Vielfalt" - Postkarte für die IKW 2017, Gestaltung: May Aurin, Hamburg

Servicestelle zur Erstorientierung als Fundament

Im Januar 2014 begann die Stadt Celle mit der Planung einer Zentralen Anlaufstelle (ZAS), als Servicestelle für die der Stadt Celle zugewiesenen Flüchtlinge. Geflüchtete werden dort im Durchschnitt vier Wochen betreut, um sie mit dem neuen Umfeld vertraut zu machen und sie bei der Erstorientierung in Celle zu unterstützen. Dazu zählen eine allgemeine Gesundheitsberatung, praktische Hilfestellungen bei Mülltrennung, aber auch die Organisation der Beschulung der Kinder und Jugendlichen und nicht zuletzt der Einstieg in die deutsche Sprache und die Heranführung an unsere kommunale Wirklichkeit. Nach Gründung der ZAS noch im Jahr 2014 nahm sie im März 2015 den Betrieb auf. In der ZAS arbeiten Sozialpädagogen und hauptamtliche Übersetzer, die teilweise selber einen Migrationshintergrund haben, kooperativ mit ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern und Celler Einrichtungen wie Arbeitsagentur, Jobcenter, Volkshochschule und Wohlfahrtsverbänden zusammen. Nach der Aufnahme in der ZAS werden die neu Zugewanderten von der Stadt Celle 14 Tage bis vier Wochen später dezentral in Wohnungen im gesamten Stadtgebiet untergebracht. Im Herbst 2015 und bis in das Jahr 2016 hinein war die dezentrale Unterbringung von bis zu 60 Flüchtlingen pro Woche eine große Herausforderung. Dies gelang, weil in Celle vorhandene ungenutzte Wohnraumkapazitäten erschlossen werden konnten. Dies lag vor allem daran, dass die Stadtverwaltung mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), mit ihren zahlreichen ehemaligen Wohnungen der britischen Alliierten, verhandeln konnte, dass diese für den Unterbringungszweck auch kurzfristig zur Verfügung gestellt werden.

Ehrenamtliche Strukturen und kommunale Ansätze verbinden

Seit Beginn der großen Bewegung von Geflüchteten auch nach Celle hat sich hier ein großer Unterstützerkreis von sehr engagierten Ehrenamtlichen gebildet. Ohne deren Unterstützung wäre die ausgerufene Willkommenskultur nur durch hauptamtliche Mitarbeiter in Celle nicht zu bewältigen. Die ehrenamtliche Initiative »Celle hilft!« gründete mit der Unterstützung der hauptamtlichen Mitarbeiter in der ZAS drei Arbeitsgruppen. Die Gruppe Lernen und Bildung unterstützt seitdem in Fragen der Sprachförderung und bei schulischen Angelegenheiten. Stadtweit werden niedrigschwellige Sprachkurse mit dem Fokus auf die deutsche Umgangssprache angeboten. Die Gruppe Betreuung unterstützt die Geflüchteten durch Patenschaften und begleitet sie zum Beispiel bei Behördengängen, zu Ärzten und anderen Einrichtungen. In der Gruppe Begegnung der Kulturen werden gemeinsame kulturelle Ausflüge wie Konzert- oder Museumsbesuche organisiert oder auch Fahrradausflüge im Sommer unternommen. Diese kulturellen Begegnungen sind eine gute Form, um Menschen zusammenzubringen und ihnen unsere Kultur nahezubringen und sie dafür zu interessieren. Jede Begegnung ist wichtig und hilft, die Sprachkompetenz zu erweitern. Neben der Gruppenarbeit finden Veranstaltungen mit Neuzugewanderten in der ZAS statt. Religiöse Feiertage werden miteinander begangen. Beispielsweise veranstalten ehrenamtliche Helfer gemeinsam mit Geflüchteten und hauptamtlichen Mitarbeitern eine vorweihnachtliche Adventsfeier.

Unterstützung in den Stadtteilen gewährleisten

Die eigentliche Integration im Stadtgebiet kann nur erfolgreich eintreten, wenn diese neben den hauptamtlichen Bemühungen auch direkt im Umfeld und im Alltag der geflüchteten Menschen stattfindet.

Die Stadt Celle setzt daher bereits seit 2014 auf ein Integrationskonzept, welches die Celler Gesellschaft, insbesondere in den von geflüchteten Menschen stark frequentierten Stadtgebieten, einbindet und aktiviert. Zur direkten Betreuung der Geflüchteten, der Verständigung und Vernetzung mit den Nachbarinnen und Nachbarn wurden in einzelnen Stadtgebieten Nachbarschaftstreffs initiiert, in welchen neben hauptamtlichen Beratungsmaßnahmen auch ehrenamtliche Betreuungs- und Unterstützungsangebote erfolgen. Ziel ist es, durch den intensiv geförderten Kontakt mit dem neuen Umfeld ggf. bestehende Vorurteile und Ängste auf beiden Seiten abzubauen, Probleme und Schwierigkeiten des Alltags und täglichen Zusammenlebens direkt bei deren Entstehung aus dem Weg zu räumen und so eine eventuell drohende Barriere zwischen den schutzsuchenden Menschen und der bestehenden Gesellschaft erst gar nicht entstehen zu lassen.

Eingebunden werden bei der Integrationsarbeit vor Ort auch die in den Stadtteilen bereits bestehenden Angebote und Initiativen sowie die engagierten Kirchengemeinden. Es wurde festgestellt, dass viele Personen anderer Glaubensrichtungen keinerlei Hemmungen haben, eine christliche Einrichtung zu besuchen. Die direkte und unkomplizierte Vernetzung vor Ort wird als ein wesentlicher Baustein der erfolgreichen Integration angesehen.

Als Herausforderung stellt sich in diesem Zusammenhang dar, einen Mittelweg zwischen notwendiger Unterstützung, Anleitung und Hilfestellung sowie der angestrebten Verselbstständigung des betroffenen Personenkreises zu finden. Hierbei ist es Aufgabe des hauptamtlichen Personals, die Bemühungen und Einsatzbereitschaft der ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürger zu steuern und die zur Verfügung stehenden Kapazitäten zielgerichtet einzusetzen. Hiervon profitieren nicht nur die geflüchteten Menschen, sondern auch die Personen, welche mit sehr großem Einsatz einen Teil ihrer Freizeit für die Unterstützung der schutzsuchenden Menschen einsetzen.

Eine dauerhafte Akzeptanz in der Bevölkerung kann zudem nur durch anhaltende Transparenz des behördlichen Handelns erreicht werden. Obwohl die bisher stark frequentierten Fluchtrouten weitestgehend nicht weiter passierbar sind und dadurch der Zuzug von Menschen merklich abgenommen hat, findet weiterhin eine Einreise von geflüchteten Menschen in das Bundesgebiet und damit letztlich auch in die Kommunen statt.

Insbesondere im Hinblick auf die negativen Schlagzeilen der letzten Monate im Zusammenhang mit geflüchteten Menschen ist das bürgerschaftliche Engagement wichtiger denn je. Die Einbindung und Beteiligung der Menschen vor Ort ist daher für das Gelingen der Integration unerlässlich.

Herausforderungen proaktiv angehen

Das Thema Integration ist für die Stadt Celle kein neues Thema. Die größte Minderheit in Celle sind die ezidischen Kurden aus der Türkei und dem Nordirak, die seit mehreren Generationen in Celle leben und arbeiten. Bereits im Sommer 2014 machten Celler Eziden auf die Situation der ezidischen Kurden im Sindschar-Gebirge aufmerksam. Tausende mussten das Sindschar-Gebirge verlassen, um den IS-Kämpfern zu entkommen. Die Stadt Celle hat einen guten Kontakt zu der Ezidischen Gemeinde und pflegt diesen sorgfältig. Auf der Grundlage eines Kooperationsvertrags zwischen der Stadt und der Gemeinde finden in regelmäßigen Abständen Austausch und Information statt. Die Stadt Celle hat zuverlässige Strukturen geschaffen, um Integration und Partizipation zu gewährleisten. Insbesondere mit der Einrichtung der Celler Zuwanderungsagentur 2016 als Eigenbetrieb haben wir einen neuen Weg beschritten, der deutlich macht, dass es nicht nur um die Bewältigung der Aufnahme von Geflüchteten geht, sondern um Zuwanderung, die auch in den kommenden Jahren ein relevantes Thema sein wird. Die Zuwanderungsagentur steht deshalb auf drei Säulen – Betreuung der zugewiesenen Flüchtlinge (ZAS), Betrieb einer Außenstelle des Aufnahmelagers Braunschweig und Bildung und Qualifizierung der Geflüchteten in Zusammenarbeit mit allen anderen Akteuren in dem Bereich. Natürlich wird das Thema Flucht und Migration in der Bevölkerung kontrovers diskutiert. Die Bevölkerung will wissen, wie Neuzugewanderte in Celle unterkommen und wie sie letztendlich integriert werden sollen. Vereinzelt gibt es auch Beschwerden aus der Nachbarschaft zu diversen alltäglichen Gegebenheiten. Glücklicherweise sind dies Einzelfälle. Dass es in Celle so ruhig geblieben ist, ist auch den zahlreichen Informations- und Dialogveranstaltungen der Verwaltung zu verdanken. Die erste wurde bereits am 5. September 2015 durchgeführt, um öffentlich Auskunft zu dem am Tag zuvor eingerichteten Notaufnahmelager zu geben. Es hat sich gezeigt, dass ein offener Umgang mit allen Aspekten der Zuwanderung erforderlich ist, um eventuelle Bedenken und Ängste aufgreifen zu können und den Bürgerinnen und Bürgern zu vermitteln, dass sie ernst genommen werden. Die Aufklärung und Information wurde in den Dialogveranstaltungen durch hochkarätige Wissenschaftler unterstützt. Sie referierten zu vielen Aspekten der Migration und Zuwanderung. Die Inhalte waren vielschichtig und thematisierten u.a. religiöse, demografische, ökonomische und schulische Fragestellungen. Durch den Dialog gelang es, die Bevölkerung für das Thema positiv zu öffnen und mit den Sorgen und Ängsten fachgerecht umzugehen und Fragen kompetent zu beantworten.

Langjährige Integrations- und Präventionsarbeit ist neben der guten Polizeiarbeit wichtig, um der rechten Szene in Stadt und Landkreis zu begegnen. Die rechte Szene ist in den letzten Jahren zwar geschrumpft, dennoch existiert ein kleiner harter Kern. Seit acht Jahren setzt die Stadt Celle sehr aktiv in die Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus und für mehr Toleranz und Vielfalt in der Gesellschaft. In acht Jahren konnte die Verwaltung Fördermittel im Bereich der Integration in Höhe von mehr als 1 Million Euro akquirieren. Heute profitiert die Stadt von diesen Maßnahmen und seit 2015 ist die Stadt Celle eine der 234 Kommunen, die erfolgreich das Bundesprogramm Demokratie leben! – Partnerschaften für Demokratie in Celle umsetzen. So können nachhaltige Strukturen geschaffen werden, die Vernetzung und Zusammenarbeit der Akteure von Integrationsarbeit fördern.

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autor:
Dirk-Ulrich Mende
Weitere Informationen:

Dirk-Ulrich Mende war bis Februar 2017 Oberbürgermeister der Stadt Celle.

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