Für religiöse Vielfalt eintreten

 
Buchcover: Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive (Hg. Kirchenamt der EKD)

Im Rahmen der Interkulturellen Woche engagieren sich zunehmend Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen für religiöse Vielfalt. Phantasievoll und kreativ laden sich vor Ort Menschen unterschiedlicher Religionen gegenseitig zum Kennenlernen und zu vielfältigen gemeinsamen Aktivitäten ein.

Die Religionsgemeinschaften haben an verschiedenen Stellen Grundaussagen zu ihrem Selbstverständnis im Zusammenleben in einer religiösen Vielfaltsgesellschaft getroffen. Beispielhaft dokumentieren wir Auszüge aus der Schrift der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Titel »Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive«.

Aus dem Geleitwort des Ratsvorsitzenden

• Ein positives Verständnis religiöser Vielfalt wird gerade dadurch ermöglicht, dass wir leidenschaftlich für unsere eigene Glaubensüberzeugung einstehen und die damit verbundene innere Freiheit spüren, anstatt unsere Identität aus der Abgrenzung zu gewinnen.

• Die Gewissheit im Glauben an Christus schließt auch das Bewusstsein dafür ein, dass Gottes Möglichkeiten, sich den Menschen bekannt zu machen, keine Grenzen haben. Damit ist der Weg gewiesen von einer bloßen Duldung anderer Glaubensüberzeugungen zu einer von Wertschätzung geprägten Toleranz.

• Es bedarf einer Haltung, die von wechselseitigem Hinhören und Wertschätzung geprägt ist. Das schärft das Gespür für eine Nähe, die Zusammengehörigkeit und das Bewusstsein der Unterschiedlichkeit miteinander zu verbinden weiß.

Vielfalt als Gegebenheit

• Die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen ist zu einer alltäglichen Erfahrung geworden.

• Zuwanderung, »Entkirchlichung« und vielfältige Formen individueller Selbstentfaltung führen zu einer religiösen Pluralität, die inzwischen weithin als Normalfall unser Leben bestimmt und prägt.

• Wir wollen unseren Beitrag zu einer offenen Bürgergesellschaft leisten, nicht zuletzt als Dienstgeber. Der Einsatz für Religionsfreiheit ist so in vielfältiger Weise voraussetzungsvoller und spannungsreicher als in der geschlossen-homogenen Situation der alten Volkskirche.

Ja zum Pluralismus

• Die evangelische Kirche nimmt den Pluralismus der Religionen und Weltanschauungen nicht nur als ein äußerliches Faktum hin (…). Sie bejaht ihn (…). Da sie die Welt, in der wir leben, als von Gott geschaffene und aus dem Elend der Gottesferne erlöste Welt begreift, sieht sie im Menschen von nebenan, aber auch in den Religionsgemeinschaften auf der anderen Straßenseite nicht nur geduldete Fremde oder tolerierte Andersgläubige, sondern Mitbewohner eines gemeinsamen Raums, Mitbürger einer gemeinsamen Polis und von Gottes Wort Mitangesprochene. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass es sich um Mitbürger handelt, welche die gemeinsame Welt anders deuten und erleben und also die Voraussetzungen des christlichen Glaubens nicht teilen. Die Nähe derer, die nicht zustimmen, folglich auch praktisch erfahrene Distanz und Widerspruch gegenüber ihrem eigenen Glauben, ist für evangelische Christinnen und Christen heute nichts Ungewohntes oder Überraschendes. Wie sie von sich selbst wissen, dass der eigene Glaube im Streit mit dem Zweifel steht und in Anfechtungen lebendig bleibt, wie sie den christlichen Glauben nur in der Vielfalt der Konfessionen kennen, so bejahen sie auch, dass andere Religionen in unserer Gesellschaft einen selbstverständlichen Platz haben, ebenso wie religiöse Abstinenz und Desinteresse.

Vielfalt und Glaube

… [ist] der Sachverhalt, dass menschliches Leben sich in einer Vielzahl von Religionen und Weltanschauungen vollzieht, aus Gründen des christlichen Glaubens ein Ausdruck der Freiheit, die wir nicht missen möchten.

Da der christliche Glaube eine je eigene individuelle Gewissheit ist, kann er nicht verantwortlich vertreten werden, ohne das Recht divergierender religiöser Überzeugungen und damit das Recht des religiösen Pluralismus anzuerkennen und zu stärken.

Religions- und Glaubensfreiheit

• Als Christinnen und Christen bejahen wir, dass anderen Religionen die gleichen Rechte der Glaubensfreiheit zukommen.

• Schon das evangelische Christentum selbst präsentiert sich in einer Vielfalt möglicher Lebensformen und ethischer Entscheidungen.

• Viele Grundüberzeugungen unseres Gemeinwesens wurden aus christlicher Überzeugung entwickelt und erstritten – aber manche mussten auch gegen Widerspruch und Zögerlichkeit der Kirchen durchgesetzt werden. Schon aus diesem Grund verbietet es sich, das ethische Fundament, das unterschiedliche Teile der Gesellschaft verbindet, auf dem Umweg historischer Ableitungen einseitig allein aus dem Christentum herleiten zu wollen.

• Die evangelischen Kirchen sind sich der Gefahren des Fundamentalismus (auch des christlichen Fundamentalismus) und der Strittigkeit aller Angelegenheiten des Glaubens bewusst. Aber sie ziehen sich deshalb nicht aufs Unbestreitbare zurück.

• Sie sehen sich herausgefordert, den Freimut des eigenen Bekennens mit der Anerkennung des Rechts, ihm nicht zuzustimmen, deutlicher zu verbinden, als das in früheren Jahrhunderten üblich war.

Zusammenleben mit Anderen

• Die Freiheit für den anderen verdient es, ernst genommen zu werden. Niemand kann heute für sich beanspruchen, über das Zusammensein mit Anderen nach Taufbuch oder Religionszugehörigkeit definitiv zu entscheiden, vielmehr wächst Gemeinschaft der Verschiedenen auf vielen Feldern, über die kein Mensch souverän verfügt. Darum leben Christinnen und Christen in Schulen und Sportvereinen, in Nachbarschaft und an Arbeitsstellen, in Parteien und Bürgerinitiativen mit Menschen zusammen, die ihre eigene Lebensgewissheit nicht in der Verantwortung vor Gott oder nicht in der Verantwortung vor demjenigen Gott treffen, an den sie selbst glauben.

Kirchliche Dienste sind für alle da

• Wo die Kirche Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft übernimmt, in Kindertagesstätten und Schulen, in Krankenhäusern und Altenpflege, aber auch in der seelsorgerlichen Begleitung der Soldatinnen und Soldaten, engagiert sie sich nicht nur für Christinnen und Christen, sondern für alle, die auf christliche Nächstenliebe hoffen, auch für die, die selbst den diese begründenden christlichen Glauben nicht teilen.

Diakonie als Arbeitgeber

• Diakonische Einrichtungen und Werke beginnen, sich nichtevangelischen bzw. nichtchristlichen Mitarbeitenden zu öffnen. Die Spannung zwischen dem Bewahren und Fördern der eigenen evangelischen Identität und der wachsenden Diversität unter den Mitarbeitenden ist offensichtlich. Begriffe wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit können in der christlichen Tradition nur dann widerspruchsfrei entfaltet werden, wenn damit auch andere (nichtchristliche) Menschen eingeschlossen werden, ja mit Nächstenliebe auch außerhalb der Christenheit gerechnet wird: Der barmherzige Samariter (Lk 10,25-37) war weder Jude noch Christ, sondern Angehöriger einer religiösen Minderheit; vom Wirt, in dessen Gestalt die Diakonie seit ihren Anfängen ihre eigene diakonische Rolle entdeckte, weil er gegen Bezahlung die Pflege des unter die Räuber Gefallenen wahrnimmt, wissen wir gar nichts über seine religiöse Orientierung.

Islam

• Die evangelische Kirche nimmt ihre Verantwortung für das Gemeinwesen wahr, indem sie zunächst den Versuchen wehrt, die Muslime in unserem Land umstandslos nach Maßgabe der Erscheinungsformen des Islams in außereuropäischen Ländern zu beurteilen.

• Darum erinnert sie daran, was Europa dem Islam historisch verdankt, darum begrüßt sie die Entwicklung eines westlich geprägten Islams als Ausdruck der Inkulturation und Beheimatung bei uns.

 

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autor:
Kirchenamt der EKD (Hg.)
Weitere Informationen:

Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive - Ein Grundlagentext des Rates der EKD
Kirchenamt der EKD (Hg.)
Gütersloh 2015
Gütersloher Verlageshaus
ISB:978-3-579-05978-5

Vollständiger Text zum Runterladen: www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/christlicher_glaube.pdf
und als Online-Text: www.ekd.de/christlicher_glaube.htm