Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht … oder? - Gedanken zum Verhältnis von Christenmenschen zu Sorgen und Ängsten

 
Buchcover: Vor Gott sind alle Menschen gleich
Rassismus ist Sünde
An diesem Satz kann es ernsthaften Zweifel nicht geben. Die Einsicht ist gemessen am Alter der Kirchen eher jung, aber dafür fast in allen Kirchen akzeptiert. »Es ist verlockend, das Böse außerhalb der geliebten Gemeinschaft einzuordnen, … Wir können und müssen unsere eigenen Handlungen, die den Rassismus zementieren, bekennen und uns ihnen stellen, sowohl in dem, was wir getan, als auch in dem, was wir unterlassen haben in Kirche, Gesellschaft und persönlichen Beziehungen.«1 Der Lutherische Weltbund richtet sich mit seiner Erklärung aus dem Jahr 2015 nach den rassistischen Morden an neun afroamerikanischen Christ*innen in einer Kirche in Charleston direkt an die eigenen Mitglieder als Teil des Problems Rassismus.

Danach ist Rassismus nicht irgendein beiläufiges Fehlverhalten, sondern ein schweres Vergehen gegen Gott, grundlegend dem christlichen Bekenntnis entgegengesetzt, das auch von »eigenen Leuten« begangen wird. Wie sollte es auch anders sein, selbst wenn wir so gerne davon ausgehen würden, dass Christenmenschen von der Ebenbildlichkeit Gottes aller Menschen sich inspirieren lassen könnten, sollten, müssten. Es ist höchste Zeit, dass in kirchlichen Stellungnahmen in Deutschland stärker theologische Argumente ins Feld geführt werden. Deshalb hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus mit der kleinen Schrift »Vor Gott sind alle gleich« mit der theologischen Bearbeitung begonnen und ebenso wie das von der Ev. Akademie Berlin gegründete Netzwerk NARRT die Weiterentwicklung dieser Arbeit an Theologie und Religionspädagogik gefordert.

Sorgen und Ängste
Merkwürdig unberührt von dieser theologischen Einsicht verlaufen die Diskussionen um das Verständnis für die Sorgen und Ängste der Bürger*innen dieser schönen und privilegierten Republik. Kaum eine Diskussion über Rechtspopulismus und Pegida, die nicht mit diesen Ängsten und Sorgen bezogen auf Globalisierung und die damit möglicherweise und für einige real einhergehende Bedrohung der materiellen Situation und mit der durch Einwanderung verstärkten (phantasierten) Entfremdung von der eigenen Sprache, Religion und Kultur im besten Falle ringt, im schlechteren affirmativ Verständnis signalisiert.

Jenseits der Tatsache, dass bei den Aufmärschen der X-Gida Formationen weder sprachliche, noch religiöse noch kulturelle Höhen erreicht werden, drängt sich vor allem die Frage auf, was denn biblisch-theologisch bezogen auf solche Sorgen und Ängste zu bedenken wäre.

»Sorget nicht, denn Gott sorgt für euch«, »vertraut und fürchtet euch nicht«, das sind bei sehr realer Bedrohung und Gewalterfahrung durch die Heiligen Schriften hindurch Kernbotschaften biblischer Theologie. Alles Nicht-Vertrauen auf den Gott Israels und Vater Jesu Christi, alles Festlegen auf unsere Kategorien des Glücks und Selbstzuschreibungen scheinen mir biblischer Botschaft entgegenzustehen. Vielleicht am radikalsten bestritten in der Vision von Gemeinde, die Paulus

in Gal 3,28 vor Augen führt: »Hier ist nicht jüdisch noch griechisch, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht männlich noch weiblich.« Deutlicher könnten wir heute in Richtung rechtspopulistischer Versatzstücke von Geschlechterpolitik und Rassismus gar nicht sprechen. Sich darauf nicht in Vertrauen einlassen zu können, wäre wohl nur als Sünde zu bezeichnen. Und wer könnte behaupten, dass er oder sie davon frei wäre.

Anteil an der Sünde haben
Hier liegt dann das Produktive der Rede von der Sünde für solches Ängstigen und Sorgen: Es kann natürlich ge- und bestritten und gekämpft werden, aber immer nur in der Perspektive, dass wir an dieser Sünde alle Anteil haben, individuell und strukturell, immer wieder und immer wieder neu. Das stellt keine Verharmlosung der hasserfüllten Formen des Auslebens dieser Sünde dar, aber es richtet sich gegen die Arroganz derjenigen, die sich von dieser Sünde frei fühlen. Deshalb hat sich im Säkularen auch ein Begriff wie Rassismuskritik zunehmend gegen »Antirassismus« durchgesetzt, weil er signalisiert, dass hier auch Selbstkritik am Platz ist und es nicht immer nur die Anderen sind. Auf theologischem, kirchlichem Gebiet könnte das der leider unüblich und moralin überformte Begriff der Sünde tun.

Heinz Bude endet in seinem berühmten Buch »Gesellschaft der Angst« mit Tillich und seinem »Mut zum Sein«2, der Angst als Entlarvung von den Lebenslügen von Glanz, Ruhm und Reichtum sieht, und als Teil einer zarten Hoffnung darauf, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Das wäre das Gegenteil von Angst, die den Verlust des gegenwärtig Erreichten (was immer es sei, Macht, materieller Wohlstand usw.) befürchtet und sich gegen Veränderung bzw. Aufweichung von weltpolitisch festgelegten Hierarchien von erster bis sogenannter dritter Welt, von Mann nach Frau, von Weiß nach Schwarz abschotten will.

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autor:
Christian Staffa
Weitere Informationen:

Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche der Evangelischen Akademie zu Berlin.
Kontakt: staffa@eaberlin.de


narrt - Netzwerk antisemitismus- und rassismuskritische Religionspädagogik und Theologie

Warum haben wir in Religionspädagogik und Theologie so wenig explizites Arbeitsmaterial zur Verfügung, um mit christlicher Begrifflichkeit rassistischen und antisemitischen Selbstbildern und Gesellschaftsvorstellungen etwas entgegenzusetzen?

Darauf gibt »narrt« unterschiedliche Antworten. Das Netzwerk will dazu beitragen, Lücken zu schließen. Mehr zum Selbstverständnis von »narrt« auf: www.narrt.eaberlin.de

Die Website dient als Plattform für Veranstaltungen, die sich wissenschaftlich oder fachspezifisch-praktisch mit den Themen auseinandersetzen. Außerdem bietet sie Material, das sich theologisch mit Geschichte und Gegenwart von rassistischer, antisemitischer und sexistischer Praxis auseinandersetzt, sowie mit der religionspädagogischen und theologischen Adressierung dieser Wirklichkeit.


Buch: "Vor Gott sind alle Menschen gleich - Beiträge einer rassismuskritischen Religionspädagogik und Theologie"

Mit Beiträgen von Dr. Eske Wollrad, Rainer Möller, Silke Radosh-Hinder, Dr. Christian Staffa, Dominik Gautier und Ayşe Cindilkaya.

Hrsg.: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Evangelische Akademie zu Berlin und Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus.
http://bagkr.de --> Online-Handreichung