Vielfalt verbindet: eine Vision, eine Utopie

 
Das Motiv "Vielfalt verbindet."- Plakat und Postkarte für die IKW 2017, Gestaltung: Ballhaus West, Berlin

»Vielfalt verbindet«. Das Motto der Interkulturellen Woche 2017 ist eng verbunden mit einer Bildsymbolik: ein Zopf, geflochten aus 12 Fadensträngen – violett, rot, blau, weiß, pink, blaugrün, schwarz, gelbgrün, hellgrün, gold, gelb, kupfer. Symbole für Ethnien, Sprachen, Kulturen, Religionen, Weltanschauungen, Denkweisen, Lebensformen …

Die Botschaft ist klar und bedarf kaum einer Deutung: Menschsein ist vielfältig, vielgestaltig, bunt, lebendig – reichhaltiger, als man es in Worte und Bilder fassen kann. Und: All dies zusammen, nur all dies zusammen verbindet sich in dem unendlich großen Wort MENSCH. Nichts darf fehlen. Was sollte man noch hinzufügen?

Die Deutung ist eindeutig. Sie kann auch von allen verstanden werden. Nur stößt sie leider auf sehr unterschiedliche, ja gegensätzliche Reaktionen. Es geht ja nicht um grundsätzlich-philosophische Reflexion zum Thema Menschsein – eine Ebene, auf der wahrscheinlich einiges an Einverständnis zu erzielen wäre –; nein: dies alles ist unlösbar verflochten mit einem weltanschaulichen, gesellschaftlichen, gesellschaftspolitischen Kontext, der durch sehr polarisierte Gegensätze und zwischen diesen durch ein breites Kontinuum von Unsicherheit, Ratlosigkeit, Indifferenz gekennzeichnet ist. Auch von Sorgen unterschiedlichster Art; auch von Angst; und nicht zuletzt von der Angst derer, die sich vor der Angst der vermeintlichen Mehrheit fürchten, die sie schüren und gleichzeitig zu besänftigen versuchen. Anders gesagt: das schöne Symbol der Interkulturellen Woche 2017 steht in der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation in einem dramatischen Spannungsfeld und ist daher eben nicht nur ein schönes Symbol, sondern ein Bekenntnis. Es ist ein Bekenntnis dagegen, sich durch Abgrenzung und Ausgrenzung zu profilieren und sich seiner eigenen Identität zu versichern. Es ist eine Vision, eine Orientierungsanzeige, eine Kompassnadel, die den Weg weist, ohne dass wir schon wüssten, wie wir ans Ziel kommen und ob wir jemals ans Ziel kommen. Es ist eine Utopie: etwas, was noch nie dagewesen ist und doch als Hoffnung aufscheint. Vielfalt trennt nicht, Vielfalt verbindet.

Als Martin Luther King am 28. August 1963 beim »Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit« seine berühmte Rede mit dem Satz einleitete: »Ich habe einen Traum«, da hatte er die konkrete Situation der Diskriminierung afroamerikanischer Bürgerinnen und Bürger der USA vor Augen. Heute hätte dieser Traum viel weitergehende Dimensionen. Er würde das Schicksal ungezählter Flüchtlinge und Armutsmigranten betreffen, den viel zitierten »Clash of Civilizations« oder – positiv formuliert – das Ringen um interkulturelle und interreligiöse Verständigung. Er würde die Verzweiflung der Chancenlosen betreffen und den Zynismus derer, die unverdienterweise auf der Seite des Globus mit gemäßigtem Klima stehen (ausnahmsweise nicht auf der so genannten »Sonnenseite«, die in Wirklichkeit zur Armuts- und Elendsseite geworden ist). Martin Luther Kings Traum (und mein, des Autors, Traum) wäre heute ein inklusives Gemeinwesen, das aus einer Vielfalt von Lebensentwürfen, Lebensgeschichten und Lebenskonzepten besteht; das aus Menschen unterschiedlichster ethnischer, kultureller, religiöser Prägung besteht; in dem Vielgestaltigkeit nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall ist. Anders gesagt: ein Gemeinwesen, in dem nicht die Fragen im Vordergrund stehen: »Woher kommst Du? Was denkst und glaubst Du? Wie lebst Du?“, sondern: »Wer bist Du?« In dem es um Menschen geht und nicht um Zuschreibungen.

Solche Visionen bewirken Veränderung. Allerdings lösen sie auch Verunsicherung aus. Und zur Vielfalt eines Gemeinwesens gehört es auch, die Stimmen derer zu hören, ernst zu nehmen, die sich damit schwer tun. Es gibt immer ein Recht auf eine andere Sicht der Dinge. Aber es gibt kein Recht darauf, dem anderen Menschen seine Würde und sein Recht auf ein menschenwürdiges Leben zu bestreiten. Das ist eine Grenze, die nicht verhandelbar ist.

Zurück zu unserem Bild. Drei Aspekte müssen noch hinzugefügt werden. Der erste Aspekt: Die vielen Stränge, die sich zu einem Ganzen verflechten, haben jeweils ihre eigene Herkunft. Sie alle sind in sich eigenständig; und sie alle sind auch für sich alleine reißfest und stark. Es gibt eine Eigenwertigkeit und eine Würde jedweder Herkunft. Niemand kann für sich beanspruchen, bevorzugt zu werden. Der zweite Aspekt: Auch wenn sich diese vielen »Herkünfte« zu einem gemeinsamen Ganzen verflechten, so bleiben sie doch in ihrem Eigensein erkennbar. Sie müssen sich nicht anpassen, nicht aufgeben; sie werden nicht nivelliert. Sie haben das Recht, sie selbst zu sein. Gleichberechtigt. Aber jede Herkunft würde, sollte sie fehlen, das Gemeinsame schwächen. Und der dritte Aspekt: Ein Rückweg, eine rückwirkende Auflösung des vielfältig Verflochtenen ist nicht möglich. Das Leben verläuft nie rückwärts gerichtet, immer nur nach vorne. Auch eine Rückkehr zu früheren angeblich homogenen Gesellschaftsbildern, sollte es sie denn jemals gegeben haben, wäre ein Weg nach vorne. Er wäre allerdings destruktiv, weil er zerstören würde, was gewachsen oder im Wachsen begriffen ist.

Es ist eine Utopie, gewiss. Aber wenn wir uns nicht darauf besinnen, wohin die Kompassnadel weisen soll, verlieren wir uns im Ungefähren und Unverbindlichen oder im diktatorischen Anspruch einer Minderheit, die behauptet, die Mehrheit zu sein.

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autor:
Thomas Broch
Weitere Informationen:

Dr. Thomas Broch ist Bischöflicher Beauftragter für Flüchtlingsfragen der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Kontakt: tbroch@bo.drs.de