»Wir hören sie in unseren Sprachen von den grossen Taten Gottes reden«

 
Apostelgeschichte 2, 11
Musica del Paradiso auf der IKW Tagung 2017; © interkulturellewoche.de

Pfarrerin Aguswati Hildebrandt Rambe hielt diesen Impuls bei der Morgenandacht im Rahmen der Bundesweiten Vorbereitungstagung zur IKW am 18. Februar 2017 in der Stiftskirche im Stephansstift in Hannover.

Vielfalt verbindet! Es klingt provokativ und jenseits des »normalen« Gedankens, der meint, dass nur Einheit oder Gemeinsamkeit eine verbindende Kraft hat, während Vielfalt eher zu Chaos führt.

Die Denkweise, dass Vielfalt für das Gemeinsame bedrohlich ist, findet sich nicht nur dort, wo Demokratie und gesellschaftliche Pluralität infrage gestellt werden, sondern selbst bei interkulturell engagierten Menschen, zum Beispiel innerhalb unseres Freundes- oder Kollegenkreises. So hat mich ein Kollege einmal kritisch hinterfragt, als ich über die Kraft der Vielfalt referiert habe. Er meinte, ob Vielfalt denn nicht immer auch Beliebigkeit bedeuten würde.

Auch im Zuge gesamtgesellschaftlicher Polarisierungen spüren wir, wie der Begriff »Vielfalt« bei manchen starke Unsicherheiten und Ängste auslöst: Angst, die eigene Kultur und Identität in diesem vielfältigen Gebilde zu verlieren. Aber wie kann man seine Identität verlieren? Gibt es etwa eine statische Kultur, die sich nie verändert hat?

Noch erstaunlicher ist es, wenn Christen die Vielfalt hinterfragen, weil die Bibel, auf der wir unseren Glauben bauen, selbst ein Zeugnis der Vielfalt par excellence ist. Die biblischen Narrative von Gottes Schöpfungs- und Heilswerk werden auf vielfältige Weise erzählt. Und die Bibel erzählt von Erfahrungen von Menschen mit Gott in unterschiedlichen kulturellen, soziopolitischen und sogar religiösen Kontexten. Die Geschichte von Pfingsten in der Apostelgeschichte 2 ist eine von vielen. Es wird dort sogar vom »Pfingstwunder« erzählt, dass Menschen unterschiedlicher Sprache und Herkunft die Jünger Jesu aus Galiläa hörten, wie diese Gottes große Taten in verschiedenen Sprachen verkündeten. Manche reagierten mit Entsetzen oder Verwunderung. Plötzlich konnten die Menschen die Botschaft der Jünger in der jeweils eigenen Sprache verstehen, obwohl sie wussten, dass diese Jünger aus einer anderen Region, aus Galiläa stammten.

Im Pfingstereignis geht es bei Vielfalt nicht darum, einfach Unterschiede zu betonen oder zu bejahen. Sie führt gerade nicht zu Beliebigkeit, sondern hat ein inhaltliches Gewicht: Im Mittelpunkt des Pfingstereignisses steht die Befähigung der Jünger, von großen Taten Gottes in verschiedenen Sprachen zu erzählen (v.11: »Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden«). Nicht die Einheitlichkeit führt zur Verständigung (– auch nicht eine »Leitkultur« oder dominante Sprache –), sondern der Geist Gottes befähigt Menschen aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten, ihre vielfältigen Erfahrungen mit Gottes großen Taten zum Ausdruck zu bringen und miteinander zu teilen.

Auch bei der IKW geht es nicht einfach nur darum, einmal im Jahr die Vielfalt in der Gesellschaft ans Licht zu bringen. Sondern sie ist ein Ereignis, in dem viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen in dieser Gesellschaft ihre vielfältigen Erfahrungen und Hoffnungen auf eine bessere und gerechtere Welt erzählen, voneinander hören und lernen sowie sich gegenseitig darin bestärken, dass gesellschaftliche Vielfalt nicht nur eine Realität, sondern eine Gabe Gottes ist. Und diese vielfältigen Erfahrungen entfalten ihr Potenzial als eine verbindende Kraft in einer immer mehr von Polarisierung bedrohten Gesellschaft.

»Vielfalt verbindet« heißt nicht, am Schluss doch zur Einförmigkeit zu gelangen, sondern es bedeutet, den Mut zu haben, von den großen Taten Gottes, von den Friedensverheißungen und Rettungen Gottes zu reden, ja, sich daran auszurichten. »Vielfalt verbindet« bedeutet auch den Mut zu haben, eine verbindende Botschaft trotz unterschiedlicher Sprachen und Dialekte weiterzutragen, eine Botschaft der Hoffnung, der Gerechtigkeit, des Frieden und der Bewahrung der Schöpfung.

Wir sind deshalb gestärkt und ermutigt durch die Gegenwart des Geistes Gottes, der uns die Vielfalt der Sprachen gibt, um eine verbindende Botschaft zu wahren. Gott schenke uns immer wieder neu den Geist der Verständigung, um seine großen Taten zu verkünden.
Amen

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autorin:
Aguswati Hildebrandt Rambe
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Pfarrerin Dr. Aguswati Hildebrandt Rambe ist Ansprechpartnerin für Ökumenische Beziehungen zu evangelischen interkulturellen Gemeinden in Bayern und Mitglied im ÖVA.

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