Impulse für den Umgang mit Rechtspopulismus im kirchlichen Raum

 
Ausschnitt aus dem Cover der Broschüre "Impulse für den Umgang mit Rechtspopulismus im kirchlichen Raum"

Die Handreichung gibt Hintergrundinformationen zu Rechtspopulismus und zu neurechten Bewegungen und Akteuren und ihrem Agieren im kirchlichen Raum. Neben der Auseinandersetzung mit Personen, die sich in der Gemeinde rechtspopulistisch äußern oder agieren, bietet die Handreichung konkrete Ideen und Strategien aus dem christlichen Selbstverständnis heraus. Hinweise zur Durchführung von Veranstaltungen im kirchlichen Raum und darüber hinaus werden ebenso gegeben wie Beispiele für gelungene Veranstaltungskonzepte. Aber auch Analysen von Veranstaltungen, bei denen die Instrumentalisierung durch Rechtspopulist*innen nicht verhindert werden konnte, sind enthalten.

Wir dokumentieren einen Auszug. Zum Bezug der Broschüre in gedruckter oder elektronischer Form beachten Sie bitte den Kasten.

Die entzweite Gesellschaft
Die bundesdeutsche Gesellschaft erscheint heute außerordentlich emotionsgeladen und polarisiert. Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingsskeptiker*innen, Anhänger*innen der rassistischen Pegida-Bewegung, Rechtspopulist*innen und Neonazis auf der einen Seite sowie Unterstützer*innen der Aufnahme Geflüchteter, Haupt- und Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe, Menschen mit größerem Vertrauen in die Lösungsfähigkeiten des demokratischen Systems und seiner Instanzen auf der anderen Seite sind alltäglich.

Vielen Menschen machen die unzähligen ungelösten Konflikt- und Kriegssituationen in der Welt und die dadurch hervorgerufenen Flüchtlingsbewegungen Angst. Die Empörung über die unzulängliche Hilfe für Geflüchtete und Asylsuchende durch die Weltgemeinschaft und die Europäische Union sowie den Tod unzähliger Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer ist berechtigt. In vielen Pfarr- und Kirchengemeinden gibt es das Bedürfnis, eigene Ängste und die Polarisierung der Gesellschaft durch Gesprächsangebote überwinden zu helfen.

Ein solcher Wunsch ist sehr verständlich, ist es doch ein Anliegen der Kirchen, dem gesellschaftlichen Frieden zu dienen. Gesprächsangebote können auch hilfreich und fruchtbar wirken, wenn sie nicht einfach auf Harmonie zielen oder gar geistigen Brandstifter*innen Podien bieten. Sie sollten vielmehr das christliche Bekenntnis zur Gottebenbildlichkeit jedes Menschen (Gen 1,27) umsetzen helfen.

Kirche ist menschenfreundlich und damit nicht neutral
Berechtigt sind Gesprächsangebote dann, wenn sie auf Veränderung der mancherorts auch in Kirchgemeinden geäußerten menschenfeindlichen Positionen Einzelner und die Unterstützung derer zielen, die unserer Hilfe und Solidarität bedürfen. Aus dem biblischen Liebesgebot, also dem, was Fremde für Christ*innen bedeuten, folgt nämlich ein unveräußerliches christliches Bekenntnis: Fremde müssen geschützt werden. Es kann daher in solchen Bekenntnisfragen keine schlichte, »neutrale« Moderator*innenrolle für Kirchen- und Pfarrgemeinden oder die dort Verantwortung tragenden Personen geben. An dieser Stelle sollen einige grundlegende theologische Aspekte in die derzeitige Diskussion um die Aufnahme und Inklusion geflüchteter Menschen bzw. den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit ihnen eingebracht werden:
  • Grundsätzlich ist die christliche Botschaft eine egalitäre, die eine Ungleichwertigkeit verschiedener Menschengruppen weder vorsieht noch erlaubt. »Vor Gott sind alle gleich« (Gen 1,27), heißt es in der Bibel, was bedeutet: Die Menschenwürde ist unteilbar. Die Gottebenbildlichkeit des Menschen als biblische Grundlegung kann ergänzt werden durch die biblische Rückführung aller Menschen auf Adam und Eva. Die Rabbinen sagen hierzu, »damit sich keine*r über den oder die Andere erhebe«. Gleichzeitig bezieht sich die biblische Botschaft realistisch auf die gängige Gewaltförmigkeit menschlicher Gesellschaften. Sie ist bestrebt, Streit zu kanalisieren, Gewalt einzudämmen und auch Täterschaft, Fehlverhalten, Sündhaftigkeit zu benennen. Diese Orientierung geht bis zu Jakob und Esau, die dann ganz pragmatisch auseinandergehen, weil sich keine wirklich friedliche Lösung abzeichnet.
     
  • Trotz dieser grundsätzlich klaren biblischen Botschaft, so heute die selbstkritische Einsicht der europäischen Kirchen, waren und sind zum Teil Gewalt, Rechtfertigung von Unterdrückung und Ausbeutung, Rassismus und Antisemitismus Teil kirchlicher Wirklichkeit. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass menschenfeindliche Einstellungen in den Kirchgemeinden vorzufinden sind, und es ist auch nicht ehrenrührig, diese offen zu adressieren, um sie in einem inneren Kommunikations- und Verständigungsprozess bearbeiten zu können.
     
  • Gleichzeitig bedeutet der nüchtern-selbstkritische Blick in die Geschichte aber auch, keine Beliebigkeit hervorzubringen. Vielmehr sollen Lernprozesse ermöglicht werden, ebenso wie die Annäherung an das unverzichtbare Bekenntnis zur Unversehrtheit der Anderen und der Gleichwertigkeit aller innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Ohne diese innere Arbeit, ja vielleicht sogar »innere Mission«, bleibt christliches Zeugnis nach außen hohl. Nach dem Motto »Kirche ist für alle da, aber nicht für alles« (Werner Leich, ev. Landesbischof in Thüringen von 1978 bis 1992) können Christenmenschen aber keinesfalls neutral bleiben, wo Flüchtlinge pauschal diskreditiert werden und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geschürt wird.

Öffentlicher Kontext über die Kerngemeinde hinaus, z. B. öffentliche Diskussions- oder Wahlinformationsveranstaltungen:
Manche Gemeinde fühlt sich dazu berufen, der Kirchen- oder Bürgergemeinde einen Raum für die Diskussion zur Verfügung zu stellen, um eine ernsthafte Auseinandersetzung zu ermöglichen. Dabei gilt es allerdings zu beachten, dass Kirche kein wertfreier Raum ist. Ihr Wirken fußt auf den Weisungen der Heiligen Schrift, in der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, der Einsatz für die Schwachen und Unterdrückten dem Willen Gottes entsprechen. Politischer Einsatz, der diesen Idealen diametral zuwider läuft, ist ebenso eine sündhafte Abweichung vom Willen Gottes wie Diebstahl oder Mord, die es anzusprechen und bei Bedarf offensiv zurückzuweisen gilt.

Gemeindebezogener Kontext innerhalb der Kerngemeinde, z. B. Kirchenchor, Gemeindegruppenarbeit, Pfarr- und Kirchgemeinderat:
Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass innerhalb unserer Gemeinden, wie im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung auch, Menschen anzutreffen sind, die rechtspopulistischen Positionen zustimmen. Einzelne solcher Haltungen zur Familienpolitik, der Rollenverteilung zwischen Frau und Mann, Feindlichkeit gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe und zur Überhöhung der eigenen Religion sind gerade in christlich-reaktionären Kontexten populär. Andere, wie Feindlichkeit gegenüber Muslimen, Ablehnung der Europäischen Union, Demokratieverdrossenheit oder Medienschelte, finden sich in allen Teilen der Gesellschaft gleichermaßen. Es gilt demnach, genau hinzuhören: Nicht jede Kritik an der konkreten Ausgestaltung des Asylsystems entspringt rassistischen Motiven. Wer aber mit homophoben, fremdenfeindlichen oder rassistischen Äußerungen auftritt, stellt sich außerhalb christlicher Lehre – egal, ob dies in einem rechtsextremen oder rechtspopulistischen Kontext oder auch nur im zwischenmenschlichen Gespräch geschieht.

Seelsorgerlicher Kontext und Einzelgespräche, z. B. Taufgespräch, Beichte, etc.:
Pfarrer*innen meinen zu Recht, dass Protagonist*innen asylfeindlicher Gruppen, die sich als Christ*innen verstehen, das Recht haben, auch mit Personen anderer Ansicht ins Gespräch zu kommen – und dass Seelsorger*innen in der Pflicht sind, dafür Räume zu schaffen. Hierfür sind neben Einzelgesprächen auch Gruppengespräche im kleinen Kreis vorstellbar. Diese sollten allerdings gut moderiert werden und allen Positionen ausreichend Raum geben. Hierbei gilt es, die Blickrichtung und Themensetzung zu weiten. Es sollte insbesondere in den Blick genommen werden, in welchen Situationen sich geflüchtete Menschen befinden: traumatisiert, in fremder Umgebung fern der erworbenen Sicherheiten und mit Fähigkeiten und Ressourcen, die zu wenig wahrgenommen werden. Darüber hinaus sollte bedacht werden, dass sich immer mehr in der Flüchtlingshilfe aktive Menschen massiven Auseinandersetzungen und Angriffen in Familien- und Freundeskreisen ausgesetzt sehen. Das bedeutet für viele wirkliche Seelennöte und Verunsicherungen, die seelsorgerlich aufgefangen werden müssen.

Verlegen Sie deshalb Ihre Kommunikation in Räume, die für gelebte Demokratie und Menschenrechte stehen. Die Situation der von Rassismus, Hass und Gewalt betroffenen Menschen rückt in solchen Räumen besonders in den Fokus. Diese Menschen müssen sich sicher und wertgeschätzt fühlen können, ihnen gilt die gelebte christliche Nächstenliebe. Ihre Erfahrungen dürfen nicht durch einen Dialog mit Personen diskreditiert werden, die den Nährboden für Hass, Gewalt und Menschenfeindlichkeit bereiten oder die zu diesen Aussagen applaudieren.

 
Materialheft:
Gliederung 2017
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