Mehr Selbstbewusstsein durch Hip-Hop: Ein Tanzprojekt erweckt Talente von jugendlichen Roma

 
Die jugendlichen Roma tanzen unter Anleitung des Chef-Coach Jugoslaw Selimovic (vorne in der Mitte) Hiphop, Breakdance, Popping oder Krump. © IN VIA, Köln

Die Vorurteile gegen Sinti und Roma sitzen tief in der Gesellschaft. Das verhindert, dass die Kinder und Jugendlichen dieser Minderheit mit Stolz ihre eigenen Stärken sehen können. Das Tanzprojekt »Vorbilder inspirieren – Kultur bereichert« des katholischen Verbands IN VIA Köln will dem entgegenwirken.

Nex tanzt mal wieder aus der Reihe. Gut so. Der 16-jährige schlaksige Junge tritt in die Mitte, presst seinen Rücken fest auf den Turnhallenboden, drückt sich ab und wirbelt um die eigene Achse über den staubigen Linoleumboden. »Drei Minuten Tanzen ist wie 90 Minuten Fußball spielen – aber viel besser«, sagt er keuchend. Nex hat seine Leidenschaft gefunden beim Projekt »Vorbilder inspirieren – Kultur bereichert«.

30 Auftritte vor jeweils großem Publikum, mehr als 150 Jugendliche im Tanztraining, acht Trainerinnen und Trainer, zehn Junior-Coaches sowie mehrere Auszeichnungen und Preise – das sind die Erfolgszahlen des Tanzprojekts unter dem Dach von IN VIA Köln. Birgit Urbanus hat das Projekt vor zwei Jahren aufgebaut. Die Grundidee: »Tanz und besonders Hip-Hop ist Jugendkultur – über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg.« Im Zentrum steht dabei die Ausbildung jugendlicher Roma zu Tanz-Coaches. »Sie sind Multiplikatoren und Vorbilder im besten Sinne, denn trotz ihrer teilweise holprigen Biographien sind sie wichtige Schritte in Richtung selbstbestimmtes Leben gegangen und sind gerade deshalb vorbildliche Integrationshilfen«, erläutert die Projektleiterin. Neben dem Ziel, das Bild der jungen Roma in der Öffentlichkeit zu verbessern, wird den Jugendlichen über das Projekt ein Weg aufgezeigt, wie sie ihre Talente fördern und sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen können. Die ausgebildeten Tanz-Coaches studieren mit den Mitschülern eine Hip-Hop-Choreographie ein und zeigen ihr Können öffentlich. Dabei sind Auftritte bei »Schule ohne Rassismus«, dem »Kinder- und Jugendgedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus« und dem »Internationalen Tag gegen Rassismus« Highlights der Arbeit.

Etwas beherrschen hilft

Wöchentlich kommen die Jugendlichen zusammen, um Hip-Hop, Breakdance, Popping oder Krump zu tanzen. Chef-Coach des Tanzprojekts ist Jugoslaw Selimovic. Er arbeitet die Choreographie aus und ist für die meisten Mädchen und Jungs der Hip-Hop-Held schlechthin: »Ich bin selbst Roma und Tanzen ist mein Traum und meine Leidenschaft. In den Schülern sehe ich mich selbst, wie ich früher gelernt habe. Es ist dieser Ehrgeiz, mit dem man den einen Trick unbedingt lernen will.« Geboren wurde Jugoslaw Selimovic in Montenegro. Dort ist es wie überall: Die Roma stehen auf der untersten Stufe der Gesellschaft. In den 1990er Jahren kommt die Familie Selimovic nach Köln. Als der damals 11-jährige Jugoslaw im Fernsehen eine Breakdance-Gruppe sah, hat es bei ihm gefunkt. Fünf Jahre hat er tanzen geübt und wurde zusammen mit seinem Bruder sehr erfolgreich.

Heute ist Jugoslaw 27 Jahre alt und selber Tanztrainer. Schwerpunkte dabei sind die Freude an der Bewegung, eine Verbesserung des Körpergefühls, Teamarbeit innerhalb der Gruppe durch die Choreographien und das Einüben von neuen Figuren. »Beim Breakdance lernt man seinen Körper kennen und spüren.« Eine Entwicklung, die auch Kristina durchgemacht hat. »Das Projekt hat mir natürlich sehr beim Tanzen geholfen, aber auch Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und mehr Mut hat es mir eingebracht«, sagt die 16-Jährige. »Wenn ich auf der Bühne vor so vielen Menschen stehe, ist das im ersten Moment gruselig, aber dann fühlt es sich an, wie zu Hause zu sein. Es ist krass, wie so ein kleiner Auftritt so große Gefühle hervorbringen kann.« Kristina ist eine Nachwuchstrainerin. Mit ihren Mitschülern trainierte sie im letzten Schuljahr eine Hip-Hop-Tanzchoreographie ein. Im Sommer machte sie ihren Schulabschluss. »Mein Traum ist es, ein Tanzstudio zu leiten, in dem alle, auch die, die kein Geld haben, unterrichtet werden.«

Unsicherheit macht Sorgen

Die tanzenden Kinder und Jugendlichen kommen aus dem Irak, Serbien, der Türkei oder Russland. Nicht alle sind Roma oder Sinti. Aber eines haben alle gemeinsam: »Diese Kinder haben andere Sorgen als gute Mathe- und Deutschnoten«, weiß Birgit Urbanus. Manche Kinder sind durch die Flucht oder durch den Krieg traumatisiert, ihre Eltern haben keine Arbeit, finden keine Wohnung und viele Familien haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland – das prägt den Alltag der Kinder. »Sie leben in einem Schwebezustand – sie bangen und hoffen mit ihren Eltern auf Aufenthaltsgenehmigungen.«

Foto 2: Kristina tanzt eine Dancebattle mit Schülern der Kopernikus Hautpschule.  © IN VIA, Köln

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Kategorie: 
Autorin:
Andrea Steinhart
Weitere Informationen:

Andrea Steinhart ist freie Journalistin.
Kontakt: andrea.steinhart@tesionmail.de

Aus: MIGrations-MAGazin, 3/2016, Katholische Arbeitsgemeinschaft Migration (KAM) (Hrsg.)