»Heterogenität verlangt in vielen gesellschaftlichen Bereichen nach neuen Ideen«. Antworten auf aktuelle Fragen von Jochen Oltmer

 

Migration ist kein neues Phänomen. Welche Auswirkungen hat sie heute?

Migration war schon immer ein hochpolitisches Thema. Wir sehen das auch an den aktuellen Debatten. Es werden schnell Begriffe aufgerufen, wie etwa der des Wirtschaftsflüchtlings, die explizit negativ konnotiert sind. Wenn man die Menschen, die zu uns kommen, als Arbeitsmigranten bezeichnen würde, dann wäre ihre Bewegung schon nicht mehr so negativ konnotiert, obwohl es die gleichen Personen sind. Es kommt sehr stark auf den Blickwinkel an, auf die Kategorisierung. Und diese Kategorisierung ist von sehr unterschiedlichen Aspekten abhängig. Wir können beispielsweise grob sagen, dass in Konstellationen, in denen in einem Land oder einer Region die wirtschaftliche Entwicklung und die Arbeitsmarktperspektiven günstig sind, Zuwanderung positiver wahrgenommen wird als in Gebieten, in denen eher eine Wirtschaftskrise herrscht, in denen die Zukunftserwartungen negativer sind.

Jenseits von Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung geht es im Kontext von Migration um Näheverhältnisse, die nicht per se bestehen, sondern in einer zum Teil breiten gesellschaftlichen Aushandlung unter Beteiligung vieler Akteure stets neu produziert werden: Es geht immer um die Frage, ob zu bestimmten Gruppen eine gewisse Nähe hergestellt wird. Syrische Schutzsuchende wurden beispielsweise bis in das Jahr 2015 relativ positiv gesehen. Krieg und Bürgerkrieg schienen ihnen keine andere Chance zu bieten, als zu fliehen. Hilfeleistung galt als geboten. Eine solche Notwendigkeit ist aber bei anderen Gruppen nicht in dem Maße gesehen worden, obgleich die Ausgangssituationen keine anderen waren. Wo bitte ist der Unterschied zwischen Syrien und Afghanistan? Ist eine Flucht aus afrikanischen Ländern wie etwa Libyen oder weiten Teilen der Demokratischen Republik Kongo, in denen seit den 1960er Jahren Krieg herrscht, weniger legitim?

Wir sind also mit sehr komplexen Fragen konfrontiert, warum die eine Bewegung akzeptiert wird und die andere nicht. Dabei lässt sich ein permanenter Wandel beobachten. In den 1990er Jahren war das Reden über die Probleme der Integration von Menschen, die aus der Türkei eingewandert waren, eigentlich vorbei. Dann kamen 2001 die Terroranschläge in Washington und New York. Nun galt der Stand der Integration wieder verstärkt als problematisch. Damals rückte das Element der Religion in den Vordergrund, das über Jahrzehnte keine große Bedeutung in der Debatte gehabt hatte. Seither gelten Muslime als das Hauptproblem der Integrationspolitik. Der Wandel von Sichtweisen auf bestimmte Gruppen, auf bestimmte Phänomene ist ganz zentral für das Verständnis des Umgangs mit dem Thema Migration.

Tut sich Deutschland schwerer mit Zuwanderung und Integration als andere Nationen?

Nicht schwerer als andere europäische Gesellschaften. Die Idee vom homogenen Nationalstaat verbindet sich in Europa immer wieder mit der Angst, diese vorgestellte Homogenität zu verlieren, wenn Menschen hinzukommen. Damit wird Migration als Gefahr, Gefährdung, auch als Verlust verstanden. Dennoch müssen wir differenzieren: Die Wahrnehmung von Migration wird auch in Europa immer wieder neu ausgehandelt. Das sehen wir beispielsweise im Kontext des Redens über Schutzsuchende und des Handelns im Blick auf die Aufnahme oder Abweisung von Asylsuchenden in den vergangenen Monaten. Selbst klassische Asylländer wie Großbritannien und Frankreich wollten in den vergangenen Jahren keine Asylsuchenden ins Land lassen, während in Deutschland bis weit in das Jahr 2015 hinein die Konstellation eine andere war – das wäre vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen, denken wir etwa an die frühen 1990er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Anstrengungen um eine Willkommenskultur in Deutschland?

Auch hier muss ich darauf hinweisen, dass die Wahrnehmung von Migration sich stets wandelt: Bundesdeutsche Willkommenskultur ist auf bestimmte Zuwandererkategorien gerichtet. Wenn ich Hochqualifizierter bin, dann werde ich in Hamburg selbstverständlich ins Welcome-Center gebeten. Wenn ich aber aus Rumänien oder Bulgarien in Hamburg ankomme, werde ich sogleich mit dem Verdacht konfrontiert, Sozialhilfe hinterziehen zu wollen, fühlt sich im Welcome-Center für mich niemand zuständig.

Ganz zentral scheint mir im Kontext von »Willkommen« die Bezugnahme auf den Begriff der »Anerkennung« zu sein. Anerkennung ist bedeutsam im Blick auf die innere Haltung gegenüber Integration – Anerkennung auf ganz unterschiedlichen Ebenen, beginnend oder auch endend auf der Ebene des Staates. Mit der Vergabe eines Aufenthaltstitels biete ich ja auch eine Form der Anerkennung. Wenn jemand über einen längeren Zeitraum geduldet ist und großen Ehrgeiz zeigt, die Sprache des Ziellandes zu lernen, sich hier zu vernetzen, eine Arbeit zu suchen, dann sollte diese Leistung auch anerkannt werden durch einen besseren Aufenthaltsstatus. Wir haben jedoch in der Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang erlebt, dass Aufenthaltstitel restriktiv ausgegeben worden sind. Dadurch waren auch die Chancen erheblich beschränkt, hierzulande Perspektiven zu entwickeln. Die Vergabe von Aufenthaltstiteln sollte als Vergabe von Chancen verstanden werden. Noch ist sie eine polizeiliche Kategorie, die stark auf Restriktion ausgerichtet ist.

Anerkennung ist aber auch etwas, was sich nicht nur auf der Ebene von Aufenthaltstiteln ausmachen lässt. Anerkennung passiert im Alltag. Wenn ich gegenüber Migrantinnen und Migranten auf Abwehr ausgerichtet bin, wird das Spuren hinterlassen. Es geht doch zunächst schlichtweg um die Anerkennung als Mensch – allein das ist schon ein Problem, weil viele so tun, als seien Migrantinnen und Migranten keine Menschen, sondern bloße – potentielle – Leistungsempfänger. Wenn ich aber schon beim Sprechen über Migration eine anerkennende Grundhaltung einnehme, dann verändert sich bereits enorm viel. Das vermisse ich häufig im politischen Raum. Politik hat auch eine Moderationsfunktion. Wenn diese aber ausschließlich auf Abwehr setzt, dann wird das für die gesellschaftliche Diskussion in Deutschland Folgen haben.

Ganz zentral ist m.E. ein deutlich höheres Maß an Flexibilität und Flexibilisierung. Seit einigen Monaten wird beispielsweise diskutiert, ob es unbedingt die klassische dreijährige Ausbildung sein muss für alles und für jeden. Warum gibt es nicht auch die Möglichkeit, nur Teilqualifikationen zu vermitteln oder praktische Elemente zu stärken zugunsten der theoretischen? Warum wird beim Nachweis von Qualifikationen darauf beharrt, auf der Flucht verloren gegangene Dokumente vorzulegen, warum wird nicht viel stärker auf den konkreten Nachweis von Kenntnissen über Praktika gesetzt? Flexibilität heißt in diesem Kontext aus meiner Sicht: Es muss viel stärker der individuelle Weg eines jeden Einzelnen beachtet werden. Wir sollten weniger in Kategorien denken. Unser Bildungs- und Ausbildungssystem ist die Integrationsbarriere schlechthin, weil Migrantinnen und Migranten aus vielfältigen anderen Systemen kommen. Die Frage ist, weiche ich mit einer Flexibilisierung von meinen hohen Standards ab oder versuche ich, sie auf anderem Wege zu erreichen. Vor dem Hintergrund der Diversifizierung der Arbeitswelt in Deutschland besteht die Notwendigkeit, über andere Zugänge nachzudenken. Das gilt beispielsweise auch für die Universitäten. Sie sind immer noch in erster Linie auf die Klientel der 18- bis 25-Jährigen ausgerichtet, die ein deutsches Abitur haben. Wir erkennen zugleich, dass durch den beschleunigten Wandel in der Arbeitswelt der Bedarf besteht, auch nach längerer Erwerbstätigkeit noch einen Ausbildungsabschnitt an der Universität zu absolvieren, um mit einer weiteren formalen Qualifikation beruflich weiterzukommen. Darauf sind die Universitäten aber nicht vorbereitet und erkennen nicht, dass das seit vielen Jahren geforderte lebenslange Lernen eine Chance für sie darstellt.

Wir brauchen eine stärkere Flexibilisierung und Individualisierung im Bereich des Bildungs- und Ausbildungswesens. Beratung ist in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Die Anerkennung von beruflichen Qualifikationen ist beispielsweise über Jahrzehnte ohne eine entsprechende Beratung gelaufen, als rein bürokratischer Akt, bei dem kein Interesse bestand, sich mit den individuellen Lebensläufen und Bildungsgängen auseinanderzusetzen. Aber genau darauf kommt es in einer heterogenen Gesellschaft an, auf eine individuelle Beratung und Förderung. Wir müssen für sehr heterogene Strukturen ganz neue Ideen entwickeln und nicht dauernd auf Einheitskonzepten beharren.

 
Materialheft:
Gliederung 2017
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Prof. Dr. Jochen Oltmer ist als Migrationsforscher an der Universität Osnabrück tätig.

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