»Nach Afghanistan geht Gott nur zum Weinen…« - Schutz im bayerischen Kirchenasyl

 
© Friederike Ekol

»Wenn ich nach Afghanistan zurückgehen muss, will ich lieber sterben«, sagt der 22-jährige Ehsan, der kurz vor Weihnachten im ersten Flieger nach Kabul sitzen sollte. Er saß an einem Adventsabend zitternd vor Angst vor mir in einem Münchner Café inmitten von Menschen in Vorfestfreude. Er hatte vier Wochen vorher seinen Abschiebebescheid aus heiterem Himmel erhalten; Ausweis und Krankenversicherungskarte waren ihm abgenommen worden, ihm, der seit sechs Jahren unbescholten in Oberbayern und München lebte, Wohnung, Arbeit, Freunde hatte, ein angesehener Spieler in einem Münchner Fußballclub war. Alles hatte er über Nacht verloren.

Sein Arbeitgeber und seine Fußballfreunde hatten eine Petition beim Bayerischen Landtag eingereicht, die ignoriert wurde. Er hatte große Schmerzen, hatte eine schwere Gürtelrose entwickelt vor Angst und Schrecken, wie wir am nächsten Tag bei einem Arzt feststellten.

Heute lebt er in der Sicherheit eines Kirchenasyls, betreut von einer großherzigen Pfarrerin, beliebt in der politischen und kirchlichen Gemeinde der unterfränkischen Kleinstadt. Er ist der Star der Kindergruppe, die er betreut, kocht für Kirchenfeste, geht jeden Sonntag zum Gottesdienst und wundert sich über die große Zuwendung der in der Gemeinde lebenden Christen und Mitmenschen.

Abschiebungen nach Afghanistan bedeuten Gefahr für Leib und Leben der Betroffenen. Der Bericht des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) für 2016 spricht eindeutig von Lebensgefährdung in Afghanistan, ähnlich wie die deutlichen Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes oder Berichte der wenigen NGO’s, die noch in Kabul arbeiten. Laut UNHCR ist das gesamte Staatsgebiet Afghanistans von einem »innerstaatlichen bewaffneten Konflikt« im Sinne des europäischen Flüchtlingsrechtes betroffen. Zudem könne man »aufgrund der sich ständig ändernden Sicherheitslage« gar nicht zwischen sicheren und unsicheren Regionen in dem Bürgerkriegsland entscheiden, so UNHCR weiter.

Wir gewähren Kirchenasyle nur in extremen Härtefällen. Es muss Gefahr an Leib und Leben gegeben sein. Alle Mittel müssen ausgeschöpft sein und es muss eine Perspektive geben. All das trifft für afghanische Kirchenasyle zu. Durch Asylfolgeanträge kann eine Lösung gefunden werden. UNHCR weist darauf hin, dass »die Bewertung des Schutzbedarfs stets aufgrund aller zum Zeitpunkt der Entscheidung verfügbaren, neuesten Erkenntnisse erfolgen muss. Bei einem bereits länger zurückliegenden negativen Abschluss eines Asylverfahrens wird somit häufig Anlass bestehen, aufgrund der Veränderung der Faktenlage eine neue Ermittlung des Schutzbedarfs vorzunehmen.«

Wir nehmen Menschen in Kirchenasyle, wenn die Abschiebung konkret droht, wenn, wie in Bayern, laufende Petitionen oder Härterfallvorlagen nicht mehr – wie bisher – die Abschiebung stoppen. Kirchenasyl ist Ultima Ratio.

Wir wollen neben der oft lebensrettenden Maßnahme des Kirchenasyls auch Perspektiven eröffnen. Wir befristen die Kirchenasyle in der Regel zunächst auf drei bis vier Monate, um dann über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Das Ziel ist, von Abschiebungen in menschenrechtsverletzende Situationen bedrohten Menschen eine Aufenthaltsperspektive zu eröffnen.

Wir werden uns auch weiter Abschiebungen in lebensgefährdende Situationen entgegenstellen und Menschen in Schutz nehmen.

In Hof wurde im Dekanat ein zehnjähriger Junge mit seinem 25-jährigen Vormund und Onkel aufgenommen, in der Oberpfalz zwei 19-Jährige, die nie in Afghanistan gelebt haben, in München ein junger Mann, der eigentlich hier seine Frau heiraten wollte. Nachdem Abschiebungen auch aus der Psychiatrie und Berufsschulen erfolgten, haben wir auch kranke und junge Menschen mitten in der Ausbildung schützen müssen. Allen ist gemeinsam: Sie müssten in dem von religiösen, mafiösen, rassistischen und kriegerischen Unruhen gebeutelten Land um ihr Leben fürchten. Ehsan sagt, dass sie im Dorf von ihm verlangten mitzukämpfen. »Ich kann nicht einmal einen Hasen totschießen«.

Ähnlich wie bei Ehsan haben wir vor diesem Hintergrund weiteren bedrohten Menschen Kirchenasyl gewährt.

Die bayerische Synode der Evangelischen Landeskirche hat wie andere deutsche Kirchen auch eine Aussetzung der Abschiebungen nach Afghanistan gefordert. Das wird auf Dauer nicht überhört werden können.

Wir sind überzeugt, dass die Situation in Afghanistan nicht länger schöngeredet werden kann. Die juristische Klärung muss auf Basis der tatsächlichen Situation erfolgen. Die bisher einhellige öffentliche Ablehnung dieser menschenrechtswidrigen Abschiebepolitik muss und wird zu einem Ende der Angstflüge führen.

Was dennoch bleibt, ist der Schrecken und die Verzweiflung vieler junger afghanischer Menschen, die voller Hoffnung in unser Land gekommen sind und dem Versprechen des Willkommens geglaubt haben. Wer in Angst um sein Leben ist, kann sich schwer auf das Ankommen in der deutschen Gesellschaft konzentrieren.

Eshan sagte mir bei meinem letzten Besuch: »Ich bin jetzt wieder sicher, aber mein Leben ist kaputt«.

Das müssen wir ändern.

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autor:
Stephan Theo Reichel
Weitere Informationen:

Stephan Theo Reichel ist Beauftragter der Bayerischen Landeskirche für die Beratung und die Koordination in Fragen des Kirchenasyls.

 

 

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