Für ein Abbild der Normalität

 

Neuerdings sind Fakten aus der Mode gekommen. Bauchgefühl und Vorbehalte zählen mehr als gut recherchierte Tatsachen und belastbare Zahlen. So wird beispielsweise in der aktuellen Debatte über Asylpolitik deutlich, dass viele von einer ethnisch homogenen deutschen Gruppe ausgehen, wenn sie von »Aufnahmegesellschaft« reden. Doch das entspricht längst nicht mehr den Fakten. Eine ethnisch homogene deutsche Gesellschaft gibt es nicht. Das Statistische Bundesamt zählt, dass 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben; in den Schulen sind ›Neue Deutsche‹ noch stärker sichtbar. In einigen westdeutschen Großstädten kommt bereits mehr als die Hälfte der unter Sechsjährigen aus einer Einwandererfamilie.

Das heißt, in Deutschland existiert de facto eine ethnisch vielfältige und auch multireligiöse Gesellschaft. Statt diese – mit Zahlen belegte – Tatsache anzuerkennen, wird wieder über völkische Zugehörigkeit diskutiert und aufs Neue die Frage gestellt, ob Menschen mit Einwanderungsgeschichte wirklich deutsch sein können.

Bereits 2010 wurden rassistische Äußerungen mit der Sarrazin-Debatte salonfähig, die nun auch in der Mitte der Gesellschaft noch gängiger geworden sind. So berichten viele Medien heute scheinbar wie selbstverständlich, welche ethnische Zugehörigkeit ein mutmaßlicher Straftäter hat – was im deutschen Pressekodex(1) klar untersagt ist. Öffentliche Debatten bedienen derzeit wieder stärker Stereotypen und kramen alte rassistische Feindbilder hervor.

Die mediale Darstellung von Menschen mit Migrationsgeschichte ist häufig fragwürdig. Zum Beispiel werden diese ›Neuen Deutschen‹ (ob mit deutschem Pass oder ohne) nur in bestimmten, meist negativen Kontexten überhaupt erwähnt, etwa bezüglich Migration, Religionskonflikten oder Terrorismus. Von ihnen ist nur dann die Rede, wenn es Probleme gibt: Bei Artikeln über Schulen, beispielsweise, kommen sie nur als Schulversager oder Kinder mit Sprachproblemen vor, nicht aber als kompetente Lehrer(innen) oder Bildungswissenschaftler(innen).

Die vielfältige deutsche Normalität wird selten als solche gespiegelt. Es gibt zu wenige Medienberichte über Menschen mit diversen kulturellen, ethnischen oder religiösen Hintergründen, die völlig normal in diesem Lande leben. Sie erscheinen nur als Stereotypen – türkische Ehrenmörder, afrikanische Prostituierte oder arabische Diebe. In dem dazugehörigen Bildmaterial tragen Frauen ein Kopftuch und alle Geschäfte sind Dönerbuden. Dies hat ernsthafte gesellschaftliche Konsequenzen: Wenn Gruppen von Menschen wiederholt und pauschal in Stereotypen dargestellt werden, verfestigen sich negative Zuschreibungen über diese Gruppen.

Altbekannte Vorurteile bekommen lediglich einen moderneren Anstrich: es wird nicht mehr gesagt, dass irgendwer »primitiv« sei, sondern »archaische Kultur« mitbringt und »integrationsunwillig« ist. Auch vermeintlich positive Zuschreibungen legen Gruppen fest, beispielsweise, dass Schwarze gut singen und tanzen können. Im Umkehrschluss bedeutet das nämlich, dass sie nichts anderes gut können und nur Unterhaltungswert haben.

Gewisse Narrative haben eine sehr lange Tradition, zum Beispiel, dass nicht-weiße Männer angeblich einen unkontrollierten sexuellen Trieb haben und alle weiße Frauen ihre potenziellen Opfer sind. Das heißt, nicht-weiße Männer werden als Gruppe sexualisiert und damit dämonisiert, so etwa Schwarze während der Sklaverei in den USA, jüdische und schwarze Männer in der Nazizeit und heutzutage Nordafrikaner in Deutschland.

In einer aufgeheizten Situation, wie sie augenblicklich in Deutschland und ganz Europa herrscht, arbeiten rechte Gruppen sehr bewusst und strategisch mit negativen Zuschreibungen und Pauschalisierungen über Muslime, über Araber, über Geflüchtete. Dem muss eine differenzierte und faktenbasierte Berichterstattung entgegengestellt werden, die ohne Stereotype in Wortwahl oder Bebilderung arbeitet. Für eine adäquate Medien- und Öffentlichkeitsarbeit über Minderheiten gibt es einige simple Richtlinien:

•          Bewusster Umgang von Journalist(inn)en mit den eigenen Vorurteilen – Medienschaffende haben dieselben Stereotypen gegenüber Minderheiten wie der Rest der Gesellschaft. Weiße deutsche Journalist(inn)en können nicht ›neutraler‹ über Menschen aus Einwandererfamilien berichten als diese Menschen selber.

•           Man sollte die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen, nicht nur über sie, sondern mit ihnen sprechen. Wenn Expert(inn)en zitiert werden, möglichst welche mit Migrationsgeschichte.

•           Selbstbezeichnungen von Menschen sollten ernstgenommen und verwendet werden. Wer sich selber beispielsweise als Afro-Deutscher oder Neue Deutsche benennt, hat Gründe dafür, und Medienmacher(innen) sollten sich nicht darüber hinwegsetzen.

•           Rassistische Bezeichnungen sind oft im allgemeinen Sprachgebrauch vorhanden. Auch wenn diskriminierende Sprache möglicherweise aus Unwissenheit verwendet wird, ist dies dennoch sehr schädlich für die Menschen, über die geschrieben wird.(2)

•           »Wir« und die »anderen« zu sagen, schließt viele Leute aus der deutschen Gesellschaft aus und erklärt sie so als nicht zugehörig. Zu dem »Wir« gehören auch kulturelle, ethnische oder religiöse Minderheiten, die in Deutschland leben und oft auch Deutsche sind. Diese Implikationen sollten bei der Wortwahl mitgedacht werden.

•           Zahlen müssen sorgfältig recherchiert und belegt werden.(3)

•           Themensetzung sollte nicht der rechte Rand betreiben. Medienmacher(innen) können bewusst andere Schwerpunkte setzen.

•           Einhaltung des deutschen Pressekodex.

•           Bilder wirken subtiler als Text. Sie müssen sehr bewusst und objektiv ausgewählt werden. Eine Faustregel: nicht das erste Motiv nehmen, das einem in den Sinn kommt, denn es entspricht oft dem Klischee im eigenen Kopf – ein Klassiker ist die Frau mit Kopftuch.

•           Das Wichtigste ist schlicht und einfach eine differenzierte Berichterstattung: nicht nur die Extreme darstellen (Klassiker: der Salafist), sondern immer mit der Normalität und Vielfältigkeit migrantischen Lebens in Deutschland kontrastieren.

Medien und Öffentlichkeitsarbeit spielen bei der Konstruktion und Dekonstruktion von Vorurteilen eine entscheidende Rolle. Der Kampf gegen Vorurteile und Rassismus ist jedoch nicht nur wichtig für Neue Deutsche und Minderheiten in diesem Land, sondern auch für alle Einwohner(innen) Deutschlands.


Fußnoten
1          www.presserat.de/fileadmin/user_upload/Downloads_Dateien/Pressekodex2013...
2          Formulierungshilfen für den sorgfältigen Umgang mit Sprache findet man im Glossar der »Neuen deutschen Medienmacher« (www.neuemedienmacher.de/wissen/wording-glossar) oder beim Anti-DiskriminierungsBüro Köln/Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V., (Hrsg.), Leitfaden für einen rassismuskritischen Sprachgebrauch, Köln 2012, www.adb-sachsen.de/tl_files/adb/pdf/Leitfaden_ADB_Koeln_disfreie_Sprache...
3          Faktenchecks gibt es beim Mediendienst: http://mediendienst-integration.de

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autorin:
Sheila Mysorekar
Weitere Informationen:

Aus: neue caritas, Migration Integration Info 2, Mai 2016, Deutscher Caritasverband e. V. (Hrsg.)

Sheila Mysorekar ist Journalistin, Trainerin für konfliktsensible Berichterstattung und Beraterin für Medien in Konfliktländern bei der DW Akademie in Bonn. Außerdem ist sie Vorsitzende des Vereins »Neue deutsche Medienmacher« (www.neuemedienmacher.de)

Glossar der neuen deutschen Medienmacher: http://www.neuemedienmacher.de/wp-content/uploads/2014/05/Glossar_Nov2016_web.pdf