Widerstand gegen Rechtspopulismus: Ermutigungen aus dem christlichen Glauben

 
Buchcover: Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie - S.A. Strube

Angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus der letzten Jahre – AfD, Pegida, Hasskommentare, Brandanschläge – wird immer deutlicher, dass eine stabile Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern dass wir uns für sie stark machen müssen. Ermutigend ist demgegenüber zu sehen, dass sich unzählige Menschen, darunter viele Christinnen und Christen, für Geflüchtete engagieren. Basischristen wie kirchliche Amtsträger*innen, Bischöfe, Bischöfinnen, Präsides sowie Pfarrerinnen und Pfarrer stehen mit klaren Worten und mit Zeichen für die Menschenwürde Geflüchteter und gegen rechtspopulistische Menschenfeindlichkeit ein und setzen sich dafür Anfeindungen aus. Viele Christ*innen wissen oder spüren, warum sie aus ihrem Glauben heraus in dieser Weise politisch handeln. Andere Menschen fragen: Was hat politisches Engagement mit christlichem Glauben zu tun? Wieder andere,
u. a. die AfD, fordern, dass Kirchen und Christ*innen sich nicht quasi »parteipolitisch« gegen Rechts zu stellen hätten. Deshalb fragt dieser Artikel zur eigenen Vergewisserung: Warum sollten sich Christinnen und Christen gegen Rechtspopulismus engagieren? Und welche christlich-religiösen Haltungen schützen vor rechtspopulistischer Verführung?

Warum sollten sich Christinnen und Christen gegen Rechtspopulismus engagieren?

Kern rechtspopulistischen Denkens ist eine Ideologie der Ungleichwertigkeit: Unterschiedliche Menschen werden aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Religionszugehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung, besonderer körperlicher Merkmale oder anderer Eigenschaften als unterschiedlich wertvoll betrachtet – und eine solche Haltung beginnt nicht erst bei Brandstiftung, sondern auch, wenn unterschiedlichen Menschengruppen in Parteiprogrammen unterschiedliche Rechte zu- oder abgesprochen werden. Ein solches Denken und Handeln ist menschenfeindlich gegenüber den Menschengruppen, die abgewertet werden; es missachtet die unveräußerliche – als Christ*innen glauben wir: gottgegebene – Menschenwürde eines jeden Menschen.

Aus ihrem persönlichen Glauben heraus können sich Christinnen und Christen in vielerlei Hinsicht politisch unterschiedlich positionieren und engagieren. Der christliche Glaube an die Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen gebietet es jedoch, aufzustehen gegen Parteien und Bewegungen, die manchen Menschen ihre Menschenwürde absprechen. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Bibel als Fundament unseres Glaubens der Einsatz für eine universale Gerechtigkeit, die nicht am eigenen Gartenzaun endet, und für eine Nächstenliebe, die in jedem Menschen den Nächsten erkennt. Wer nur im eigenen Volks- oder Glaubensgenossen seinen Nächsten sehen will, missversteht oder missdeutet bewusst biblisches Gebot (Lev 19,34) und Gleichnis (Lk 10,25-37). Dass politisches Ängsteschüren durch Lügen und Hetze gegen das Gebot »Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen« (Ex 20,16; Dtn 5,20) verstößt, sei hier nur am Rande erwähnt …

Christlich-religiöse Haltungen, die vor Autoritarismus schützen – und zu Zivilcourage ermutigen

Leider hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass auch manche Christinnen und Christen anfällig werden für autoritäre Ideologien und menschenfeindliche Haltungen. Es gibt Menschen, die sich als Christ*innen verstehen und keine Berührungsängste haben mit extrem rechten Parteien, Gruppen und Medien, bis hin zu Pegida und den Identitären, zur »Sezession« oder »Politically Incorrect«. Manche Gruppen benutzen das Christentum als Abgrenzungsmerkmal gegen andere Menschengruppen, derzeit insbesondere gegen Geflüchtete und gegen Muslime – und berauben es derweil seiner Inhalte. Manche christlich-politischen Gruppen suchen nach »festen, unbezweifelbaren, eindeutigen« Weisungen nicht nur für das eigene Leben, sondern wollen ihre Vorstellungen auch der gesamten Gesellschaft autoritär aufzwingen. Die Gefahr, in menschenfeindliche Haltungen zu geraten, besteht auch da, wo eine sehr rigide Frömmigkeit in ein radikales Schwarz-Weiß-Denken führt: Dann wird nur die eigene Form der Religiosität und Lebensführung anerkannt, alle anderen Ansichten werden als ›falsch‹, ›schlecht‹, ›böse‹ und schließlich ›feindlich‹ abwertet und abgelehnt.

Die Alternative zu solchen rigiden und autoritären Haltungen besteht keinesfalls in religiöser oder ethischer Gleichgültigkeit. In einer pluralen Gesellschaft, im demokratischen Widerstreit verschiedener Meinungen ist es richtig und wichtig, die eigenen ethischen Positionen auszusprechen und sich für sie stark zu machen. Mit Respekt vor den anderen Menschen auszuhalten sind dann jedoch die inneren und äußeren Spannungen, die sich ergeben, wenn die eigenen Überzeugungen nicht von allen geteilt werden. Der Gedanke mag manchen vielleicht noch ungewohnt erscheinen, doch gerade aufgrund unseres Glaubens sind wir in ein Spannungsfeld hineingestellt und gleichermaßen aufgerufen zu ethischen Positionierungen und zur radikalen Wertschätzung Anderslebender und Andersglaubender.

Grundlegend ist auch die Einsicht, dass uns unsere Welt – Gottes Schöpfung – immer vielfältig und mehrdeutig begegnet und vieles nicht einfach »nur gut« oder »nur böse« ist, sondern: ambivalent. Wer schwarz-weiß denkt, verleugnet die Vielfarbigkeit der Schöpfung. Eine weitere auszuhaltende Spannung ergibt sich daraus, dass wir als Geschöpfe Gottes nie unseren Schöpfer durchschauen und seinen Willen exakt festlegen können. Gott ist immer der viel Größere und für uns unverfügbar. Glauben bedeutet deshalb nicht, exakt (und exklusiv) zu wissen, wie Gott und die Welt »ticken«, und die eigenen Vorstellungen autoritär gegen andere durchzusetzen.

Glauben bedeutet vielmehr: das Wagnis des Vertrauens einzugehen, die Spannungen und Ambivalenzen unserer pluralen Welt im Vertrauen auf Gott auszuhalten, und auch: mit Gottvertrauen und im Wissen um die eigene Fehlbarkeit klar für das einzustehen, was man selbst als richtig erkannt hat. Die Demut, um die eigenen Grenzen zu wissen, unterscheidet radikales christliches Engagement von rechts-autoritärem Agieren. Stumm machen, sodass wir die Bühne schamlosen Populist*innen überlassen, darf uns unsere Demut aber nicht. Klar, hörbar und streitbar dürfen und müssen christliche Positionierungen gegen rechte Menschenfeindlichkeit sein.

 
Materialheft:
Gliederung 2017
Autorin:
Sonja Angelika Strube
Weitere Informationen:

Dr. Sonja Strube ist katholische Theologin. Die Autorin kann für Veranstaltungen im Rahmen der IKW angefragt werden.

Zum Weiterlesen:

  • Angelika Strube, Rechtsextremen Tendenzen begegnen. Handreichung für Gemeindearbeit und kirchliche Erwachsenenbildung, Verlag Herder, Freiburg i. B. 2013.
  • Nächstenliebe leben. Klarheit zeigen. Handreichung für Gemeinden zum Umgang mit Rechtsradikalität und Fremdenfeindlichkeit, hg. von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Kirche für Demokratie und Menschenrechte, Dresden 2016.
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