Ein Zentrum für interreligiöse und interkulturelle Bildung - Das Haus der Religionen in Hannover

 
© Haus der Religionen

Der Ausgangspunkt: Die multireligiöse Stadt

Früher war man in Deutschland entweder evangelisch oder katholisch. Heute ist Deutschland ein multireligiöses Land. Zuerst spürbar war die Entwicklung in den großen Städten. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Stadtgesellschaften, sich beizeiten und in angemessener Weise darauf einzustellen.

In Hannover leben im Jahr 2018 Menschen aus mehr als 170 Nationen zusammen. Alle großen Religionen haben Gebetshäuser in der Stadt. Neben den alteingesessenen etwa 150 Kirchen und Kapellen gibt es mittlerweile mehr als zwanzig Moscheen, zwei alevitische Zentren, drei Synagogen, zwei Hindutempel sowie sechs buddhistische Zentren, unter ihnen eine Pagode samt dem größten buddhistischen Kloster Deutschlands. Hinzu kommen kleinere Religionsgemeinschaften wie die Bahai, Jesiden und Sikhs sowie die große Gruppe derjenigen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen.

Die Frage, wie ein solches Gemeinwesen zusammengehalten werden kann, beschäftigt die Stadtforschung seit vielen Jahren. Die Initiatoren des Hauses der Religionen sind der Überzeugung: Neben vielem anderen braucht eine solche Stadt einen Ort, an dem der interreligiöse Dialog geführt wird, und zwar beständig, in institutionalisierter Form und als Hauptaufgabe. Sie braucht einen Ort, an dem sich Menschen aus unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen kennen lernen und etwas über die Weltsicht des Anderen erfahren. Sie braucht ein interreligiöses Bildungszentrum. In Hannover nennen wir es: Haus der Religionen.

Zur Geschichte des Hauses der Religionen

Seit dem Evangelischen Kirchentag im Mai 2005 hat das Haus der Religionen seinen Ort in der Böhmerstraße 8 in Hannovers Südstadt. Die Vorgeschichte reicht zurück bis in den Sommer 1990.

Zur Erinnerung: Saddam Hussein war im August 1990 in Kuwait einmarschiert, die alliierten Truppen hatten im Januar 1991 den Luftkrieg gegen den Irak begonnen. Am 18. Januar feuerte der Irak erstmals Raketen auf Israel, verbunden mit der Drohung, Giftgas einzusetzen. In Tel Aviv ging man mit der Gasmaske ins Bett.

 In dieser politisch und interreligiös angespannten Lage gründete eine Gruppe engagierter Frauen und Männer in Hannover einen informellen interreligiösen Diskussions- und Gebetskreis. Nach dem Mordanschlag von Solingen im Mai 1993 verstetigte sich dieser Kreis, gewann neue Mitglieder hinzu und nahm einen Namen an: der „Aktionskreis der Religionen und Kulturen“ entstand. Mitglieder dieses Kreises waren unter anderen die Gründungsmitglieder der späteren Regionalgruppe von „Religions for Peace“, der evangelische Stadtsuperintendent Hans Werner Dannowski, der katholische Propst Joop Bergsma und Landesrabbiner Henry Brandt. Hinzu kamen Vertreter muslimischer Gemeinden, der buddhistischen Pagode, der Bahai und des seinerzeit im Entstehen begriffenen Hindutempels.

In den folgenden Jahren veranstaltete der „Aktionskreis“, seinem Namen gemäß, eine Fülle öffentlichkeitswirksamer Aktionen: Man veranstaltete „Tage der Begegnung“ in den Gebetshäusern, organisierte Sternmärsche gegen Fremdenhass, initiierte Seminare und Vortragsreihen zu wichtigen Themen des interreligiösen Gesprächs.

Im Jahr 2000 fand in Hannover die Weltausstellung EXPO 2000 statt. Eines ihrer zukunftsweisenden Projekte sollte nach dem Willen der Veranstalter ein großes „Forum der Weltreligionen“ werden. Der Aktionskreis griff diese Idee mit Begeisterung auf und beteiligte sich an den Planungen. Als aus dem „Forum“ nach anfänglich positiven Signalen nichts wurde, wich man aus in die Räume der Reformierten Kirche am Waterlooplatz. Für die Dauer der Weltausstellung entstand dort der „Treffpunkt Religionen“, eine interreligiöse Ausstellung mit umfangreichem Begleitprogramm, unter der Schirmherrschaft von Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg.

Nach dem Ende der EXPO waren sich alle Beteiligten einig, dass der „Treffpunkt“ bestehen bleiben sollte. So entstand nach einigen Zwischenschritten zum 30. Deutschen Evangelischen Kirchentag das erste „Haus der Religionen“ im deutschsprachigen Raum. Am 23. Mai 2005 öffnete es seine Türen. Die aus achtzehn Schautafeln und sechs Vitrinen bestehende Dauerausstellung „Religionen im Dialog“ wurde im Jahr 2007 eröffnet. Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil übernahm die Schirmherrschaft.

Interreligiöser Lernort und Kompetenzzentrum

Seither hat sich das Haus der Religionen zum zentralen interreligiösen Lernort Hannovers entwickelt. Jahr für Jahr besuchen mehr als 5.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene das Haus. Schulklassen von Klasse 1 bis zum Abitur und aus Berufsschulen, Konfirmanden- und Firmvorbereitungsgruppen, Student/innen, Lehrer/innen, Erzieher/innen, Fachleute aus dem Gesundheitswesen, aus den Gewerkschaften, aus der Verwaltung und viele andere mehr. Teils kommen Gruppen von weit her, um in Hannover religiöse Vielfalt zu erleben und mehr über den interreligiösen Dialog zu erfahren.

Stark nachgefragt wird das Haus darüber hinaus als Kompetenzzentrum für interreligiöse Kontakte, Material, Hintergrundinformationen, Vorträge und Beratung, nicht zuletzt im Blick auf die Organisation interreligiöser Strukturen in anderen Städten.

Strukturfragen

Der interreligiöse Dialog in Hannover hatte als informeller Diskussions- und Gebetskreis begonnen. Nach der Gründung des Hauses der Religionen war allen Beteiligten klar, dass es nun anderer, verbindlicherer Strukturen bedurfte. Dazu wurde zunächst der „Aktionskreis der Religionen in Kulturen“ in „Forum der Religionen“ umbenannt. Das Forum der Religionen wählte aus seiner Mitte sodann ein Leitungsgremium, den 2009 gegründeten Rat der Religionen, und verabschiedete eine Geschäftsordnung. Zugleich wurde ein gemeinnütziger Trägerverein gegründet. Seit 2016 heißt er „Haus der Religionen – Zentrum für interreligiöse und interkulturelle Bildung e.V.“.

Fundamental für ein Haus der Religionen ist nach Auffassung des Rates der Grundsatz, dass sich die Religionen und Weltanschauungen mit Respekt und auf grundsätzlich gleicher Höhe begegnen. In seiner Geschäftsordnung hat der Rat der Religionen daher festgelegt: Unabhängig von ihrer Größe und von ihren personellen und finanziellen Möglichkeiten hat jede Religion eine Stimme.

Im Einzelnen gehören dem Rat der Religionen „Vertreter/innen derjenigen religiösen Gemeinschaften an, die das religiöse Leben und das interreligiöse Gespräch in Hannover maßgeblich prägen und im Forum der Religionen aktiv sind“, näherhin „je bis zu zwei Delegierte der christlichen, der muslimischen und der jüdischen Gemeinschaft“ sowie „je ein/e Delegierte/r der buddhistischen, hinduistischen und Bahai-Gemeinschaft“. Mitglieder des Rates sind darüber hinaus der Geschäftsführer des Forums sowie der erste und zweite Vorsitzende des Vereins Haus der Religionen e.V.. Aufgabe des Rates ist die Leitung des Forums und des Hauses der Religionen. Im Forum der Religionen sind über die genannten Gemeinschaften hinaus auch Aleviten (die teils unter „Muslime“ firmieren, teils nicht), Jesiden, Sikhs und Daoisten vertreten, darüber hinaus der Humanistische Verband Hannover als Repräsentant der religionsfreien Menschen.

Konzept

Das Haus der Religionen versteht sich als Zentrum für interreligiöse und interkulturelle Bildung. Es geht ihm nicht um Lobbyarbeit und nicht primär um gemeinsame Gebete. Den Schwerpunkt der Aktivitäten bilden vielmehr Zusammenarbeit, Dialog, Begegnung sowie die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen. Das Haus der Religionen tritt ein für eine Haltung des Interesses, des Respekts und der Achtung des Anderen – in Anerkennung der Tatsache, dass es unterschiedliche Weltanschauungen gibt und weiterhin geben wird, sowie unter der Voraussetzung, dass sich alle Beteiligten der freiheitlich demokratischen Grundordnung verpflichtet wissen.

Aktuelles und Zukünftiges

Für die kommenden Jahre haben sich der Rat der Religionen und der Trägerverein insbesondere zwei große Projekte vorgenommen.

  • Die Immobilie, in der sich das Haus der Religionen befindet, ist 2015 verkauft worden. Sie wird ab dem Jahr 2019 umgebaut. Das Haus der Religionen plant, diese Chance zu nutzen und sich zu vergrößern. Nach fast fünfzehn Jahren der Improvisation auf den Fluren und in oft unzureichend ausgestatteten Multifunktionsräumen soll das Haus räumlich, ästhetisch und technisch auf einen Stand gebracht werden, wie er für ein interreligiöses Bildungszentrum angemessen ist. Kernstück der Arbeit wird die neue multimediale Dauerausstellung sein, deren Eröffnung für das Frühjahr 2020 geplant ist.
  • Gemeinsam mit dem Rat der Religionen Frankfurt veranstaltet der Rat der Religionen im September 2018 den ersten Bundeskongress der Räte der Religionen in Frankfurt am Main. Der zweite Bundeskongress wird im September 2019 in Hannover stattfinden. Auf mittlere Sicht streben die Räte der Religionen Hannover und Frankfurt die Entwicklung einer bundesweiten Struktur an.
 
Materialheft:
Gliederung 2018
Kategorie: 
Autor:
Wolfgang Reinbold
Weitere Informationen:

Prof. Dr. Wolfgang Reinbold ist Beauftragter für Kirche und Islam in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und erster Vorsitzender des Vereins Haus der Religionen – Zentrum für interreligiöse und interkulturelle Bildung e.V.

 

Dieser Text ist die Vollfassung. Im Heft zur IKW 2018 ist eine Kurzfassung abgedruckt.

 

In Kooperation mit dem Ökumenischen Vorbereitungsausschuss zur Interkulturellen Woche wird der diesjährige Auftakt zur bundesweiten Interkulturellen Woche am 23.09.2018 in Hannover stattfinden.

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