Ankommen: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland

 
© Rawpixel.com / shutterstock

Schon seit vielen Jahren kommen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland, um hier Schutz zu suchen. In den Fokus der Öffentlichkeit rückte die Gruppe der unbegleiteten Minderjährigen erst mit dem allgemeinen Anstieg der Einreisezahlen von Geflüchteten in den Jahren 2015/16. Tatsächlich stellt sie aber bereits seit vielen Jahren eine signifikante Anzahl von Personen dar, die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe versorgt werden – inzwischen über 50.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Ungefähr 90 % von ihnen sind männlich und bei ihrer Ankunft zwischen 16 und 17 Jahre alt. Häufige Ursachen für ihre Flucht sind Krieg und Verfolgung. Es gibt jedoch auch Minderjährige, die aufgrund von Kinderarbeit, Zwangsrekrutierung als Kindersoldaten oder wegen Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung oder angesichts verschiedener ande-rer Bedrohungen fliehen. Kinderspezifische Fluchtgründe sind vielfältig. Die damit einhergehenden Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe – aber auch für die Zivilgesellschaft – sind es ebenfalls.

Minderjährige Flüchtlinge werden in Deutschland nach der Feststellung ihrer unbegleiteten Einreise durch die Jugendämter versorgt und in den meisten Fällen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe – manchmal aber auch in Pflegefamilien oder bei Verwandten – untergebracht.

Die Minderjährigen bekommen durch das Familiengericht einen Vormund zur Seite gestellt, der bzw. die u.a. die rechtliche Vertretung und die Personen- und Vermögenssorge übernimmt. Er/sie kümmert sich im speziellen um die Sicherung und Schaffung von Bleiberechtsperspektiven, die Vertretung im asyl- und aufenthaltsrechtlichen Verfahren, die Unterstützung bei Familienzusammenführung und Familiennachzug, die Gesundheitsfürsorge, die Sicherstellung von Schul- und Ausbildungszugang, den Spracherwerb sowie die Beantragung erforderlicher Leistungen.

In den meisten Fällen werden die jungen Geflüchteten über das Erreichen der Volljährigkeit hinaus im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe versorgt, was für eine gelingende Integration unbedingt notwendig ist. Im politischen Diskurs wird dieser Sachverhalt jedoch immer wieder in Frage gestellt. Dabei wird die häufig im Rahmen der Flucht erworbene »Überlebens-Selbstständigkeit« mit einer tatsächlichen Selbstständigkeit verwechselt, die zum Bestreiten einer eigenverantwortlichen Lebensführung zweifelsfrei notwendig ist. Man sollte sich in diesem Zusammenhang immer wieder vor Augen halten, dass auch Jugendliche, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, nicht sofort mit dem Erreichen der Volljährigkeit auf jegliche elterliche Unterstützung verzichten können. Alle jungen Erwachsenen benötigen eine qualifizierte, konstante und langfristige Begleitung, die sie fördert und zu einer eigenständigen Lebensführung befähigt.

Nicht nur in diesem Kontext sieht sich die professionelle Kinder- und Jugendhilfe in der Betreuung und Versorgung von jungen Geflüchteten vor mannigfaltige Herausforderungen gestellt, die ohne eine umfassende Unterstützung der Zivilgesellschaft nur schwer zu bewältigen sind.

In Zeiten, in denen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene über immer stärker werdende Restriktionen und Einschränkungen den unbegleiteten Minderjährigen gegenüber diskutiert wird, braucht es auch zivilgesellschaftliches Engagement. Es braucht Akteur*innen, die sich für diese jungen Menschen einsetzen, die parteiisch an ihrer Seite stehen und die ihnen Lösungsansätze für ihr weiteres Leben aufzeigen.

Hier kann bereits niederschwelliges Engagement eine große Wirkung erzielen, sei es im Kontext der direkten Betreuung der Kinder und Jugendlichen z.B. als Nachhilfelehrer*in, als Übungsleiter*in im Sportverein oder als Begleiter*in in ein neues Leben in Deutschland. Aber auch Personen, die ihr ehrenamtliches Engagement bei Asyl- und Kinderrechtsorganisationen einbringen, helfen dabei, gesellschaftliche Prozesse zu verändern und den Jugendlichen somit den Weg in eine gesicherte Zukunft zu ermöglichen.

Doch auch politisch müssen wir uns organisieren, denn viele Probleme von geflüchteten Kindern und Jugendlichen sind nur dann gut zu lösen, wenn rechtliche Restriktionen abgebaut werden und ein gesellschaftliches Klima des Willkommens herrscht. Lokale Initiativen und Zusammenschlüsse sind dabei besonders wichtig. Bundesweit organisieren sich zudem Vormünder, Träger der Jugendhilfe, Ehrenamtliche und Sozialarbeitende im Bundesfachverband umF e.V., um dafür einzustehen, dass junge Flüchtlinge ohne Angst, Ausgrenzung und Diskriminierung aufwachsen können und die gleichen Rechte wie alle anderen jungen Menschen erhalten. Die Interkulturelle Woche kann genutzt werden, auf die Situation von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen vor Ort aufmerksam zu machen und mit ihnen in Kontakt zu kommen.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autorin:
Franziska von Nordheim
Weitere Informationen:

Weitere Infos zu Publikationen, Veranstaltungen und Projekten rund ums Thema gibt es beim Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V.: www.b-umf.de.

Franziska von Nordheim arbeitet beim Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V.

Kontakt: