Fremde neue Nachbarn – Christen und Christinnen in der Pflicht zu(Flüchtlings-) Hilfe und Solidarität

 

Es lässt sich nicht leugnen: Wir befinden uns im Zeitalter der Migration (Regina Polak). Ursachen der Flucht- und Migrationsentwicklung sind vor allem Krieg, Verfolgung, Folter, Mord, Menschenhandel und Vertreibung, aber auch Hunger, fehlende Zukunftsperspektiven und Zukunftsängste sowie Leben unter dem Existenzminimum spielen eine Rolle.

Die Reaktionen der Christen in den Ankunftsländern decken die Bandbreite der Haltungen der Gesamtbevölkerung ab: Auf der einen Seite gibt es gastfreundliche und hilfsbereite Bürger, die unserer Zivilgesellschaft ein Gesicht geben, auf der anderen Seite stehen Menschen mit Ängsten vor Überfremdung, Unterwanderung und vor dem vermeintlichen Untergang des sogenannten christlichen Abendlandes.

Christen in der Pflicht – eine arme Kirche für die Armen

Mit der Begründung, keine Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, weil sie größtenteils Muslime sind, werden christliche Werte pervertiert. Kardinal Marx spitzt das so zu: »Wenn wir Menschen in Not an unseren Grenzen sterben lassen, dann pfeife ich auf die christliche Identität« (Marx 2015).

»Die Welt brennt und wir gießen in der Sakristei die Geranien« (Gmelch 2016). Dieser Satz impliziert die Aufforderung, aus der Sakristei herauszutreten, sich nicht bei Nebensächlichem aufzuhalten, sondern einzugreifen, wo die Welt in Flammen steht, und zu erkennen, was die zentrale Forderung an die Christen ist. Die Wesensvollzüge von Kirche sind neben Verkündigung und Feier der Botschaft Gottes (Martyria und Liturgia) der Dienst an den Nächsten (Diakonia). Kirche kann nur glaubwürdig das Evangelium bezeugen, wenn sie sich allen Menschen zuwendet und Jesus nach außen treten lässt. Sie muss an die geografischen Ränder und an die Grenzen der menschlichen Existenz gehen. Denn nur eine »arme Kirche für die Armen« (Papst Franziskus) kann authentisch die Nachfolge Jesu leben und Heilszeichen sein.

Papst Franziskus mahnt zur Realisierung der Menschenrechte. Diese haben für alle und jeden zu gelten. Unsere Solidarität ist einem jeden Menschen und seiner Würde verpflichtet, wir tragen Verantwortung für das nationale und globale Gemeinwohl.

Folgt man einem ökonomischen Kosten-Nutzen-Ansatz, dann kann man mit dem Nutzen durch den Zugewinn an jungen Menschen und Fachkräften argumentieren. Zuwanderung könne das deutsche Demographieproblem lösen, wenn beides in geeigneter Weise zusammengebracht und wechselseitig als vorteilhaft empfunden wird. Aber es darf keine Verzweckung der Menschen stattfinden, denn sie »kommen nicht, um das Erwerbspersonenpotential in Deutschland zu erhöhen [… sondern] in der Hoffnung auf ein besseres Leben« (Cremer 2016).

Theologisch-(sozial)ethische Herausforderungen: Die unantastbare Würde

Wenn in unserer Gesellschaft eine Gruppe von Menschen »Geflüchtete immer als Kollektiv und niemals als Individuen« sehen, mit diesen Menschen immer die gleichen Zuschreibungen verbinden und dem Islam die Schuld an allem geben (Emcke 2016), dann steht die humane Substanz unserer Gesellschaft auf dem Spiel. Wenn man Menschen aufgrund unterschiedlicher Hautfarbe, Herkunft und Religion aus der Gesellschaft herausfallen lässt, dann ist tatsächlich der Kern des christlichen Abendlandes verraten.

Die Soziallehre der Kirche stellt die Option für die Armen ins Zentrum und meint damit die aufmerksame und liebevolle Zuwendung zum anderen und die Anerkennung als Person mit der ihr eigenen, unantastbaren Würde oder theologisch gesprochen als Geschöpf und Ebenbild Gottes. Besonders denen, die vor menschenunwürdigen Zuständen in der Heimat fliehen mussten, gebührt eine sich der Gottesebenbildlichkeit eines jeden bewuss-ten Kultur des Willkommens, der Gastfreundschaft und der Integration (vgl. Lev 19,33f).

Solidarität und Gemeinwohl

Die Rede von der Würde jedes Menschen steht in einem engen Verhältnis zu dem Verständnis von Solidarität als universal-klassischem Sozialprinzip, »das strukturell unbegrenzte Geltung beansprucht. Denn wenn die Würde des Menschen auf seinem Personsein gründet und Sozialbezogenheit zur Natur dieses Personseins gehört, dann schließt dies notwendig Solidarität mit allem ein, was Menschenantlitz trägt.« (Baumgartner, Korff 1990, 238). Solidarität meint alltagssprachlich das Sich-Zusammen-Tun im Hinblick auf ein gemeinsames Interesse, also Teilsolidaritäten, die für das Funktionieren der Gesellschaft eine Rolle spielen, über die aber das Ganze der Gesellschaft und ihr Wohl nicht aus dem Blick geraten darf. Solidarität meint nicht, kulturelle und andere Unterschiede zu verdrängen oder zu nivellieren, im Gegenteil: Solidarität lebt aus der Vielfalt, die als Konglomerat je individueller Potentiale ein Gewinn für jede Gesellschaft darstellt. Das Solidaritätsprinzip bietet damit keine politische Handlungsanweisung, markiert aber sehr wohl eine deutliche Grenze, hinter die das alltägliche gesellschaftliche und politische Agieren nicht zurückfallen darf.

Gerechtigkeit

Dazu gehört auch, dass die Gesellschaft in der Pflicht steht, jedem Einzelnen die Möglichkeit zur aktiven und produktiven Teilnahme am Gesellschaftsleben zu eröffnen (vgl. Nationale Konferenz der Katholischen Bischöfe der Vereinigten Staaten von Amerika 1986, Nr. 71). Denn Gerechtigkeit in christlich-sozialethischem Verständnis meint mehr als reine Verteilungsgerechtigkeit, mehr als Gerechtigkeit, die allein auf den ökonomischen Kontext bezogen ist. Soziale Gerechtigkeit bedeutet dem amerikanischer Wirtschaftshirtenbrief von 1986 zufolge »kontributive bzw. partizipative Gerechtigkeit«. Es geht also darum, allen – je nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten – Chancen auf Teilhabe und Lebensperspektive zu geben. So verstandene Partizipation fordert dann Bemühungen um Integration in die Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund prangert auch Papst Franziskus in Evangelii gaudium Exklusion und prekäre Humanität als Phänomen unserer Gesellschaft an: »Mit Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen […], man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht ›Ausgebeutete‹, sondern Müll, ›Abfall‹« (EG 53).

Gerechtigkeit impliziert zugleich, den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu weiten und im Kontext etwa der Globalisierungsfragen und der Suche nach langfristigen Lösungen für die Fluchtursachen ein weltweites Gemeinwohl im Blick zu haben.

Die Frage nach der Freiheit

Teilhabe und Mitgestaltung setzen unabdingbar das Menschenrecht auf Freiheit voraus, das sich aktuell jedoch als äußerst zerbrechlich erweist: Insbesondere dort, wo Presse- und Meinungsfreiheit bedroht, missachtet und ausgehebelt werden, stehen Demokratie und Partizipationsmöglichkeiten und damit wiederum auch aus christlichen Wurzeln gewachsene Grundprinzipien Europas in Gefahr. Ebenso gerät Freiheit dort aus dem Blick, wo Mauern gebaut, Zäune zur Abwehr von Flüchtlingen errichtet werden und viel Akribie in das Schließen von Grenzen und Verfassen von Notstandsverordnungen gelegt wird.

Verantwortete Freiheit heißt vielmehr, sich zu bemühen um menschenwürdige Aufnahme, um gerechte Asyl- und Anerkennungsverfahren und um angemessene, zukunftsermöglichende Rahmen- und Lebensbedingungen in den Heimatländern derer, die zu uns fliehen. Auch gilt es, die gesamte Bandbreite des Rechts auf Freiheit in Religionsfragen zu realisieren. Dazu gehört nicht nur negative, sondern auch positive Religionsfreiheit – und das nicht nur für die christliche Religion. Zugleich muss aber natürlich auch ein austariertes Verhältnis von jeweils eigener Religionsausübung und Respekt der fremden Religion gefunden werden.

Fazit

Was also heißt Christsein konkret im Angesicht der Flüchtlingsfrage? – Flüchtlinge nicht als Bedrohung, sondern als uns bereichernde Ebenbilder Gottes anzusehen, nicht primär eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzumachen, sondern nach deren Überlebenschancen zu fragen, nicht auf hermetische Abriegelung unserer Standards für wenige, sondern auf Rahmenbedingungen für Gerechtigkeit für alle zu schauen – auch das ist Moral, »Moral im Dienst und in der Perspektive der Hoffnung auf ein Leben in Fülle, die man als Christ(in) nicht verloren gibt, weil zuletzt Gott dafür einsteht, dass sie sich erfüllt, weil jede und jeder herausgefordert ist, mit ihm dafür einzustehen, dass sie nicht ins Leere geht.« (Werbick 2017).

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autorin:
Ursula Nothelle-Wildfeuer
Weitere Informationen:

Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer ist im Arbeitsbereich Christliche Gesellschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig.


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