Dem Hass eine Kraft entgegensetzen

 

Mit der Zunahme rechtspopulistischer Bewegungen und dem Einzug der AfD in verschiedene Landtagen und dem Bundestag ist die Zivilgesellschaft neu herausgefordert, Debatten zu gestalten und ein demokratisches und vielfältiges Miteinander zu stärken. 

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ist Trägerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAG K+R), die 2010 in Dresden gegründet wurde. Anlass für die Gründung war die Notwendigkeit, Bündnisse zu bilden und wirkungsvolle Aktionsformen gegen Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und die Aufmärsche von Neonazis zu schaffen. Die BAG K+R informiert über Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Rechtspopulismus, bildet Netzwerke im Einsatz für Vielfalt, Inklusion und Mitmenschlichkeit und berät Kirchengemeinden und Initiativen, die dem Phänomen des Rechtspopulismus auch in ihren eigenen Reihen begegnen wollen. Die Handreichungen und Beratungsangebote sind unter www.bagkr.de abrufbar.

Die AfD bringt immer wieder geschichtsrevisionistische Positionen hervor. Die provokanten Auslassungen Björn Höckes, der das Denkmal für die ermordeten Juden Europas als Denkmal der Schande bezeichnete, sind hinreichend diskutiert und kritisiert worden. Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und die BAG K+R beziehen eindeutig Position gegen Geschichtsklitterung und rassistische Parolen, die sich derzeit vor allem gegen Muslime und Flüchtlinge richten.

Rechtspopulistische Parteien in Europa geben sich zunehmend den Anstrich, an der Seite ihrer jüdischen Bürger*innen und Israels zu stehen. Dem steht gegenüber, dass antisemitischen Äußerungen aus den Reihen der rechtspopulistischen Parteien nicht eindeutig nachgegangen und widersprochen wird. Der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus fasst in seinem Bericht von 2017 zusammen, »dass die AfD zu den Parteien zählt, die den Antisemitismus aus strategischen Gründen ablehnen, ihn aber latent in den eigenen Reihen dulden. Demnach ist die AfD in der Gesamtbetrachtung keine antisemitische Partei, sie hat aber mit Abstand das größte Antisemitismus-Problem, zumindest von den behandelten Parlamentsparteien.« Eine Partei, aus deren Reihen es immer wieder völkische, rassistische und nationalistische Verlautbarungen gibt, ist anfällig für antisemitische Positionen. Auch davor gilt es zu warnen. 

Seit vielen Jahren gestaltet Aktion Sühnezeichen Friedensdienste historisch-politische Bildungsprogramme im Kontext der Migrationsgesellschaft. In den letzten Jahren wurden die Bildungsprogramme auch auf Menschen mit Fluchthintergrund ausgedehnt. Bei der dialogischen Vermittlung der NS-Geschichte geht es darum, Zuwander*innen am Wissen bzw. Diskurs teilhaben zu lassen, der für ihre Partizipation an der Gesellschaft wichtig ist. Das Wissen um die Geschichte hilft auch, politische und ethische Debatten der Gegenwart zu verstehen bzw. die Situation von Minderheiten einordnen zu können. Darüber hinaus findet in den Programmen eine intensive Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus statt. Die Teilnehmenden gestalten mit ihren Perspektiven und Beiträgen den Erinnerungsdiskurs mit. Diese Perspektiven sind immer verwoben mit den eigenen kollektiven, familiären und individuellen Geschichten. Herkunfts- und Migrationsgeschichten der eingewanderten Menschen werden mehr und mehr zur Geschichte des Landes, in dem sie jetzt leben. Deutsche Geschichte ist nicht nur die Geschichte derjenigen, die in Deutschland geboren wurden oder seit Generationen hier leben, sondern aller Menschen, die hier leben. Zur Migrationsgesellschaft gehören Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, sie alle sind verantwortlich, das Zusammenleben, die Politik und die Debatten zu gestalten. Diese Position bringt ASF in Debatten ein und gestaltet sie durch Bildungsprogramme, die einen dialogischen Prozess über Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft anstoßen und öffentlich machen. Zwei neue Publikationen geben Einblick in diese Geschichten: »Wir müssen unseren Kindern die Geschichte der Sinti und Roma erzählen. Neuköllner Stadtteilmütter auf den Spuren der NS-Geschichte« und »Biografische Betrachtungen von Geflüchteten auf die nationalsozialistische Geschichte«. Die Bildungsprogramme und Publikationen sind über www.asf-ev.de abrufbar. 

Mit Veröffentlichungen, Bildungsprogrammen, Kampagnen und Freiwilligendiensten möchte ASF Debatten gestalten, sich für Vielfalt und eine fortwährende sensible Erinnerungskultur einsetzen und besonders junge Menschen zu Aufmerksamkeit, Selbstreflexion und verantwortlichem Handeln für eine friedliche Gesellschaft einladen. Der ASF-Freiwillige Kai Flechtner, der in der Gedenkstätte Musée Memorial des Enfants d’Izieu tätig war, resümiert seinen Friedensdienst mit ASF: »In den unterschiedlichsten Projektbereichen, in den unterschiedlichsten Ländern und mit den unterschiedlichsten Kontexten begegnen wir Freiwilligen immer vor allem einem: Wir begegnen Menschen. Menschen mit ihren Geschichten. Sich darauf einzulassen, vor Fremdem und Irritation nicht zurückzuschrecken, das ist das einzugehende Wagnis. Ich persönlich habe es nicht bereut, mich haben all die Erfahrungen vorangebracht, bereichert und geöffnet. Daher betrachte ich die Herausforderungen aktueller und zukünftiger Migration als Chance, als Chance für alle Beteiligten, wenn wir uns darauf einlassen und zielführende Diskussionen sowie die Begegnung nicht scheuen«. 

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste bewegt Menschen, sich auf Prozesse einzulassen, die Gewohnheiten in Frage stellen, postfaktische Erklärungen hinterfragen, Perspektiven auf andere Sichtweisen eröffnen, politische Debatten in gebotener Komplexität zulassen und ein Gespür dafür entwickeln, wie Geschichte(n) die Beziehungen der Menschen beeinflussen und wie Menschen durch Begegnungen und aufmerksames Zuhören die Gegenwart und Zukunft gemeinsam gestalten können.

»Aber noch können wir, unbeschadet der Pflicht zu gewissenhafter Entscheidung, der Selbstrechtfertigung, der Bitterkeit und dem Hass eine Kraft entgegensetzen«. Dieser Satz aus dem Sühnezeichen-Gründungsaufruf von 1958 kann auch heute handlungsleitend sein. In den vergangenen Jahren brach in vielen Ländern ein schwelender Rassismus hervor, gleichzeitig erlebten wir eine beeindruckende Solidaritäts- und Willkommenskultur. In Bezug auf Inklusion, Vielfalt, Bildungschancen und die Rechte von Minderheiten gab und gibt es Fortschritte. Daran gilt es anzuknüpfen und den Rückschritten und Gefahren zu wehren, die es gerade an vielen Orten der Welt gibt.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autorin:
Jutta Weduwen
Weitere Informationen:

Jutta Weduwen ist Geschäftsführerin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und Mitglied im ÖVA.

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