Der pauschalen Verurteilung des Islams und der Muslime muss entschieden widersprochen werden

 

Gehört der Islam zu Deutschland? Das ist zugegebenermaßen in Anbetracht der Tatsache, dass hier Menschen muslimischen Glaubens leben, eine unsinnige Frage. Offensichtlich denken aber nicht alle so. Immer wieder wird über sie diskutiert – nicht nur an Stammtischen, sondern auch ernsthaft und heftig auf höchster politischer Ebene. So im Frühjahr 2018, also in der Entstehungszeit dieses Textes.

Als wiedergewählte Bundeskanzlerin bezog Angela Merkel in ihrer ersten Regierungserklärung Stellung zu dieser Frage: »Es steht völlig außer Frage, dass die historische Prägung unseres Landes christlich und jüdisch ist. Doch so richtig das ist, so richtig ist es auch, dass mit den 4,5 Millionen bei uns lebenden Muslimen ihre Religion, der Islam, inzwischen ein Teil Deutschlands geworden ist.« Merkel positionierte sich klar gegen die Äußerung ihres Koalitionspartners Horst Seehofer. Der CSU-Politiker hatte, kaum dass er zum Innen- und Heimatminister der neuen Bundesregierung ernannt wurde, in einem Zeitungsinterview erklärt: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland.« Rückendeckung erhielt er vom CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der sogar noch einen draufsetzte: »Der Islam gehört egal in welcher Form nicht zu Deutschland.« So sehe es laut Umfragen auch »der überwiegende Teil der Bevölkerung«. Bei der herangezogenen »öffentlichen Meinung« handelt es sich um das Ergebnis einer Umfrage einer Tageszeitung unmittelbar nach Seehofers Interview. Dass die ablehnende Haltung des Bundesinnenministers die Meinungsbildung der Bürger beeinflusst haben könnte: Diesen Zusammenhang ignoriert Dobrindt gänzlich.

Dass sich Politiker*innen darüber auslassen, ob und welche Religion zu Deutschland gehört, ist befremdlich. Das ist nicht ihre Aufgabe! »Gerade ein Innenminister, der gleichzeitig auch Verfassungsminister ist, sollte Artikel 4 des Grundgesetzes kennen«, kommentierte der Jurist und jüdische Publizist Michel Friedman Seehofers Äußerungen. Einer Weltreligion ihre Existenz als Bestandteil der religiös-gesellschaftlichen Realität in Deutschland abzusprechen sei anmaßend und zeuge »von einem sehr zweifelhaften Verständnis von Religionsfreiheit«. Die Verfassung garantiert die Religionsfreiheit. Es ist aber nicht nur eine Anmaßung, sondern zeugt von theologischer und von soziologischer Unkenntnis: Eine Trennung zwischen der Religion und denen, die dieser Religion angehören, ist nicht möglich. Es gibt nicht »den« Islam! »Islam« ist kein sozialer Akteur, sondern es sind immer Individuen, die ihre Religion auf unterschiedliche Weise praktizieren. Wenn propagiert wird, der Islam sei kein Bestandteil dieser Gesellschaft, wird das Unbehagen und Misstrauen von Bürger*innen gegenüber Muslimen genährt – so sehr, dass daraus feindliche Einstellungen mit gewalttätigen Handlungen resultieren können.

Aus parteipolitischen Motiven wird auf Kosten der Muslime eine Debatte angezettelt, die in Kauf nimmt, den gesellschaftlichen Frieden zu gefährden. Denn egal, wie die Antwort ausfällt: Allein die Frage zu stellen, schließt all jene 4,5 Millionen Menschen aus, die sich zum Islam bekennen. Hochrangige Politiker sabotieren das Bemühen um Integration und das Engagement für den interkulturellen und interreligiösen Dialog. In den populistischen Debatten, die seit dem Einzug der AfD in den Bundestag auch dort geführt werden, wird nicht unterschieden zwischen Islam als Religion und Islamismus als Ideologie. Muslime und Islamisten werden in einen Topf geworfen. Die einen machen es aus Unkenntnis, andere trotz besseren Wissens.

Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), reagierte auf die Äußerung von Bundesinnenminister Seehofer und erklärte: »Der pauschalen Verurteilung des Islams und der Muslime muss entschieden widersprochen werden.« Sternberg weist darauf hin, dass »die immer häufiger gezielt gemachten populistischen Aussagen und deren Rezeption in den Sozialen Medien« dazu führten, dass Menschen aufgrund von Herkunft und Religion diffamiert würden.

Klare Missbilligung von Äußerungen von Politikern und Widerworte sind dringend erforderlich, um der sich hierzulande immer mehr ausbreitenden feindlichen Einstellung gegenüber Muslimen entgegenzuwirken.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autorin:
Canan Topçu
Weitere Informationen:

Canan Topçu ist Journalistin, Dozentin und Moderatorin

Um feindliche Einstellungen gegenüber Muslimen auszudrücken, werden in den öffentlichen Debatten unterschiedliche Begriffe verwendet: Islamfeindlichkeit, Islamophobie, Feindschaft gegenüber Muslimen, Muslimfeindschaft und antimuslimischer Rassismus sind einige dieser Begriffe. Welcher ist aber der passende? Warum antimuslimischer Rassismus die geeignete Bezeichnung ist, erklärt die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus in einer Handreichung, die jüngst aktualisiert wurde. Sie gibt Antworten auf fünf Fragen: Wie wird antimuslimischer Rassismus definiert? Wie äußert er sich und worin unterscheidet er sich von der Kritik am fundamentalistischen Islam? Welche Gruppen propagieren den offenen antimuslimischen Rassismus? Wie kann dem entgegengetreten werden? 

Das zehn Seiten umfassende Heft ist als PDF auf der Internetseite der BAG K+R abgelegt:

http://bagkr.de/2017/12/19/handreichung-antimuslimischer-rassismus-neue-...

Sie kann heruntergeladen und ausgedruckt werden.

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