Kirche und Sinti und Roma: Eine belastete Beziehung mit Licht am Horizont – wenn wir es wollen

 

Es ist deutlich, dass der Protestantismus seit Luther teilhat an verächtlicher und diskriminierender Wahrnehmung von Sinti und Roma. Wie es zu der mitgetragenen Verachtung und Verfolgung der Sinti und Roma kam, das – so stellt ein Gutachten der Historikerin Verena Meier mit Recht fest – bedarf einer differenzierten kirchengeschichtlichen Untersuchung. Dieses Gutachten ist vom Zentralrat der Sinti und Roma in Auftrag gegeben worden und wurde am 20. September 2017 gemeinsam mit der Evangelischen Akademie zu Berlin am Gendarmenmarkt in Berlin vorgestellt und diskutiert.

Eine historische Untersuchung wäre nicht einfach ein rückwärtsgewandtes Projekt, sondern ein dringend notwendiger Schritt zur Umkehr in der Gegenwart, der begleitet sein sollte von verstärkten Kontakten von Gemeinden zu Sinti- und Roma-Organisationen. Denn die Verletzung durch die lang anhaltende Missachtung und Ignoranz der Kirchen ist groß.

Denn nach 1945 herrschte (Ver-)Schweigen in beiden Kirchen zu dem Porajmos, wie der Völkermord an den Roma und Sinti in Romanes genannt wird. Ein Schweigen, das bis heute weitgehend anhält, wenn es um den Umgang mit Antiziganismus geht. Die Aufarbeitung der Geschichte von Diskriminierung, Verfolgung und Mord an Sinti und Roma und die Rolle der Kirchen scheint für Kirchenhistoriker keine größere Bedeutung zu haben. Zwar wird inzwischen der unter nationalsozialistischer Herrschaft ermordeten Sinti und Roma gedacht. So bekannte der damalige EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber 2004 eine Mitschuld der Kirchen am Völkermord an den Sinti und Roma, doch eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Antiziganismus oder ein Zugehen auf Selbstorganisationen und Landesverbände oder den Zentralrat, um Bereitschaft zu signalisieren, Antiziganismus zu bekämpfen und die Minderheit zu unterstützen, ist kirchlicherseits daraus nicht hervorgegangen. Ausnahmen bilden die Unterstützung des Hungerstreiks in Dachau 1980 und die Orientierungshilfe der EKD von 1991, die sich das erste Mal der Verfolgungsgeschichte und der Verstrickung der Evangelischen Kirche näherte.

Neben diesen Ausnahmen blieb beispielsweise der Skandal der anhaltenden Diskriminierung durch Justiz und Polizei nach 1945 und das Schweigen der Kirchen unbesprochen. So wurde sich kaum mit dem skandalösen Urteil des Bundesgerichtshofs von 1956 auseinandergesetzt. Darin war die Verfolgung der Sinti und Roma vor 1943 für rechtmäßig erklärt worden, da diese sie durch »eigene Asozialität, Kriminalität und Wandertrieb« verschuldet hätten. Verschwunden ist dieses Feindbild bis heute nicht.

»Ich bin fest davon überzeugt, dass antiziganistische Stereotype durchaus in unserer Bevölkerung und damit auch in unseren Gemeinden existieren«, sagte der EKD-Vertreter Martin Dutzmann bei der Tagung im Herbst 2017, »auf dem Bildungssektor hat da ganz viel zu passieren«.

Fazit des Fachtages der Evangelischen Akademie zu Berlin im Haus der EKD war: Die Evangelische Kirche muss sich der Diskriminierungsgeschichte seit der Reformation, sowie der Kollaboration von Gemeindegliedern und Amtsträgern mit dem NS-Regime und damit ihrer Mitverantwortung für den Völkermord an den Sinti und Roma und nicht zuletzt dem Schweigen in der Nachkriegszeit durch verstärkte Forschung und verstärkte Zusammenarbeit stellen.

Wichtig und ermutigend, wie auch beispielhaft für andere Landeskirchen ist die gute Kooperation der Württembergischen Landeskirche mit dem Landesverband der Sinti und Roma, die zur Einrichtung der Stelle eines Beauftragten für Roma und Sinti geführt hat.

Die Evangelischen Akademien in Bad Boll, Villigst und Berlin bemühen sich zur Zeit um eine Vernetzung der in den Landeskirchen für diese Thematik Zuständigen und den Landesverbänden und Selbstorganisationen. Bei einer weiteren Tagung »Vom Vorurteil zur Zusammenarbeit« Anfang Dezember in Bad Boll wurde deutlich, dass die Landesverbände und Selbstorganisationen der Sinti und Roma nicht selten enttäuscht sind von dem mangelnden Willen zur Zusammenarbeit und Kontaktaufnahme durch evangelische Gemeinden vor Ort. Für Interessierte und aktive Gemeinden oder solche, die es werden wollen, kann solche Kontaktaufnahme zu vielem führen: eine gemeinsame Veranstaltung mit Zeitzeugen oder Verbandsvertreter*innen zur Situation der Sinti und Roma, ein gemeinsamer Gedenkgottesdienst oder auch ein ganz normaler Sonntagsgottesdienst, vielleicht unabhängig von der konfessionellen Bindung der jeweiligen Partner und vielleicht im Rahmen der Interkulturellen Woche. So könnte der Anfang einer tragfähigen Partnerschaft und damit der Anfang vom Ende der Stereotypisierung »der Anderen« geschaffen werden und damit die Einlösung des uneingeschränkten Versöhnungsanspruchs des Gottes Israels in Jesus Christus, der eben allen gilt ohne Unterschied. 

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autor:
Christian Staffa
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Dr. Christian Staffa ist Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche der Evangelischen Akademie zu Berlin.

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