neue deutsche organisationen – wer wir sind, was wir wollen

 
© Judith Affolter

Wenn man es positiv formulieren will, könnte man sagen: Wir leben in einer spannenden Zeit, wir verhandeln gerade, wer in Deutschland dazu gehört und wer nicht. Dabei ist zu beobachten, dass es immer mehr Initiativen gibt, die sich gegen Rassismus engagieren und klarstellen, dass Deutschsein heute mehr ist, als deutsche Vorfahren zu haben. Vor allem nach der »Sarrazin-Debatte« 2010 haben sich zahlreiche Organisationen von Menschen gegründet, die selbst entscheiden wollen, wie sie bezeichnet werden. Manche nennen sich Menschen of Color, Sinti, Roma, Schwarze Deutsche oder – je nach Herkunft – XX-Deutsche, darunter sind jüdische, muslimische und andere Engagierte sowie Nachkommen von Arbeitsmigrant*innen und Geflüchteten.

Anfang 2015, in der Hochphase der »Pegida«-Debatte, trafen sie sich erstmals unter dem Titel »neue deutsche organisationen (ndo)«. Inzwischen haben über 100 postmigrantische Initiativen im ndo-Netzwerk zusammengefunden. Ihre Gemeinsamkeit: Sie verstehen sich als Teil dieser Gesellschaft und als Gegenbewegung zum erstarkenden Rechtspopulismus. Auch zahlreiche »klassische« Migrantenorganisationen sind dabei.

Vielfalt verbindet – das IKW-Motto 2018 steht dafür, die Gesellschaft gemeinsam zu gestalten, »freundlich im Ton, aber klar und unmissverständlich in der Haltung«. Diese Herangehensweise entspricht absolut unserem Motto. Denn wir sagen: Wir sind viele und wir wollen mitreden, wenn es um die Zukunft der deutschen Gesellschaft geht – nicht nur in Sachen Integration und Migration.


 

Für Mitsprache und Teilhabe gibt es viele gute Gründe. Zum Beispiel diese:

  • Menschen mit Migrationsbezügen und Minderheitenmerkmalen sind längst keine kleine Minderheit mehr. In manchen Regionen hat die Mehrheit der Schulkinder Migrationsbezüge. Und jenseits vom eigenen »Migrationshintergrund« sind viele Menschen familiär oder freundschaftlich involviert.
  • Teilhabe ist eine zutiefst demokratische Frage: Die Qualität einer Demokratie spiegelt sich am deutlichsten wieder in ihrem Umgang mit marginalisierten Menschen. Denn sie bedeutet, dass allen das Recht zusteht, Politik und Gesellschaft mitzugestalten.
  • Und es geht um nichts Geringeres als Menschenrechte: Minderheiten haben ein Recht darauf, nicht benachteiligt (diskriminiert) oder rassistisch herabgewürdigt zu werden.

Aus dieser Haltung heraus lassen sich unsere Forderungen verstehen:

  1. Wir wollen selbst entscheiden, wie wir bezeichnet werden. Zum Beispiel als Menschen mit Vibrations- oder Migrationshintergrund, mit Migrationsvordergrund, Migrant*innen, bikulturelle, crosskulturelle, Afrodeutsche, Turkodeutsche oder Deutschkurden oder einfach nur Deutsche. Fragen Sie uns.
  2. Wir wollen keine Integrationspolitik, sondern eine Gesellschaftspolitik für alle. Eine Integrationspolitik, die sich nur auf Menschen mit Migrationshintergrund konzentriert, ist nicht mehr zeitgemäß, wir brauchen auch Integrationsangebote für Menschen ohne Migrationsvordergrund. Und wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Einwanderungsgesellschaft. Ein neues Einwanderungsgesetz muss das berücksichtigen und Maßnahmen gegen Diskriminierung und Rassismus beinhalten.
  3. Das gesellschaftliche Engagement gegen antisemitische, antimuslimische, frauenfeindliche und homophobe Einstellungen muss stärker unterstützt und gefördert werden – in allen Teilen der Gesellschaft.
  4. Minderheiten und People of Color müssen präsenter werden: Wir wollen keine Behörden, staatlichen Unternehmen, Parlamente, Gremien, Rundfunkräte, Wohlfahrtsverbände usw., in denen immer noch (fast) nur Herkunftsdeutsche sichtbar sind. Diese Teilhabe sollte selbstverständlich sein. Wir bedauern, dass die gesellschaftliche Vielfalt sich in der neuen Bundesregierung gar nicht wiederfindet.
  5. Zu einer modernen Einwanderungsgesellschaft gehört auch ein reformiertes Bildungssystem: Im Unterricht sollte die Geschichte des Einwanderungslands Deutschland vermittelt und auf Alltagsprobleme im Zusammenleben eingegangen werden. Kolonialismus, Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung müssen Teil der Lehrpläne werden.


© Judith Affolter

Wir glauben daran, dass das machbar ist. Und freuen uns über jede Gelegenheit zur Diskussion bei der Interkulturellen Woche und überall da, wo diese Themen angegangen werden. 

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autor:
Ferda Ataman
Weitere Informationen:

Ferda Ataman ist Mitglied der Steuerungsgruppe der neuen deutschen organisationen.

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