Reden? Wie reden? - Zum Umgang mit Rechtspopulismus in Kirchengemeinden

 
© Marc Brinkmeier / BAG K+R

Der Aufstieg rechtspopulistischer und neurechter Akteure in Deutschland ist mittlerweile unübersehbar geworden – durch die Präsenz der AfD in Landtagen und auch im Bundestag, durch einen Bedeutungsgewinn rechter Medien, durch zahlreiche gut besuchte Demonstrationen auch im Westen der Republik sowie durch ständige rassistische Stimmungsmache in den sozialen Medien.

Und in den Jahren 2015 und 2016 durch die schlimmste Welle an rassistisch motivierten Brandanschlägen gegen Unterkünfte von Geflüchteten seit Anfang der 1990er Jahre. Die neue rechte Bewegung profitiert dabei von weit verbreiteten Ressentiments in der Bevölkerung. So ergab etwa eine Studie von Chatham House aus dem Jahr 2017, dass in Deutschland 52 Prozent der Menschen dafür sind, jegliche muslimische Zuwanderung zu stoppen – und nur etwa 18 Prozent dies ablehnen.

Ressentiments unter Kirchenmitgliedern

Wie sieht es mit Ressentiments unter Mitgliedern der Kirchen aus? Es gibt Hinweise darauf, dass die Mitglieder der Kirchen im Durchschnitt etwas weniger für Rechtspopulismus anfällig sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wahlergebnisse zeigen es deutlich: Es gibt eine negative Korrelation zwischen Kirchenmitgliedschaft und der Stimmabgabe für die AfD. Diese ist besonders stark in Gegenden mit geringer konfessioneller Bindung. Dennoch sind Rassismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auch unter Kirchenmitgliedern weit verbreitet. Wie damit umgehen?

Zuallererst sind klare Signale zu setzen, dass Gewaltpropaganda und Brandanschläge inakzeptabel sind und dass Geflüchtete des Schutzes bedürfen. Wer von Drohungen und Gewalt betroffen ist, muss nach Kräften unterstützt werden. Es muss klar sein: Rassismus und anderes menschenfeindliches Gedankengut darf nie unwidersprochen bleiben. Es ist immer wieder der Gegensatz zwischen AfD und Co. und christlichem Glauben zu betonen. Die Kirchen sind nicht neutral in dieser Auseinandersetzung und dürfen es auch nicht sein. Gott gibt uns als Christ*innen eine klare Orientierung. Die von Paulus (vgl. Gal3, 28) geforderte unbedingte Gleichwertigkeit der Menschen verlangt eine klare Abgrenzung zu menschenverachtenden Haltungen und Äußerungen.

Es gilt aber auch: Für rechtspopulistische und neurechte Ideen anfällige Milieus sind zu groß und auch in den Kirchen zu stark vertreten, als dass diese als Ganzes sozial geächtet werden könnten. Soziale Ächtung war eine wirksame Strategie im Umgang mit der NPD und anderen Neonazis, hier funktioniert dies nicht mehr. Die Kirchen kommen um das Diskutieren und um das Zurückgewinnen der Menschen nicht herum, weil die Positionen aus dem Umfeld der AfD wesentlich mehr Unterstützung haben als sich das in Wahlergebnissen der AfD ausdrückt.

Jede Auseinandersetzung mit entsprechenden Meinungen hat dabei auf Präzision zu achten: Nicht jede oder jeder, der etwa die staatliche Politik im Bereich der inneren Sicherheit kritisiert, hat dabei einen Hintergrund im Gedankengut der Neuen Rechten, den von Götz Kubitschek und Björn Höcke vertretenen Ideen, oder denen des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer. Nicht jede Irritation über die Bundesregierung oder Sorge um Flüchtlingspolitik ist nur von Rassismus motiviert – wenn dies auch oft sehr wohl der Fall ist. Und damit verbunden: Nicht jede Publikation oder Äußerung, die einem aus nachvollziehbaren Gründen nicht gefällt, ist mit dem Begriff Rechtspopulismus oder Neue Rechte zu belegen, auch dann nicht, wenn sie mit einem bestimmten Vokabular zu spielen scheint.

Zivil in Form und Inhalt

Es ist stets darauf zu achten, dass die Auseinandersetzung zivil in Form und Inhalt bleibt. Beispiele für das Gegenteil davon haben wir in der medialen Öffentlichkeit bereits erlebt, etwa die beleidigende Rede über »Pack« oder das Raisonnieren darüber, dass man sich erschießen würde, wenn man mit Frau Petry verheiratet wäre. Solche Äußerungen delegitimieren die Sprechenden. Insbesondere darf es keine Duldung tätlicher Angriffe auf Vertreter*innen der AfD geben. All dies befördert weiter gesellschaftliche Polarisierungen. Von einer aufgeheizten Stimmung profitiert vor allem die AfD. Je verbindlicher und höflicher man sich einem Gespräch verhält, desto klarer kann in der Sache argumentiert werden, ohne dass die Situation entgleitet.

In einer vom Rat der EKD in Auftrag gegebenen Studie über Einstellungen von Kirchenmitgliedern heißt es: »dieselben Diskursprinzipien, die Offenheit und Toleranz nach außen sicherstellen sollen, grenzen nach innen die Kirchenmitglieder, die zu diesen Fragen eine weniger offene oder auch eine vorurteilsbehaftete Meinung vertreten, aus«. Daraus folgt: Der zentrale Weg der Auseinandersetzung muss über das Wort gehen, über das bessere Argument. Innerhalb der Kirchgemeinden heißt dies: Diskutieren, diskutieren, diskutieren, und nicht ausgrenzen. Ressentiments können nur bearbeitet werden, wenn sie offen auf dem Tisch liegen. Es braucht eine angstfreie Atmosphäre, weil sonst die Menschen nicht sagen werden, was sie denken. Sie behalten ihre Ressentiments einfach für sich, und es gibt keine Möglichkeit mehr zu widersprechen.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autor:
Henning Flad
Weitere Informationen:

Henning Flad ist Projektleiter der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus

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