Sprache und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft - Ein- und Ausgrenzung durch Sprache

 
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In einer bekannten biblischen Szene wird ein ethnischer Konflikt beschrieben: die Gileaditer errichten einen Kontrollposten an einer Furt des Jordans und kontrollieren Flüchtlinge. Jeder, der hinüber will, muss ein bestimmtes Wort sagen. Allein an der Aussprache („Sibboleth“ statt „Schibboleth“) erkennen die Kontrolleure den Feind (Buch der Richter 12,5). Die Szene sagt einiges über soziale Konflikte, denn die kulturelle Distanz zwischen den kämpfenden Gruppen ist offensichtlich gering – beide Gruppen, Gileaditer und Ephraimiter, sprechen im Prinzip dieselbe Sprache, nur die Aussprache variiert. Dieser geringe ethnische Unterschied reicht jedoch aus, um die anderen als vernichtenswerte Feinde zu klassifizieren. „Zu der Zeit fielen vierzigtausend“, heißt es weiter im biblischen Text (aber das ist vermutlich eine Übertreibung). Die Szene sagt noch etwas anderes: Sprache dient nicht nur zur Stärkung von Gemeinschaft, sondern kann umgekehrt auch zur Ausgrenzung anderer eingesetzt werden. Vielfach wird im Kontext der Migrationspolitik die Wichtigkeit einer gemeinsamen Sprache beschworen, oftmals verbunden mit der Forderung an Migrant(inn)en, Deutsch zu lernen. „Deutsch ist das Band, das uns verbindet“, sagte einmal eine Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Was aber, wenn dieses Band nicht besteht? Verbindet uns dann nichts?

In einem Gespräch über die Versorgung von Behörden und sozialen Einrichtungen mit Dolmetschern behauptet der Vertreter eines kommunalen Verbandes, aufgrund gesetzlicher Bestimmungen dürfe in deutschen Behörden nur auf Deutsch kommuniziert werden. Deutsch sei laut § 23 des Verwaltungsverfahrensgesetzes nun mal die Amtssprache. Die gleiche Auffassung vertritt in einem Interview ein zweisprachiger Angestellter eines Jobcenters, der verschämt einräumt, er spreche ab und zu mal Russisch, wenn Klienten nicht so gut Deutsch können, aber zuvor versuche er es immer in der Amtssprache.

Der häufig zu hörende Verweis auf die Amtssprache Deutsch zeugt nicht nur von einer bestimmten Rechtsauffassung. Es wird auch die Spannung deutlich, die zwischen der sprachlichen Vielfalt des deutschen Alltags und der politischen Konzeption der Nation als einer kulturell und sprachlich homogenen Einheit besteht. Ungeachtet der tatsächlich bestehenden sprachlichen Vielfalt streben Nationalstaaten nach einer Vereinheitlichung und Standardisierung der Nationalsprachen. Die Beherrschung der Nationalsprache wird dabei zu einer Eigenschaft und individuellen Kompetenz, die nicht nur die Kommunikation erleichtern soll, sondern die auch die Bemühungen des Einzelnen um eine Integration in die jeweilige Gesellschaft beweist. Die Bürgergesellschaft wird so zu einer Sprachgemeinschaft: die Sprache ist das Band, das uns verbindet, und nicht beispielsweise das Rechtssystem oder gemeinsame grundlegende Werte.

Die mehrsprachige Realität in sozialen und medizinischen Einrichtungen

In jeder Kommune werden aufgrund gesetzlicher Bestimmungen bestimmte soziale Dienste vorgehalten, etwa im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, im Gesundheitsbereich, usw. Hinzu kommen Schulen, Jobcenter, Krankenhäuser und andere Einrichtungen, die alle jeweils bestimmte Problemlösungen für die Wohnbevölkerung anbieten, unabhängig von dem aufenthaltsrechtlichen Status der Individuen. Die Schulpflicht besteht für alle Kinder und Jugendlichen, und minderjährige unbegleitete Flüchtlinge stehen unabhängig von ihrer Bleibeperspektive oder ihrem Aufenthaltsstatus unter dem Schutz des Jugendamtes. Wie aber sollen die kommunikativen Fragen gelöst werden, die mit solchen gesetzlichen Bestimmungen einhergehen? Wie kann man mit einem somalischen Jugendlichen kommunizieren, der (noch) kein Deutsch spricht? Hierzu gibt der identitätsbezogene Ansatz, der den Erwerb der deutschen Sprache als oberstes Ziel ausgibt, keine Antwort. Die Betreffenden sollen halt Deutsch lernen. Was aber, wenn der Lernprozess stockt?

Demografische Daten aus Deutschland und den USA deuten darauf hin, dass jeder Fünfte mit eigener Migrationsgeschichte Schwierigkeiten hat, in der Sprache des Aufnahmelandes zu kommunizieren.[i] Bei rund 17 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in 2015 entsprechen diese 20% etwa 3,4 Millionen Personen oder rund 4% der Gesamtbevölkerung. Dieser Prozentsatz variiert natürlich erheblich, wenn andere Eigenschaften wie Alter oder biologisches Geschlecht einbezogen werden. Hinzu kommt, dass bestimmte Personengruppen in manchen Einrichtungen besonders häufig vorstellig werden, sodass häufiger als anderswo in anderen Sprachen kommuniziert werden muss. Dies gilt z.B. für Geburtshilfestationen in Krankenhäusern oder Kindertagesstätten in bestimmten Kommunen.

Ein anderer Kommunikationsbereich, in dem gute Kommunikation wichtig und auch rechtlich vorgeschrieben ist, ist die Patientenaufklärung. Geht man etwa davon aus, dass von den ca. 18 Millionen stationären Krankenhausaufenthalten pro Jahr jeder mit mindestens einem Aufklärungsgespräch einhergeht, dann finden jedes Jahr schätzungsweise ca. 720.000 Aufklärungsgespräche mit Personen statt, die nur wenig Deutsch sprechen. Da Dolmetschen keine Leistung der Krankenkassen ist und Krankenhäuser in der Regel keine eigenen Dolmetscherdienste haben, werden solche Gespräche entweder von Angehörigen gedolmetscht oder aber – rechtswidrig – in einer Sprache geführt, die der Patient nicht gut versteht. Jeder Arzt, der ein Aufklärungsgespräch ohne Sprachmittlung mit einer Person führt, die nur eingeschränkt Deutsch beherrscht, macht sich zumindest in einer Hinsicht strafbar: durch Körperverletzung gegenüber dem Patienten, weil die Zustimmung zum Eingriff nicht rechtswirksam war.[ii] Möglicherweise begeht er aber auch einen Betrug gegenüber der Krankenkasse, weil das Gespräch als eine Leistung abgerechnet wird, die de facto nicht erbracht wurde.

Obwohl es sich also offenkundig um systematisch auftretende Sprachbarrieren handelt, sieht sich der Gesetzgeber nicht in der Lage, systematische Lösungen bereitzustellen. Die meisten medizinischen und sozialen Einrichtungen in Deutschland sind stattdessen auf Improvisation angewiesen, wenn es darum geht Kommunikation mit Personen zu gewährleisten, die kein oder wenig Deutsch sprachen. Häufig leisten Angehörige oder Angestellte, manchmal auf Mitbewohner aus einer Aufnahmeeinrichtung oder Bekannte die sprachliche Vermittlung – ein Freund eines Freundes, ein Taxifahrer, usw. Oder es wird, mit ungewissem Ausgang, in einer Verkehrssprache wie Englisch oder Französisch kommuniziert. Insbesondere dann, wenn dritte Personen als Mittler einbezogen werden, findet kein Qualitätsmanagement mehr statt und es spielen elementare fachliche und rechtliche Standards oftmals keine Rolle mehr. Die Qualität etwa eines Beratungsgesprächs zeigt sich ja nicht nur darin, dass bestimmte Informationen irgendwie an einen Klienten vermittelt werden. Und auch der sonst sehr wichtige Datenschutz ist ausgehebelt, wenn in der Schuldnerberatung der Gläubiger die Verdolmetschung übernimmt. Der vorherrschende, von Improvisation geprägte Umgang mit Sprachbarrieren in öffentlichen Einrichtungen in Deutschland ist also rechtlich und fachlich problematisch.

Inklusive Mehrsprachigkeit statt exklusiver Deutschsprachigkeit

Ein Konzept, das der alleinigen Ausrichtung auf eine Nationalsprache widerspricht ist das der „inklusiven Mehrsprachigkeit“.[iii] Inklusive Mehrsprachigkeit bedeutet, dass verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation in verschiedenen Sprachen flexibel genutzt werden, um Verständigung zu erreichen. Das Konzept betont das Ziel der wechselseitigen Verständigung und erteilt Identitätsansprüchen eine Absage. Anstatt auf der Verwendung einer Sprache zu beharren, sollten die Beteiligten an einem Gespräch die Verständigungsoptionen ausloten und jeweils flexibel auf Herausforderungen reagieren. Dies bedeutet etwa, dass man systematisch Sprachmittler einbezieht und dass eine Einrichtung reflektiert, in welchem Umfang und in welchen Bereichen eine bestimmte Art der sprachlichen Unterstützung jeweils erforderlich ist.

Um also in einer Institution Sprachbarrieren abzubauen, müssen die vorhandenen Kompetenzen nicht naiv genutzt, sondern systematisch erhoben werden. Es müssen außerdem die mit den Kommunikationsanlässen verbundenen Anforderungen reflektiert und ggfs. entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen werden. Dazu gehört auch, den Dienst der potentiellen Mittler angemessen zu vergüten oder andere Anreizsysteme zu schaffen. Qualifiziertes Dolmetschen erfordert Auswahlprozeduren und die Teilnahme an Fortbildungen sowie eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung; und solche zusätzlichen Erwartungen an die Angestellten werden sicherlich eher und besser von diesen erfüllt, wenn damit auch materielle Vorteile einhergehen.

Geklärt werden muss auch, in welchen Fällen die Einbeziehung externer qualifizierter Dolmetscher erforderlich ist und wie diese bezahlt werden.[iv] Die kompetente Nutzung herkunftssprachlicher Kompetenzen ist also aufwändig und erfordert mehr als nur eine Einstellungsänderung. Sie bedeutet vielmehr einen Systemwechsel von einem auf Deutschsprachigkeit ausgerichteten Kommunikationssystem hin zu einem, dass in der Lage ist, in verschiedenen Sprachen zu arbeiten und Sprachbarrieren systematisch und kompetent zu überwinden.

Teilhabe durch inklusive Mehrsprachigkeit

Die Förderung inklusiver Mehrsprachigkeit in öffentlichen Einrichtungen wie Behörden, Krankenhäusern oder Beratungsstellen erfordert zunächst eine Reflektion der bisherigen Praxis, die häufig auf eine exklusive Deutschsprachigkeit ausgelegt ist. Angestellte und Leitungen reagieren oftmals schwerfällig, wenn es darum geht, andere Formen der Kommunikation zu etablieren. Die Öffnung dieser institutionellen Räume für andere Formen der Kommunikation sollte nicht mit alternativen Identitätskonstruktionen (Schutz von sprachlichen Minderheiten, Bewahrung des kulturellen Erbes usw.) begründet werden, sondern mit dem Anspruch der Institutionen selbst, die sich als allseits offen und inklusiv verstehen. Es geht also nicht um eine gesinnungsethisch begründete Offenheit gegenüber Anderssprachigen, sondern um das Funktionieren der Institutionen, deren Verfahren und Regelungen neuen gesellschaftlichen Realitäten angepasst werden müssen.

Um für eine systematische Überwindung von Sprachbarrieren zu argumentieren, sollte die Teilhabe aller Individuen am gesellschaftlichen Leben und ihr Zugang zu den Institutionen in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Anerkennung der mehrsprachigen Realität hat für demokratische Gesellschaften eine zentrale Bedeutung, weil sie ihre Legitimität aus der Teilhabe der Bevölkerung an der Gestaltung des öffentlichen Lebens beziehen. Die US-amerikanische Juristin Cristina Rodriguez betont daher die institutionelle und politische Notwendigkeit, sich der mehrsprachigen Realität zu stellen:

„In accommodating speakers of multiple languages in a given institution, we should focus on promoting social investment by individuals and groups, as well as preserving individual control over matters of deeply personal concern, rather than on the survival of particular languages or cultures.“ .[v]

Es geht nach dieser Auffassung nicht um die Bewahrung eines kulturellen Erbes oder um Sonderrechte für einzelne ethnische Gruppen, sondern um den Anspruch, Teilhabe für alle zu ermöglichen. Besteht grundsätzlich eine Akzeptanz gegenüber verschiedenen Formen der mehrsprachigen Kommunikation, wie etwa dem Dolmetschen und Übersetzen oder der Verwendung von Verkehrssprachen, muss allerdings vor einer naiven Einschätzung bezüglich der Nutzungsmöglichkeiten von herkunftssprachlichen Kompetenzen gewarnt werden. Erst wenn die sprachlichen Fähigkeiten einer Person realistisch engeschätzt werden und mit den kommunikativen Anforderungen des jeweiligen institutionellen Handlungszusammenhangs in Einklang gebracht werden können, kann auch tatsächlich von einer Öffnung der Institutionen für mehrsprachige Kommunikation gesprochen werden. Die Herstellung von Teilhabe durch inklusive Mehrsprachigkeit ist also eine Aufgabe, der sich Institutionen systematisch und langfristig widmen müssen.


[i] Vgl. Haug, Sonja. 2008. Sprachliche Integration von Migranten in Deutschland. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Working Paper 14; Meyer, Bernd. 2008. Nutzung der Mehrsprachigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund. Berufsfelder mit besonderem Potenzial. Studie für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg; Ryan, Camille. 2013. Language Use in the United States 2011. In: American Community Survey Reports. U.S. Department of Commerce, Economics and Statistics Administration.

[ii] Vgl. Erlinger, Rainer. 2003. Die Aufklärung nicht Deutsch sprechender Patienten. Drei neue Urteile zu einem alten Thema. In: Der Onkologe, 9:865–868.

[iii] Backus, Ad, et al. 2013. Inclusive Multilingualism: Concept, Modes and Implications. In: European Journal of Applied Linguistics1 (2), p. 179–215.

[iv] Meyer, Bernd & Steinke, Marika. 2014. Community Interpreting als Beitrag zur interkulturellen Öffnung. In: Migration und Soziale Arbeit 36/1, 76-83.

[v] Rodriguez, Cristina. 2006. Language and Participation. California Law Review, Vol. 94, 687-767, S. 688.

 
Materialheft:
Gliederung 2018
Autor:
Bernd Meyer
Weitere Informationen:

Bernd Meyer ist Professor für Interkulturelle Kommunikation und Allgemeine Kulturwissenschaft am Fachbereich 06 Translations-, Sprach-, und Kulturwissenschaft der JGU Mainz in Germersheim.


Dieser Text ist die Vollfassung. Im Materialheft zur IKW 2018 ist eine gekürzte Version ohne Fußnoten abgedruckt.
 

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