Abqualifizierung entgegentreten – Anerkennungskultur stärken! - Projektteam »Anerkannt«

 

Im Jahr 2014 veröffentlichte das European Network Against Racism (ENAR) einen aufschlussreichen Bericht über rassistische Diskriminierung in der europäischen Arbeitswelt. Der Report widmete sich u.a. dem Problem segmentierter Arbeitsmärkte, den Diskriminierungsmechanismen in der Personalauswahl und dem Mobbing am Arbeitsplatz. Besonders betroffen hiervon seien Migrantinnen und Migranten aus Nicht-EU-Staaten, Roma, Muslime und Menschen mit dunkler Hautfarbe sowie generell alle Frauen mit »Migrationshintergrund«. Zusätzlich benachteiligt würden diese Gruppen noch durch immense Hürden bei der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen: »Die Unmöglichkeit, erworbene Fähigkeiten und Qualifikationen in Europa anerkannt zu bekommen, führt viel zu oft dazu, dass ganzen Migrantenpopulationen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt wird.« Hinzugefügt werden könnte: Menschen, denen trotzdem ein Einstieg in den Arbeitsmarkt gelingt, sehen sich häufig mit Abqualifizierung konfrontiert und üben entweder Jobs aus, die unterhalb ihres Ausbildungsniveaus liegen oder werden nicht so gut bezahlt, wie das bei ihrer Qualifikation die Regel ist.

Im ebenso zertifikategläubigen wie formularverliebten Deutschland ist das Anerkennungsproblem noch einmal besonders ausgeprägt. Wer seinen Berufsabschluss nicht mit einem Zeugnis dokumentieren kann, hat von vornherein schlechte Karten – selbst wenn die faktischen Kompetenzen denen inländischer Bewerberinnen und Bewerber entsprechen. Aber auch diejenigen, die einen formalen, im Ausland erworbenen Berufsabschluss vorlegen können, sehen sich oft genug damit konfrontiert, dass ihre Qualifikationen offen oder hinter vorgehaltener Hand angezweifelt werden. Eine mögliche Erklärung: In vielen Unternehmen, Behörden und Kammern gibt es den Glauben, dass das deutsche »Duale System« der Berufsausbildung wesentlich höhere Anforderungen hat als ausländische Ausbildungen. Dabei gelten auch in anderen Ländern oft sehr hohe Standards und es werden dort ebenfalls qualitativ gute Flughäfen gebaut, Lebensmittel verarbeitet und Schulkinder unterrichtet.

Angesichts von demografischem Wandel und so genanntem Fachkräftemangel hat bereits die schwarz-gelbe Bundesregierung eingesehen, dass zumindest Teile der bisher geübten Praxis dysfunktional für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland sein könnten. Wären nicht Ärzte und Pflegekräfte bspw. aus Osteuropa genauso gut in der Lage, die Gesundheitsversorgung in strukturschwachen Regionen zu gewährleisten? Vor dem Hintergrund derartiger Überlegungen brachte der Bundestag in parteiübergreifendem Konsens deshalb 2012 das Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) auf den Weg, in dem erstmals ein Recht auf Prüfung der Gleichwertigkeit von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen verankert ist. Unabhängig von ihrem Herkunftsland können sich Anerkennungsinteressierte seitdem an eine für ihren »Referenzberuf« zuständige Stelle wenden und einen Antrag auf Gleichwertigkeitsfeststellung stellen. Gewerkschaften und Betriebsräte kritisieren zwar, dass die Kosten und auch der zeitliche Aufwand für solch ein Verfahren nach wie vor sehr hoch sind – insbesondere für Menschen, die auch mit einem (halb-)amtlichen Bescheid in der Hand keine exorbitanten Bildungsrenditen zu erwarten haben – aber immerhin: Ein Anfang ist gemacht.

Mit Mitteln des Bundesbildungsministeriums kümmert sich das DGB Bildungswerk Bund bereits seit 2014 darum, die mit der Anerkennungsgesetzgebung verbundenen Möglichkeiten bei betrieblichen Interessenvertretungen wie beispielsweise Betriebsräten oder Gleichstellungsbeauftragten besser bekannt zu machen. Zu diesem Zweck veranstaltet das Projekt »Anerkannt« des Bereichs »Migration und Gleichberechtigung« Workshops und Fachtagungen sowie einen eigenen Ausbildungsgang zur »Betrieblichen Fachkraft Anerkennung«. Im Rahmen einwöchiger Ausbildungsgänge informieren sich Angehörige von Betriebsräten, Vertrauenskörpern und anderen Interessenvertretungen über Hintergründe der Anerkennungsthematik und lernen vor allem viel über Handlungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene – von der Herstellung innerbetrieblicher ­Öffentlichkeit bis zur konkreten Un­terstützung anerkennungsinteressierter Kolleginnen und Kollegen. Ideal wäre es, wenn durch Bewusstseinsbildung wie auch durch praktische Begleitung von Anerkennungsinteressierten ein Beitrag zur allgemeinen Verbesserung der Anerkennungskultur in der Arbeitswelt geleistet werden könnte. Denn diese ist nicht nur nach Auffassung von ENAR noch deutlich ausbaufähig.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Weitere Informationen:

Das Projektteam »Anerkannt« ist beim DGB Bildungswerk Bund im Bereich Migration und Gleichberechtigung angesiedelt. Die Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter können für Veranstaltungen im Rahmen der IKW angefragt werden.

Infos zu Workshops und Fachtagungen sowie dem Ausbildungsgang zur "Betrieblichen Fachkraft Anerkennung" erhalten Sie unter www.migration-online.de/anerkannt

Kontakt: migration@dgb-bildungswerk.de