»Gundelfingen steckt voller Talente, die eingebracht werden wollen«

 
Geflüchtete im Zentrum beim Fest der Kulturen auf dem Rathausplatz in Gundelfingen © Deutscher Caritasverband e.V.

Wie eine Gemeinde sich engagiert, damit Flüchtlinge sich willkommen fühlen können. Mit Roswitha Strauß-Platzer vom Flüchtlingshelferkreis Gundelfingen sprach Antonella Serio vom Deutschen Caritasverband e.V.

Ursprünglich waren sie fünf Frauen und es gab wenige Flüchtlinge in Gundelfingen. Judith Knöbber, Kirstin Bertram, Roswitha Strauß-Platzer, Jean Tracy und Ursula Mohr war es ein Anliegen, mit ihnen in Kontakt zu kommen und, falls nötig, Hilfe an­zubieten. Eine Anfrage der Caritas, einer Flüchtlingsfamilie beizustehen, ließ die Hilfe gleich konkret werden. Doch dann waren sie auf einmal in ganz anderem Ausmaß gefordert. Es kamen immer mehr Flüchtlinge, und die Gemeinde mit 11.600 Einwohnerinnen und Einwohnern nördlich von Freiburg musste klären, wo sie Platz für 240 weitere schaffen könnte. Das war begleitet von kontroversen Diskussionen, Bürgerversammlungen und führte schließlich zur Gründung eines Runden Tisches, aus dem heraus sich spontan eine Gruppe von Mitstreitenden für die Privatinitiative der fünf Frauen fand. So wurde der Flüchtlingshelferkreis Gundelfingen geboren.

Serio: In welcher Weise helfen Sie den Flüchtlingen?

Strauß-Platzer: Wir haben die Arbeit in mehrere Arbeitsgruppen aufgeteilt: Die Gruppe »Willkommen« etwa begrüßt, wie der Name schon sagt, die Neuankömmlinge, stattet sie mit Kleidung aus, vermittelt Kontakte und gibt Orientierungshilfen. Eine Gruppe, die sich »Offene Tür« nennt, steht für spontane Fragen zur Verfügung. Um Sprachbarrieren abzubauen, finden regelmäßig Deutsch- und Alphabetisierungskurse statt. Die Gruppe »Wohnen« kümmert sich darum, dass die Unterkünfte passend ausgestattet sind, die Gruppe »Arbeit« stellt Kontakte zu lokalen Arbeitgebern her und vermittelt Arbeitsplätze. Auch der kulturelle Austausch ist wichtig sowie der Kontakt zur loka-

len Bevölkerung. Dies übernimmt die Arbeitsgruppe »Kultur«. Mittlerweile sind viele persönliche Kontakte zu den Flüchtlingen entstanden, unter anderem auch als enge »Tandems«. Das schafft Vertrauen. Wenn etwas unklar ist, haben sie immer jemanden, den sie direkt ansprechen können.

Wie finden Flüchtlinge den Weg zu Ihnen?

Wir erfahren von der Zuweisung der Flüchtlinge durch die Gemeinde. Unser Begrüßungsteam empfängt – zusammen mit einer Person aus der Verwaltung – Menschen, die neu zugewiesen wurden, und bringt sie zu ihrer Unterkunft. Am nächsten Tag werden sie zu einem Begrüßungskaffee eingeladen, wo sie schon einiges erfahren können: über den Ort, über das Angebot von Sprachkursen oder andere Aktivitäten. Wir unterstützen sie bei ihren ersten Schritten in Gundelfingen, gehen zum Beispiel mit zu Behörden. Unser Ziel ist es, die Flüchtlinge auf eigene Beine zu stellen. Das heißt, wir wollen dazu beitragen, dass diejenigen, die hierbleiben können, langfristig selbstständig und unabhängig hier leben.

Wie viele Gundelfinger engagieren sich denn bei Ihnen im Flüchtlingshelferkreis? Und wer sind sie?

Zurzeit sind wir etwa 40 aktive Mitstreiterinnen und Mitstreiter und viele, viele, die uns unterstützen. Das Schöne ist, dass sich Menschen aller Bevölkerungsschichten, unterschiedlichen Alters und Bildungsgrades, mit unterschiedlichen politischen und religiösen Überzeugungen engagieren. Gundelfingen war schon immer ein Ort mit großem gesellschaftlichem Engagement.

Flüchtlinge als Nachbarn – das ruft auch Ängste hervor. Fühlt sich der Flüchtlingshelferkreis gefordert, vermittelnd einzugreifen?

Natürlich ist es uns wichtig, zu einem guten Klima in Gundelfingen beizutragen und Ängste in der Bevölkerung abzubauen. Der Helferkreis hat sich mittlerweile gut etabliert und erfährt große Zustimmung. Es kommen Spenden, interessierte Anfragen und Angebote zur Mithilfe. Das Fest der Kulturen, das der Flüchtlingshelferkreis im Juli dieses Jahres im Zentrum von Gundelfingen veranstaltet hat, hatte großen Zulauf. Natürlich können wir nicht alle Probleme lösen. Wenn es konkrete Konflikte mit Flüchtlingen in der Nachbarschaft gibt, treten wir als Vermittler auf.

Werden Flüchtlinge auch privat untergebracht?

Mittlerweile gibt es auch Privatpersonen, die Wohnraum an Flüchtlinge vermieten. Mit dieser Form der Unterbringung haben alle Beteiligten bisher sehr positive Erfahrungen gemacht.

Flucht und Asyl sind in den Medien momentan enorm präsent. Viele Menschen möchten sich für Flüchtlinge engagieren. Wie kann dieses Engagement langfristig aufrechterhalten werden?

Auch in Gundelfingen, das voller Talente steckt, die eingebracht werden wollen und können, möchten sich viele engagieren. Sie werden alle gebraucht, denn die Arbeit muss auf viele Schultern verteilt werden. Sie müssen aber voneinander wissen, und die Arbeit muss koordiniert werden, wenn sie effektiv sein soll. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind sehr gut darin, Kontakte zwischen Flüchtlingen und einheimischer Bevölkerung herzustellen und den Flüchtlingen als Mensch zu begegnen. Sie sind jedoch keine Sozialarbeiter. Freiwilliges Engagement braucht professionelle Entlastung, damit es sich nicht erschöpft.

Sie selbst sind mit Begeisterung aktiv. Unter anderem unterrichten Sie als Lehrerin ehrenamtlich Flüchtlinge in Deutsch. Was ist Ihre Motivation?

Mich reizt das »Anpacken«: Es geht darum, Brücken zu bauen zwischen Menschen verschiedener Kulturen, konkrete Hilfe anzubieten und den direkten Kontakt zwischen Gundelfinger Bürgerinnen und Bürgern, der Verwaltung und den Flüchtlingen herzustellen. Die Flüchtlinge sind froh über Menschen, die auf sie zugehen und ihnen im Alltag begegnen. Die Bürger in Gundelfingen sind froh, wenn das Miteinander mit den neuen Bewohnern gelingt. Ich glaube, dass ich meine sozialen Kom­petenzen hier gut einbringen kann. Das tut auch persönlich gut!

 
Materialheft:
Gliederung 2016
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Weitere Informationen:

Aus: MIGrations-MAGazin 2/2015, Katholische Arbeitsgemeinschaft Migration (Hrsg.)

Antonella Serio, Referentin im Referat Migration und Integration des Deutschen Caritasverbandes e.V. und Mitglied im ÖVA.

 

Kontakt:

Flüchtlingshelferkreis Gundelfingen: fhk@buergertreff-gundelfingen.de