Rassismus im deutschen Bildungssystem – menschenrechtliche Betrachtungen

 

Am Ende ist es eine Glaubensfrage. Glauben wir an die Menschenrechte? Sind sie uns Leitmotiv zur Gestaltung einer pluralen Gesellschaft oder nur ein Stück Papier, das zwischen Bürokrat*innen auf internationalem Parkett hin und her geschoben wird? Um es vorweg zu nehmen: ich glaube.

Menschenrechte bieten nüchtern-inspirierende Orientierung – ohne Anschuldigung; trotz klarer Aussagen, Rahmenbedingungen und Handlungsaufträgen. Wagen wir es für einen Moment zu glauben; einen Blick auf den Rahmen zu werfen, den wir uns selbst gegeben haben und mit erstaunlicher Leichtigkeit für allerlei Geschehnisse außerhalb Deutschlands zitieren: die von uns ratifizierte Kinderrechtskonvention legt in Artikel 29(1) Absatz a die volle Entfaltung der Persönlichkeit als Zielvorgabe für Bildung fest: „die Vertragsstaaten stimmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen“[1].

In Deutschland ist die Schule die einzige Institution, die wir alle durchlaufen müssen. Mit gutem Grund: Bildung ist ein Menschenrecht. Es muss allen Menschen frei von Diskriminierung gewährt werden. Die Kinderrechtskonvention erinnert uns: Jede*r zählt.

In Schulen entsteht ein altes Spiegelbild oder ein neuer Spiegel der Gesellschaft. Die Lehrpläne zeigen, wie wir uns selbst sehen und was wichtig ist, um in diesem Land zu leben. Die Klassenzimmer zeigen, wem welcher Platz vorbestimmt ist. Wer geht auf welche Schule? Wer sitzt in welchem Klassenzimmer?

Ein Blick auf unsere Schulen lässt fragen, ob wir glauben, dass die Fähigkeiten von Kindern so verteilt sind, dass wir akzeptieren können, dass Jugendliche mit sogenanntem Migrationshintergrund auf Schulen überrepräsentiert sind, die deutlich schlechtere Lebenschancen versprechen?

Wer ist schuld an diesem nicht-zufälligen Zustand? Allzu häufig drängt sich die Interpretation auf: „natürlich haben Kinder das Recht auf exzellente Bildung, aber bei so einer schlechten Vorbildung, solch einer Erziehung kann man einfach nichts machen“. Ich habe selbst zwei Jahre an einer Schule unterrichtet und weiß, wie es sich anfühlt, alles zu geben und kenne das Gefühl, das aufsteigt, wenn trotzdem nichts zu klappen scheint. Kein Arbeitsblatt. Keine Methode. Keine Ansprache. Was tun in solch einer Situation? Gebt mir andere Schüler*innen, damit ich meinen Unterricht durchführen kann. Wie soll ich so unterrichten? Die gemeinschaftliche, menschenrechtliche Verantwortung wird an die Eltern, Kinder und Kindeskinder ausgelagert. Die Schule kann es nicht richten; die Kinder sind wahrscheinlich anders begabt – anders im Sinne von: „die sind halt’ nicht für’s Gymnasium gemacht“.

Wagen wir für einen Moment eine andere Betrachtung. Einen Blick, der nicht die Kinder und ihre Familien ins Zentrum rückt, sondern auf all jene Mechanismen fokussiert, die in ihrer Summe dazu beitragen, dass Schüler*innen of Color und Schwarze Schüler*innen (jene, die unter dem Label „Migrationshintergrund“ subsummiert werden, obwohl alle wissen, dass damit meistens nicht weiße Schüler*innen gemeint sind) ihr Potential nicht voll entfalten können[2].

Es geht nicht um individuelle Schuld. Rassistische Diskriminierung bezieht sich explizit auf den Effekt, die Summe von Ideologien, Strukturen und Handlungen (Essed 1991:52 und 2002:204)[3] im und des Schulsystems, die keiner rassistischen Intention unterliegen. Die UN-Anti-Rassismus-Konvention erinnert uns: der Schutz vor rassistischer Diskriminierung ist ein Menschenrecht, das nicht individuelle Schuld zentriert, sondern kollektiv-individuelle Verantwortung für den Effekt hervorhebt[4].

Schüler*innen sind für ihre individuellen Handlungen verantwortlich, aber tragen sie auch die Verantwortung für das Versagen des Bildungssystems? Sind sie für Segregationsmechanismen zwischen den Schulen verantwortlich[5]? Sind sie dafür verantwortlich, dass sie in den von ihnen besuchten Schultypen langsamer lernen? Können sie etwas an der Segregation der Stadtviertel ändern[6]? Können sie sich adäquat gegen Stereotype wehren, mit denen sie täglich in den Medien, Lehrplänen und durch das Lehrpersonal konfrontiert und dadurch von Erfolgen abgehalten werden[7]? Ich denke nein. Auch wenn mich meine Schüler*innen manchmal verrückt gemacht haben, all diese Mechanismen tragen zu rassistischer Diskriminierung, zu geringeren Lebenschancen für rassifizierte Gruppen bei – ob ich es will oder nicht. Ich komme nicht aus meiner Haut.

Was tun? Wir sollen allen Kindern ihre volle Entfaltung ermöglichen, dabei niemanden diskriminieren (Kinderrechtskonvention) und machen uns kollektiv für alle Effekte und Mechanismen verantwortlich, die dazu beitragen, dass Schüler*innen of Color und Schwarze Schüler*innen ihr Potential nicht voll entfalten können (UN-Anti-Rassismus-Konvention). Das ist ziemlich viel. Es stellt sich mir die Gretchen-Frage: wie ham’ wir’s mit den Menschenrechten? Ich habe eine Entscheidung getroffen: ich glaube.

Im Alltag, der für viele keine Revolution erlaubt, bieten sich meiner Erfahrung nach folgende Ansatzpunkte für Veränderung an – als Stückwerktechnik. Schritt für Schritt. Tag für Tag[8]:

  • Glaubensfrage: Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ich wirklich glaube, dass 1.) jedes Kind ein Recht auf diskriminierungsfreie Bildung hat, 2.) die Fähigkeit hat sich Bildung anzueignen und 3.) dass der Weg zu Schulen und einem Schulsystem denk- und machbar ist, in dem beides umgesetzt wird – glaube ich an meine Schüler*innen?
  • Re-justierung: Der Alltag zermürbt. Es lohnt sich innezuhalten, den Kopf zu heben und sich zu re-justieren. Wohin laufe ich, wohin laufen wir? Die Menschenrechte bieten eine angemessene Orientierung zum Neu-Denken des Schulalltags.
  • Veränderung beginnt im Kleinen: Man muss kein*e Schulleiter*in sein, um Veränderung anzustoßen und mitzugestalten; oft reicht ein*e Verbündete*r für den ersten Schritt – z.B. bei der Korrektur von Klausuren die Namen zu verdecken–, der bei einem Kaffee reflektiert werden kann.
  • Anerkennen und Aushalten: Es ist nicht einfach zu akzeptieren, dass ich Teil einer Menschenrechtsverletzung bin und teilweise gezwungen werde dazu beizutragen; das sollte ich anerkennen und aushalten, verleiht meinem Handeln aber auch Bedeutung.
  • Strukturen schaffen: Wenn es zu rassistischen oder anderen diskriminierenden Vorfällen kommt, muss es Strukturen geben, an die man sich wenden kann. Deshalb sollten flächendeckende, unabhängige, rassismuskritische Antidiskriminierungs- und Beratungsstellen für Schulen aufgebaut werden, die u.a. Trainings anbieten und Diskriminierungen unabhängig nachgehen können[9].
  • Ausbildung anpassen: Wir sind alle Menschen. Was wir nicht gelernt haben, setzten wir oft nicht um. Deshalb müssen Lehrer*innen von Anfang an und berufsbegleitend menschenrechtlich geschult werden und lernen sich selbst zu hinterfragen, damit jede*r Schüler*in von antirassistisch und interkulturell ausgebildeten Lehrer*innen individuell gesehen und gewertschätzt wird.
  • Großgedacht: Wenn wir es ernst meinen, müssen wir die städtische und Schultyp-bezogene Segregation überwinden und nicht für Kinder im Alter von 10 Jahren entscheiden, auf welche weiterführende Schule sie gehen werden. Gentrifizierung, Mietpreisbremsen und Schulstrukturen müssen für den inneren Zusammenhalt einer gesunden Gesellschaft überdacht werden.

[1] http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsinstrumente/vereinte-nationen/menschenrechtsabkommen/kinderrechtskonvention-crc/ (Zugriff am 16.2.2016)

[3] Essed, P. 1991. Understanding Everyday Racism: An Interdisciplinary Theory, Vol. 2. Newbury Park: Sage Publications, Inc.

Essed, P. 2002. "Everyday Racism." Seite. 202-16 in Goldberg/Solomos/Malden (Hrsg.). Blackwell Publishing Ltd.

[5] Baumert, J., P. Stanat and R. Watermann. 2006. „Schulstruktur und die Entstehung differenzieller Lern- und Entwicklungsmilieus.“ In: Baumert/Stanat/Watermann (Hrsg.), Herkunfts- bedingte Disparitäten im Bildungswesen: Vertiefende Analysen im Rahmen von PISA 2000:95 – 188. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

[6] Terpoorten, Tobias. 2014. „Räumliche Konfiguration der Bildungschancen: Segregation und Bildungsdisparitäten am Übergang in die weiterführenden Schulen im Agglomerationsraum Ruhrgebiet.“ Vol. Band 3: ZEFIR.

[9] http://www.benedisk.de/ (Zugriff am 6.3.2016)

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Autor:
Daniel Gyamerah
Weitere Informationen:

Daniel Gyamerah ist Projektleiter bei Citizens For Europe ("Vielfalt entscheidet - Diversity in Leadership") und Vorsitzender des Empowermentprojekts Each One Teach One (EOTO) e.V. Als leidenschaftlicher Verfechter des Menschenrechts auf Bildung verfasste er eine Hintergrundexpertise über Rassismus im deutschen Bildungssystem für den Parallelbericht zur UN-Anti-Rassismus-Konvention. Neben Fragen zu inklusiver Führung und strukturellen Machtzugängen für unterrepräsentierte Gruppen arbeitet er vor allem zu den Themen Empowerment, Gleichstellungsdaten und rassistische Diskriminierung im Schulsystem.

Der Autor kann für Veranstaltungen im Rahmen der IKW angefragt werden.
Kontakt: daniel.gyamerah@eoto-archiv.de

Einen Filmbeitrag von Daniel Gyamerah zum Thema können Sie bei YouTube unter dem Titel: Bin ich schuldig? Alltagsrassismus in Deutschland
unter folgendem Link ansehen: www.youtube.com/watch?v=zD5DSAMA0SA ©

Im Materialheft zur IKW 2016 ist der Artikel in leicht gekürzter Fassung dokumentiert.