Einleitungsartikel: Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt.

 
- Themen und Perspektiven der Vielfaltsgesellschaft
Das Motiv "Gesicht: Vielfalt" - Plakat und Postkarte für die IKW 2016

Das ist ein starkes Motto für das Jahr 2016. Es zeigt: Die Zivilgesellschaft ist stark und selbstbewusst – die Vielfalt wird sich durchsetzen gegen die Einfalt.

Es ist ein Motto, das bewusst die Millionen Menschen stärkt, die sich für ein Zusammenleben in Vielfalt auf der Basis von Grund- und Menschenrechten einsetzen.

Das Motto ist eine Abgrenzung gegenüber denjenigen, die einfache Lösungen propagieren. In einer komplexen und vielschichtigen Welt gibt es keine einfachen Lösungen – nicht bei der Frage des Umgangs mit Krieg und Vertreibung, Terrorismus, Kriminalität oder deren Folgen. Die Zivilgesellschaft in Deutschland hat sich der Herausforderung gestellt hinzusehen: wahrzunehmen, welche Auswirkungen Krieg und Vertreibung auf das Leben von Menschen haben; nachzuvollziehen, warum Menschen das Risiko der Flucht auf sich nehmen; verstehen zu lernen, dass das eigene Leben sich im Zuge der Globalisierung verändern wird. Die Vielfaltsgesellschaft ist an den Herausforderungen gewachsen und aktiv geworden. Es gibt ein gutes Zusammenleben der Mehrheit, die gemeinsam für die Aufnahme und Integration der Neuankommenden eintritt. Natürlich lösen die jüngsten Veränderungen auch Verunsicherungen aus. Das ist aber nicht zu verwechseln mit der Verbitterung über die eigene Lebenssituation, die destruktiv und rückwärtsgewandt ist und Menschen zu einer aggressiven und wütenden Abwehrhaltung gegenüber anderen bringt.

Die Grundlage und Richtschnur unserer Gesellschaft sind die unveräußer­lichen Menschen- und Grundrechte, die über Jahrhunderte erkämpft wurden und immer wieder aufs Neue verteidigt werden müssen. Wenn Verbrechen geschehen, müssen sie geahndet werden. Es gibt keinen Rabatt bei zivilisatorischen Mindeststandards. Aber es hilft auch niemandem, immer wieder aufs Neue Debatten loszutreten, die selbst zu einer Gefährdung der Grundrechte führen. Diese können nicht mit Aktionismus verteidigt werden, der bei jedem Verbrechen nach schärferen und ausgrenzenden Gesetzen ruft.

Die Menschenrechte sind unveräußerlich, wir lassen uns das Recht, in Freiheit und in Menschenwürde zu leben, nicht nehmen. Das bedeutet konkret, so furchtbar es klingen mag: Es gibt keinen absoluten Schutz. Es besteht die Gefahr, dass sich beispielsweise Terroristen unter hier ankommende oder bereits länger lebende Menschen mischen und unter diesem Deckmantel Terrorakte begehen. Begibt man sich aber in die Logik der Täter, erreichen sie ihr Ziel, Flucht und Flüchtlinge zu diskreditieren und die Spaltung der Gesellschaften voranzutreiben.

Die ganze Welt und damit auch Europa und Deutschland stehen 2016 vor großen Herausforderungen. Gelingt es, Krieg und Vertreibung einzudämmen? Kann der Krieg in Syrien durch Verhandlungen begrenzt werden? Es ist ­aller Mühe wert, der Logik der Waffen die Logik der Vernunft entgegenzusetzen. Das Europa der Menschenrechte kann jedoch nicht nur Reden zum Jubiläumstag der Menschenrechte halten und dann, wenn es auf ihre Umsetzung  ankommt, sie zur Disposition stellen. Die Zurückweisung von Flüchtlingen an Europas oder Deutschlands Grenzen ist kein Beitrag zum Schutz der Menschenrechte. Europa insgesamt steht in einer großen Verantwortung und es muss zeigen: Ist es eine Wertegemeinschaft oder geht es allein um eine Wirtschaftsunion? Auch letztere wird in einer globalisierten Welt nur gelingen, wenn Europa als Wertegemeinschaft funktioniert und als Raum der Freiheit und des Rechts erhalten bleibt. Der Rückfall in nationalistische Kleinstaaterei wird die europäische Idee zerstören und zu enormen Verwerfungen auch ökonomischer Art führen.

Deutschland kommt eine wichtige Rolle in der Europäischen Union zu, sowohl aufgrund seiner Wirtschaftskraft als auch der Bevölkerungszahl.

Deutschland war das Land, das eine führende Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen im Jahre 2015 eingenommen hat. Diese breite Bewegung der ­Solidarität war in dieser Dimension überraschend und hält unvermindert an, obwohl sich der politische Wind in Deutschland gedreht hat und die mediale Aufmerksamkeit wieder fast ausschließlich auf Probleme statt auf die vielen Erfolgsgeschichten fokussiert. Die Aussage der Kanzlerin »Wir schaffen das« wurde immer wieder in Frage gestellt, ohne wirkliche Alternativen auf­zuzeigen.

Es ist jedoch erfreulich, dass Unter­nehmen, Arbeitgeber, Gewerkschaften und viele andere die Notwendigkeit der Gestaltung von Integration erkennen. Dabei ist der Rechtsstatus der Flüchtlinge von entscheidender Bedeutung. Schnelle und faire Asylverfahren sind unverändert das Gebot der Stunde. Ein Aufenthaltsstatus ist der Schlüssel zur Integration. Je früher Integrationsangebote und -maßnahmen beginnen, desto besser. Die deutsche Sprache wird am besten im alltäglichen Umfeld von Schule, Kindergarten, Arbeitsplatz oder Nachbarschaft gelernt.

Der beste Schutz vor Angriffen besteht in der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen. Integration gelingt da, wo Flüchtlinge direkten Kontakt zu Nachbarinnen und Nachbarn haben. Der beste Schutz vor Sozialneid ist die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und die konsequente Umsetzung des Mindestlohns für alle – unabhängig von der Herkunft.

Das friedliche Zusammenleben ist keine Selbstverständlichkeit. Die jahrelang unentdeckten Verbrechen des NSU haben uns in einen Abgrund blicken lassen. In den letzten Jahren haben sich nicht nur die sichtbaren Rechtspopulisten in AfD, Pegida und ähn­lichen Zusammenschlüssen multipliziert. Auch rechtsradikale Strukturen in Deutschland und europaweit haben sich in ­ge­fährlicher Weise und jenseits der ­öffent­lichen Wahrnehmung vernetzt. Es darf und muss nachgefragt werden, ob staatliche Institutionen sensibilisiert und gerüstet sind, auf diese Bedrohungen angemessen zu reagieren. Die hohe Zahl rassistischer Brandanschläge und anderer Gewalttaten wird immer noch nicht angemessen bewertet. Die Aufklärungsquote ist extrem gering. Dies wird zu Recht als Welle des Terrors, auf die der Staat nicht adäquat reagiert, wahrgenommen.

Die Feindseligkeit gegenüber einer pluralen Gesellschaft haben sich diejenigen auf die Fahnen geschrieben, die lärmend und zunehmend bedrohlich das Klima vergiften und den sozialen Frieden gefährden. Hand an eine Flüchtlingsunterkunft zu legen ist das Resultat aus einer Stimmung, die jeden »Anderen« als Bedrohung für das »Eigene« definiert. Ruhe und Besonnenheit muss an die Stelle der hektischen und kopf­losen Debatten treten, die populistische Zuspitzungen argumentativ aufgreifen, statt sie als das zu enttarnen, was sie sind: Ein Angriff auf das friedliche Zusammenleben in Deutschland und Eu­ro­pa.

Das Engagement für ein respektvolles Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen verdient nach wie vor besondere Aufmerksamkeit. Wenn Muslime zu Fremden stilisiert werden, wenn ihr Glaube mit Terrorismus gleichgesetzt wird, dann werden sie bewusst ausgegrenzt und erniedrigt. Gerade für Kinder und Jugendliche kann dies, wenn es mit der Ausgrenzung aus dem Bildungssystem einhergeht und sie von gesellschaftlicher Teilhabe ausschlossen sind, auf perfide Weise zu ­einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Respekt und Anerkennung müssen die Grundlage jeder Bildungsbereitschaft sein.

Respekt und Anerkennung bilden die Grundlage für den Dialog der Religionen, der dort besonders sensibel gestaltet werden muss, wo Konflikte, die in Herkunftsländern unter dem Mantel der Religionen ausgetragen werden, durch Flucht und Migration räumlich an anderen Orten aufeinandertreffen. Religiöse Bildung sowie die Offenheit und Bereitschaft zum Dialog fördern das Aufeinander-Zugehen von Menschen.

Das seit über 40 Jahren wirkende Erfolgsrezept der Interkulturelle Woche gilt auch heute noch unverändert: Begegnung schafft Vertrauen und einander vertraut zu sein, ist eine gute Grund­lage für ein akzeptierendes Zusammenleben und ein Miteinander auf gleicher Augenhöhe. Wir rufen dazu auf und ermutigen alle, die Herausforderung anzunehmen, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Teilhabe als Grundlage für eine friedliche, von Respekt getragene Gesellschaft zu sichern, die ihr Fundament in den Grund- und Menschenrechten hat.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
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Dieser Artikel wird vom Ökumenischen Vorbereitungsausschuss (ÖVA) zur Interkulturellen Woche verantwortet.

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