Was uns Mut macht: Deutschland in zehn Jahren – Chancen und Herausforderungen

 
Dokumentation des World Café bei der IKW-Vorbereitungstagung 2016

Im Rahmen der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche 2016 am 19. und 20. Februar in Magdeburg fand unter der Überschrift: »Was uns Mut macht: Deutschland in zehn Jahren – Chancen und Herausforde­rungen« ein »World Café« statt. Wir dokumentieren eine Auswahl der dort diskutierten Themen und bedanken uns bei allen Beteiligten für die Impulse und die engagierten Diskussionen.


Rassismus

Wir beobachten in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern einen drastischen Anstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen. Rassistische Äußerungen von Politiker*innen, bei Kundgebungen und in den Medien nehmen zu. Das ist erschreckend. Rassismus in Form von Äußerungen, Ausgrenzungen und Übergriffen richtet sich vor allem gegen geflüchtete Menschen, seit den Ereignissen der Silvesternacht in Köln nun vor allem unverblümt gegen Männer aus Nordafrika und der arabischen Welt. Die Zurückweisung und Verurteilung sexualisierter Übergriffe steht außer Frage. Derzeit beobachten wir aber eine Instrumentalisierung dieser Übergriffe für rassistische Zwecke und Argumentationsweisen. Hier muss man sensibel differenzieren und achtsam sein.

Im Vergleich zu den rassistischen Stimmungen in den 90er Jahren gibt es heute bei politischen und gesellschaftlichen Akteur*innen ein differenzierteres Wissen über Rassismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, auch über die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen, darin liegt eine Chance. Gleichzeitig sind die derzeit virulenten rassistischen Stimmungen erschreckend und bedeuten eine große Herausforderung für eine offene und inklusive Einwanderungsgesellschaft.


Antimuslimischer Rassismus

Unabhängig von ihrer tatsächlichen Religionszugehörigkeit werden Menschen seit Jahren entlang ethnischer Kriterien als »Muslime« markiert. Gleichzeitig sind Muslime, die sich z.B. durch das Tragen religiöser Kleidung als solche zu erkennen geben, Anfeindungen und offener Diskriminierung ausgesetzt. Die fehlende Anerkennung von Muslimen als fester Bestandteil der Gesellschaft manifestiert sich institutionell in der mangelnden Einbindung muslimischer Interessensorganisationen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen.

Ironischerweise bietet nun die vermehrte Zuwanderung von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern die Chance, bisher ausgebliebene Anerkennung zu erfahren. Zunehmend geraten muslimische Organisationen als kompetente Ansprechpartner*innen für Staat und Politik in den Fokus, wenn es um die Ansprache neu zugezogener Muslime geht.


Flüchtlingsrecht

Rund 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht und suchen Schutz, ein Teil davon auch in Deutschland und Europa. Viele Bürgerinnen und Bürger zeigen eine überwältigende Hilfsbereitschaft. Deutschlandweit werden Runde Tische gegründet, um die Aufnahme von Flüchtlingen gemeinsam zu organisieren.

Die Schattenseite: Im Eilverfahren werden mit dem Asylpaket I und II Gesetze auf den Weg gebracht, die mit einer Politik von Härte und Unverhältnismäßigkeit auf Menschen reagiert, die bei uns Schutz suchen. Die neuen beschleunigten Verfahren gefährden massiv die Menschenrechte von Flüchtlingen. Politikerinnen und Politiker bedienen oft einen gefährlichen Populismus, und stehen in der Gefahr, zu »geistigen Brandstifterinnen und Brandstiftern« zu werden. Es ist auch deutsche Realität, dass fast täglich in Deutschland Unterkünfte angezündet werden. Auch gibt es vermehrt Angriffe auf Flüchtlinge und deren Unterstützer und Unterstützerinnen.


Integrationskonzepte für Flüchtlinge in Kommunen

Die Chance, die in den aktuellen Diskussionen und Überlegungen und in der ­Notwendigkeit, bestehende Integrationsstrukturen zu verändern und neue entstehen zu lassen liegt, besteht darin, dass es zu einer Überwindung von partikularen Integrationskonzepten für Migranten*innen oder Flüchtlinge kommen könnte.

In zehn Jahren könnten wir uns einem Modell angenähert haben, in dem nicht Integrationskonzepte, sondern Konzepte für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte für alle in einer Kommune lebenden Menschen im Mittelpunkt stehen. Das würde zu einer ­offenen und gleichberechtigten Stadtgesellschaft beitragen.

Die Herausforderung besteht darin, die Antworten auf partikulare Bedürfnisse und die Rechte von Asylsuchenden in die Regelstrukturen zu integrieren. Für die Verwaltung bedeutet das eine Neuorientierung der Einrichtungen, Angebote, Dienstleistungen, der Wohnungsplanung, Beratungsstrukturen, nicht zuletzt des Personals. Die Herausforderung für die Zivilgesellschaft wird sein, mit Pluralität und Offenheit solidarisch umgehen zu lernen.


Kirchengemeinden

Kirchengemeinden sind mit ihren Räumlichkeiten, Strukturen und vor allem mit den vielen freiwilligen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern eine zentrale Größe bei der Aufnahme und Begleitung von Flüchtlingen und werden das auch weiterhin bleiben. Dabei zeigt sich, dass sehr viele der ehrenamtlich Engagierten eher aus dem weiteren Umfeld der Kirchengemeinden kommen als aus dem Kernbereich der sonntäglichen Gottesdienstbesucher. Im Engagement für Flüchtlinge wird gelernt, was kirchliches Leben heute sein kann und dass karitatives und diakonales Handeln nicht (nur) eine Aufgabe der Spezialisten in Caritasverband oder Diakonischem Werk, sondern selbstverständlicher Bestandteil des Handelns aller Gemeindemitglieder ist. Flüchtlinge sind so auch ein Geschenk an die Christen und ihre Kirchengemeinden, Neues über ihren Glauben zu lernen und zu verwirklichen.

Gleichzeitig ist auch ein Riss in den Gemeinden nicht zu leugnen; Menschen mit Ängsten vor zu viel Neuem und vor zu schneller Veränderung sind auch anzutreffen. Ihnen ist mit Respekt zu begegnen, ohne aber die nötige Klarheit vermissen zu lassen, was Nächstenliebe und Solidarität für eine christliche Gemeinde heute bedeuten.

Eine besondere Kompetenz, die über kirchliche Strukturen eingebracht werden kann und wird, ist die professionelle Begleitung der Ehrenamtlichen, nicht zuletzt zu ihrem eigenen Schutz vor Selbstüberforderung und Frustration.


Schutz und Bildung für Jugend in Vielfalt

Bildung ist der Treibstoff moderner Gesellschaften. Sie ermöglicht jungen Menschen Qualifikation, Selbstverwirklichung und Partizipation. Gleichzeitig ermöglicht Bildung den Blick für Vielfalt und befähigt junge Menschen dazu, Widersprüche moderner Gesellschaften zu erkennen und Ungleichbehandlungen kritisch zu hinter­fragen. Bildung schafft Raum für Dialog und bietet die Chance, Interessenskonflikte auf konstruktive Art zu lösen.

Bildung benötigt einen geschützten Raum. Die größte Herausforderung im Zusammenhang mit Bildung liegt in der Modernisierung der Bildungsinstitutionen und -strukturen unter dem Stichwort der Inklusion. Im Zusammenhang mit verstärkter Zuwanderung bedarf Bildung eines geschützten Raumes. Dieser geschützte Raum muss die Teilhabe junger Menschen an Bildung durch Inklusion ermöglichen. Gleichzeitig eröffnet Inklusion die Perspektive, Bildungsstrukturen interkulturell auszurichten und damit die Chancengleichheit für alle Beteiligten zu erhöhen.

Die Diskussion am Tisch drehte sich um die Fragen: Wie kann man junge Menschen an diesen Prozessen beteiligen? Was benötigen wir für eine nachhaltige Veränderung inklusiver Bildungseinrichtungen? Welche Herausforderungen stellen sich aus Sicht der nachhaltigen Personal- und Organisationsentwicklung?


Fehler von Integration im letzten Jahrhundert und was wir daraus lernen können

»Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen.« Max Frisch

Immigration war und ist kein modernes Phänomen. Spätestens Anfang des 19. Jahrhunderts war die Auswanderung aus Europa, insbesondere nach Amerika, Kanada oder nach Australien ein gesellschaftspolitisches Thema, das das Schicksal vieler Menschen direkt beeinflusst hat. Auch die Binnenmigration in Europa war gang und gäbe. Wegen des Fachkräftemangels wurden ab 1955 mit diversen Ländern Anwerbeabkommen unterzeichnet, unter anderem mit Italien, Griechenland, Spanien, Türkei, Portugal, Marokko, Tunesien oder Jugoslawien. Die Anwerbung von Arbeitskräften war geleitet von der Idee, Menschen für einige Jahre für den wirtschaftlichen Aufschwung ins Land zu holen.

Zuwanderung wurde als ein zeitlich begrenztes Phänomen betrachtet. Begriffe wie »Rotationsprinzip« standen hoch im Kurs. In den Anwerbevereinbarungen war alles detailliert geregelt: Anwerbung, berufliche Bildung, ärztliche Untersuchung, Aushändigung des Arbeitsvertrages und Verschickung nach Deutschland, wo der Arbeitgeber in der Regel für Unterbringung in Firmenwohnheimen sorgte. Gesellschaftliche Integration war nicht vorgesehen. Die Folgen dieser damaligen Politik sind heute noch bei der »Gastarbeiter-Generation« zu spüren.

Ein Paradigmenwechsel fand erst mit dem Bericht der Süßmuth-Kommission im Jahr 2000 statt. Danach wurde das Staatsangehörigkeitsrecht reformiert. Seit 2005 erst wurde der Anspruch auf Integrationskurse/Sprachkurse mit dem neuen Zuwanderungs-recht verankert.

Zuwanderung/Migration ist kein »zeitlich begrenztes Phänomen«, sondern eine Konstante in der Geschichte und bedarf einer langfristigen und strategischen Politik, die das Ziel hat, eine umfassende Integration der Menschen, die hier leben, zu ermöglichen. Zur Strategie gehören, wie in jedem Feld der Politik, Konzepte, Visionen und konkrete Maßnahmen. Natürlich auch Strukturen und finanzielle Ressourcen. Das in die Integration investierte Geld ist gut angelegtes Geld und trägt zu einer positiven Entwicklung der Gesellschaft bei.


Interreligiöse Dialoge


Interreligiöse und interkulturelle Dialoge sind das Gebot der Stunde. In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft eröffnen sie den Blick für andere, helfen Gemeinsamkeiten zu entdecken und Unterschiede zu würdigen. Die große Chance der interreligiösen Dialoge liegt darin, den Blick und das Zeugnis des religiös Andersdenkenden wahrzunehmen, mit- und nicht übereinander zu sprechen und einen Blickwechsel zu lernen: Weißt du, wer ich bin? So bietet der Dialog die Chance, nicht nur über den ­Anderen, sondern auch über sich selbst etwas Neues zu erfahren.

Interreligiöse Dialoge finden nicht im luftleeren Raum statt, sie müssen in den jeweiligen Kontexten verortet werden. Eine große Aufgabe besteht darin, interreligiöse Begegnungen über den »akademischen Bereich« hinaus als »Dialog des Lebens und des Handelns« zu gestalten.

Interreligiöse Dialoge benötigen neben gutem Willen auch Kompetenzen in Haltung, Wissen und Handlung. Andere Herausforderungen sind praktischer Art: Wo und wie beginnen? Mit wem? Wie den Weg eines Dialogs gestalten? Wie mit Ein- und Widerspruch umgehen?