Ängste und Vorbehalte in der Nachbarschaft von Unterkünften

 
Ehrenamtlich Tätige und Geflüchtete beim Sommerfest 2015, © Robert Klebes

Der Verweis auf die seinerzeit in Ägypten Zuflucht suchende Kleinfamilie zeigt wenig Wirkung, wenn im christlich-abendländisch geprägten Deutschland für Standorte von Flüchtlingsunterkünften geworben wird. Die Betroffenheit über Nachrichten von Bootsflüchtlingen, die uns die Medien täglich liefern, ist vielfach verflogen, wenn genau für diese Menschen bei uns in unserer Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft geplant werden soll.

Wo immer geflüchtete Menschen untergebracht werden sollen, regt sich – neben vielenorts großer Unterstützung durch Helferkreise – Widerstand. Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ist ein großer Flächenlandkreis im Südwesten der Republik mit ca. 250.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Bis ins Jahr 2009 gab es lediglich eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge im Landkreis. Mit steigenden Flüchtlingszahlen war das Landratsamt als verantwortliche Behörde gefordert, weitere Objekte zu finden bzw. Gemeinden und deren Bevölkerung für die Errichtung einer solchen Unterkunft zu gewinnen.

Bei verschiedenen sehr gut besuchten Bürgerversammlungen waren wir als in der Flüchtlingsarbeit erfahrener Wohlfahrtsverband angefragt, die Behörden bei der Lobbyarbeit für die Errichtung von Flüchtlingsunterkünften zu unterstützen. Der Verlauf der Diskussionsphase anlässlich der Errichtung einer Gemeinschaftsunterkunft lässt sich am Beispiel der Stadt Breisach am Rhein darstellen:

Die 15.000 Einwohner zählende Stadt Breisach ist in der Pflicht, das Landratsamt bei der Unterbringung von Geflüchteten zu unterstützen. Zwei schon bestehende leerstehende Objekte wurden im Rahmen von öffentlichen Versammlungen der Bürgerschaft als geplante Gemeinschaftsunterkunft vor­­gestellt. Die Vorbehalte von Teilen der Nachbarschaft gegen die Belegung wurden während der Diskussion offen vorgetragen: Verfall der Immobilienpreise; hochpreisiges Umfeld provoziere Neid bei den Flüchtlingen; Angst um Sicherheit der Kinder, die nunmehr mit dem Auto zur Schule gebracht werden müssten, was zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen führe; Belegung mit unterschiedlichen Nationalitäten und Kulturen auf engem Raum führe zu Problemen wie Streitereien, Alkoholismus, Eigentumsdelikten und Vandalismus; Lärm- und Unruhequelle; Sorge um die Sicherheit von Frauen und das Argument, dass sich bestimmt ein geeigneterer Standort oder ein besseres Objekt finden ließe.

Der Diskussionsverlauf im Plenum machte zweierlei deutlich: Nicht selten kommen Vorbehalte gegenüber Flüchtlingsunterkünften auch von inzwischen etablierten Bürgern und Bürgerinnen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete werden nach Herkunft, Familienstand und manchmal auch Reli­gions­­zu­gehörigkeit kategorisiert. Ganz unten in der Sympathieskala rangieren alleinstehende männliche Afrikaner und Roma (unabhängig vom Familienstand). Erheblich mehr Wohlwollen wird christlichen Familien aus arabischen Ländern wie Syrien oder dem Irak entgegengebracht. Ein Großteil der dem Landkreis zugewiesenen Flüchtlinge sind aber alleinstehende Männer aus afrikanischen Staaten.

In Breisach sind die Wohnheime nach einer intensiven aber konstruktiven Planungs- und Umsetzungsphase mittlerweile mit Asylsuchenden belegt. Die Befürchtungen der Nachbarschaft bewahrheiteten sich nicht. Allerdings ist die Inte­gration einer Flüchtlingsunterkunft ins Gemeinwesen – wie auch Beispiele anderer Kommunen zeigen – kein Selbstläufer, sondern wird durch folgende Faktoren begünstigt:

•           Die Ortsautoritäten (Bürgermeister, Pfarrer etc.) sind aktive Befürworter der Unterkunft.

•           Die Planung der Unterkunft beginnt frühzeitig und schließt flankierende Maßnahmen bereits mit ein (Helferkreisgründung, Sprachkurs- und Beschäftigungsangebote, Sozialbetreuung).

•           Kontroverse öffentliche Diskussionen sind wichtig und notwendig. Ängste, Sorgen und Vorbehalte müssen wahrgenommen und artikuliert werden, damit eine Auseinandersetzung darüber stattfinden kann.

•           Bei Bürgerversammlungen hat es sich bewährt, schon ansässige Flüchtlinge selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Wirkung eines (in unfertigem Deutsch vorgetragenen) »O-Ton-Statements« ist ungleich höher als jeder zur Nächstenliebe aufrufende Wortbeitrag von Einheimischen.

•           Wichtig ist die Bereitschaft der verantwortlichen Behörden zu Kompromissen und Nachbesserungen (z.B. Reduzierung der Größe des Objekts, Quantität und Qualität der Sozialbetreuung etc.).

•           Wortbeiträge junger Menschen während der BV wirken meistens positiv, da sie eher von einem neugierigen Interesse an den Flüchtlingen als von Sicherheitsbedenken getragen sind.

•           Es hat sich als positiv erwiesen, bei der Sanierung bestehender Objekte bzw. dem Bau neuer Unterkünfte schon eine mögliche Folgenutzung (bei rückgängigen Flüchtlingszahlen) miteinzuplanen.

•           Ein Flüchtlingshelferkreis bietet über seine ortsansässigen Mitglieder vielfältige Möglichkeiten, integrativ tätig zu sein (Organisation von Begegnungen, Ausflüge, Kontaktaufbau zu Arbeitgebern, Sprachtraining, Erstellen von mehrsprachigen Informationsbroschüren u.a.m.) und trägt damit wesentlich zu einem »Klima des Willkommenheißens« und zur örtlichen Integration bei.

Diese Liste ist nicht vollständig und jeder potentielle Standort einer Gemeinschaftsunterkunft bzw. einer sogenannten Anschlussunterbringung hat individuelle Vor-Ort-Befindlichkeiten. Die Aufgabe der Caritas besteht unserer Meinung darin, (aus Überzeugung) immer wieder Kontaktmöglichkeiten und Solidarität mit Flüchtlingen ein­zufordern und (aus Erfahrung) diesen Menschen zeitnah nach ihrer Ankunft Spracherwerb, Qualifizierung und Beschäftigung anzubieten, um präventiv destruktivem Verhalten vorzubeugen und ihnen ein Stück weit Autonomie zu ermöglichen.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Kategorie: 
Autor:
Wolfgang Busse
Weitere Informationen:

Wolfgang Busse, Koordination Flüchtlingssozialdienste, Caritasverband Breisgau-Hochschwarzwald.
www.bleiberecht-freiburg.de
Kontakt: wolfgang.busse@caritas-bh.de

Aus: neue caritas, Migration und Integration-Info 3, Juli 2015, Deutscher Caritasverband e.V. (Hrsg.)