Fachkräfte von übermorgen

 
Das Motiv "Auge" - Plakat und Postkarte für die IKW 2016

Die Bilder des vergangenen Jahres, als täglich tausende Menschen in Bussen, mit Zügen, zu Fuß zu uns geflohen sind, vor Krieg, Folter, Vertreibung, haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Ebenso die Bilder einer neu entfachten Willkommenskultur in Deutschland, die sich in berührenden Gesten der Mitmenschlichkeit offenbart hat.

Zum Ende des Jahres 2015 scheint die Euphorie des einzigartigen Sommers in Teilen der Gesellschaft einer von Sorge geprägten »Winterdepression« gewichen zu sein, vor Überforderung, vor unkalkulierbaren Belastungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitsmarkt.

Ambitioniert und realistisch – Für eine nach vorne gewandte Arbeitsmarktpolitik

Die Frage, ob die zu uns Geflüchteten in Arbeit und Ausbildung kommen, ob sie zur wirtschaftlichen Prosperität unseres Landes beitragen können und ein echtes Potenzial zur Fachkräftesicherung darstellen, beantworte ich als Arbeitsmarktexperte mit den Attributen »ambitioniert« und »realistisch«. Die große Aufgabe besteht darin, mit kluger Arbeitsmarktpolitik und gemeinsam mit allen Partnern Chancen und Herausforderungen der Zuwanderung in Einklang zu bringen.

Grundsätzlich gilt für die Menschen, die bei uns bleiben werden: Arbeit ist der beste Weg zur Integration. Denn Arbeit ist nicht bloßer Gelderwerb, Arbeit ist die Quelle für soziale Anerkennung, für Autonomie und Teilhabe und sie gibt dem Leben Struktur.

Arbeitsmarkt als Chance – Chancen für den Arbeitsmarkt

Wo liegen dafür die Chancen? Zunächst einmal ist der deutsche Arbeitsmarkt in anhaltend guter Verfassung: Mehr als 31 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 43 Millionen Erwerbstätige, mittelfristig stabile Wachstumsprognosen und eine kontinuierlich hohe Nachfrage der Betriebe und Unternehmen nach Arbeitskräften. Quantitativ kann der Arbeitsmarkt das zusätzliche Erwerbspersonenpotenzial gut verkraften.

Etwa die Hälfte der Geflüchteten ist nach aktuellen Erkenntnissen jünger als 25, hoch motiviert und verfügt zum Teil über berufliche, jedoch nach deutschen Standards nicht anerkannte Vorerfahrungen. Diese Menschen können wir für eine duale Ausbildung gewinnen; das setzt allerdings eine intensive Berufsorientierung und Berufswahlberatung voraus, denn die meisten Geflüchteten kennen die Bedeutung der Berufsbildung in Deutschland nicht.

Bei älteren Geflüchteten sollten wir Arbeit und Bildung sinnvoll und modular miteinander verknüpfen. Das kann zunächst auch eine Helfertätigkeit sein, die mit Qualifizierungsmaßnahmen während der Beschäftigung kombiniert wird. Viele der Geflüchteten wollen rasch Geld verdienen. Sie haben sich für die Flucht verschuldet oder müssen die Familie in der Heimat unterstützen. Wir wollen beiden Anliegen gerecht werden: Dem Interesse der geflüchteten Menschen und unserem Anliegen, sie zu Fachkräften zu qualifizieren, die die Wirtschaft braucht.

Gleiche Chance auf Teilhabe für alle

Wo liegen die Herausforderungen? Sie beginnen mit angemessenen Sprachkenntnissen, dem wichtigsten Schlüs­sel zur Integration in Arbeit und Ausbildung. Den Spracherwerb gilt es nach Möglichkeit mit betrieblichen Praxiselementen zu kombinieren. Mitgebrachte Fertigkeiten und Kompetenzen lassen sich oftmals nur in der Praxis feststellen. Für junge Menschen wird sich daran in der Regel eine intensive Ausbildungsvorbereitung anschließen, bevor die Berufsausbildung beginnen kann. Die Bundesagentur für Arbeit kann dabei auf ein Portfolio bewährter Instrumente zurückgreifen, die nun erweitert und sinnvoll miteinander verbunden werden. Wir setzen keine Sonderprogramme für Geflüchtete auf, vielmehr ist unser Ziel, ihnen die gleichen Chancen auf Teilhabe zu ermöglichen wie allen anderen Menschen in Deutschland.

Zur Realität gehört auch: Die Menschen, die zu uns kommen, sind eher die Fachkräfte von übermorgen. Aus der Migrationsforschung wissen wir, dass im ersten Jahr nach Ankunft in Deutschland bis zu zehn Prozent eine Beschäftigung aufnehmen, nach fünf Jahren kann es rund die Hälfte sein. Nach weiteren fünf bis zehn Jahren kann die Beschäftigungsquote der Zugewanderten auf bis zu 70 Prozent ­anwachsen, das liegt knapp unter der Quote der Einheimischen, die bei knapp unter 80 Prozent liegt.

Damit diese Herausforderungen in Chancen münden, brauchen wir eine starke Partnerschaft mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das derzeitige Engagement der Wirtschaft ist so begrüßenswert wie unabdingbar: Neben zahlreichen lokalen und regionalen Kooperationen laufen bundesweite Projekte mit dem Ziel, jungen Geflüchteten grundlegende Sprachkenntnisse und Berufskenntnisse zu vermitteln, um sie auf eine Ausbildung vorzubereiten.

Hürden senken – Fördermöglichkeiten erweitern

Die Politik gibt den gesetzlichen Rahmen vor – hier ist noch Luft nach oben: Asylverfahren müssen weiter beschleunigt, Sprach- und Integrationskursangebote ausgebaut und den aktuellen Anforderungen – Stichwort »Kombination von betrieblicher Praxis und Spracherwerb« – angepasst werden. Es gilt außerdem, die Hürden beim Arbeitsmarktzugang zu senken und Fördermöglichkeiten zu erweitern. Ebenso sollten wir darüber nachdenken, wie wir die Existenzgründungsbereitschaft von geflüchteten Menschen besser fördern können. Migranten gründen häufiger ein eigenes Unternehmen als Deutsche. Sie schaffen dadurch Arbeitsplätze und erhöhen die wirtschaftliche Dynamik.

Als Gesellschaft brauchen wir nicht zuletzt Geduld und Beharrlichkeit. Der Weg des Einzelnen in Arbeit und Ausbildung kann lang sein – und er kostet Geld. Doch die jetzt anfallenden Aufwendungen für Geflüchtete sollten wir nicht lediglich als Kosten begreifen: vielmehr als langfristige Investitionen in die Zukunft unseres Landes. Je mehr wir jetzt in diese Menschen zu investieren bereit sind, desto höher der perspektivische Nutzen für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Die zu uns kommenden Menschen können eine Chance für unsere alternde Gesellschaft werden, sofern wir die Herausforderungen gemeinsam anpacken und bewältigen – ambitioniert und realistisch.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Kategorie: 
Autor:
Detlef Scheele
Weitere Informationen:

Detlef Scheele ist Mitglied des Vor­standes der Bundesagentur für Arbeit.

Kontakt: zentrale@arbeitsagentur.de

Sie können Vertreterinnen und Vertreter ­Ihrer lokalen Arbeitsagenturen zu Diskussions- und Informationsveranstaltungen im Rahmen der IKW einladen.