Eine Jeremiade

 
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Die Jeremiade als klagende und anklagende Rede geht auf den Propheten ­Jeremia zurück. Dieser und auch andere biblische Propheten haben wort­gewaltig und zugespitzt ­Unrecht angeprangert. So auch Jesaja.

Jesaja 1,13-17

Bringt mir nicht länger sinnlose Gaben, Rauchopfer, die mir ein Gräuel sind. Neumond und Sabbat und Festversammlung – Frevel und Feste – ertrage ich nicht.

Eure Neumondfeste und Feiertage sind mir in der Seele ­verhasst, sie sind mir zur Last geworden, ich bin es müde, sie zu ­ertragen. Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch. Wenn ihr auch noch so viel ­betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut.

Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun!

Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!

Propheten sind nicht Wahrsager einer ungewissen Zukunft, vielmehr treten sie mit einer kritischen Zeitansage auf. Sie verkünden in den Kontexten ihrer Zeit das Wort Gottes. Das wird dann für die Angesprochenen meist äußerst ungemütlich. Zu einseitig und über­zogen, zu hart und undifferenziert – so werden die Reaktionen gewesen sein. Die Anklage des Propheten Jesaja ist so: zornig, hart und unmissverständlich.

Jesaja tritt auf in der Zeit von etwa 740 bis 700 vor Christus. Die Bevölkerung ist gespalten: die einen sind auf die ­Sicherung und Vermehrung ihres Reichtums bedacht, die andere leiden unter Ausbeutung und Beugung des Rechtes.

Den Worten des Propheten mangelt es nicht an Klarheit: Ein Gottesdienst, dem nicht eine solidarische und gerechte Praxis entspricht, ist dem Herrn ein Gräuel. Solange eine Gemeinde glaubt, im Kult dem Herrn zu dienen und nicht gleichzeitig konsequent auf der Seite der Notleidenden steht, ist ihre Frömmigkeit hinfällig. Das galt in der sozialpolitischen Situation im 8. vorchristlichen Jahrhundert, das gilt genauso in heutiger Zeit. Auch den Gläubigen, die sich dem Rufen derer, die kein Dach über dem Kopf haben, die an Leib und Seele verwundet sind, verschließen und Grenzen abriegeln, gilt: »Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht.«

Seine Aufforderung gilt auch heute noch: Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Mehr ist nicht zu sagen.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
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Autor:
Dr. Werner Höbsch
Weitere Informationen:

Werner Höbsch ist Mitglied im ÖVA.

Kontakt: Dr. Werner Höbsch,
Leiter des Referates Dialog und Verkündigung im Erzbistum Köln
werner.hoebsch@erzbistum-koeln.de