Freiwillig Engagierte und Hauptamtliche ergänzen sich

 
Kitchen on the run © Johann Angermann

Recht zum Engagement

Mal wieder typisch: Die Karre steckt im Dreck, der Sozialstaatsapparat erweist sich als schwerfällig und nahezu manövrierunfähig. Bis die Institutionen und ihre Ebenen fachlich beraten, politisch entscheiden und finanziell beschließen die Herausforderung des 21. Jahrhunderts anzugehen, haben Bürgerinnen und Bürger die Karre längst flott gemacht bzw. zu Recht freiwillig aus dem Dreck gezogen.

So weit, so gut. Stets sind es engagierte Bürgerinnen und Bürger, die gesellschaftlich entstandene Bedarfe identi­fizieren und handeln. Mit geflüchteten Menschen im 21. Jahrhundert ist es nicht anders als zu Zeiten großer und gesellschaftlich weit verbreiteter Ar-mut inklusive Kindersterblichkeit im 19. und vielfältigen Bedürfnissen und Bedarfen von Menschen im 20. Jahrhundert.

Eigensinn des Engagements

Es geht auch kleiner: spielen, kochen, essen, tanzen. Alles was Leben für jede und jeden Einzelnen ausmacht: Im Sportverein braucht es Betreuerinnen und Betreuer, Trainerinnen und Trainer, in der Kirchengemeinde Freiwillige für den Kindergottesdienst, in Chor und Bibliothek unterstützende Personen sowie in der Diakonie Menschen, die Andere in Alten-, Behinderten-, Krankenhaus- und Wohnungsloseneinrichtungen unterstützen – und dabei auch für sich profitieren. Früher vielleicht vermehrter für Gotteslohn, gestern womöglich zur Selbstverwirklichung und heute »die Welt im Kleinen zu gestalten« aber auch, um Spaß zu haben. Engagiert ausgeführte Tätigkeiten beinhalten immer einen Eigensinn. Diesen gilt es nicht nur zu bewahren sondern als Qualitätsmerkmal zu begreifen.

Engagement und Hauptamt

All dies bedarf in einer gewissen Größenordnung struktureller Ressourcen, die in fachlich differenzierten Arbeitsfeldern auch die Nachhaltigkeit der Dienste und Hilfen gewährleisten. Dafür braucht motiviertes Engagement mit seinen unbezahlbaren Tätigkeiten bezahlte Hauptamtliche. Dies muss strukturell in lernenden und sich weiterentwickelnden Organisationen und in deren Abläufen als Qualitätsmerkmal gewollt sein. Zivilgesellschaftliches Handeln und vielfältige berufsspezifische Kompetenzen ergänzen sich gegenseitig. Unerlässlich ist dabei das Ver­ständnis: Engagement ist Chefsache.

Begleitung von Engagement

In Organisationen und Institutionen braucht es zuständige Personen, um die vielfältigen individuellen Engagements zu kanalisieren, zu koordinieren und zu begleiten. Dazu gehört die Gewinnung, Qualifizierung und Fortbildung inklusive der Reflektion der Engagements sowie mögliche Kriseninterventionsbegleitung. Das alles sind Daueraufgaben.

Die in letzter Zeit etwas rückläufige Schnittmenge zwischen Freiwilligen und Hauptamtlichen und deren Aufgaben, ist für beide klärend und gut. Der Trend zur Verwässerung der jeweiligen Profile schadet beiden.

Geflüchtete und Engagement

Die Vielfalt und Spontanität der Engagements in diesem Kontext sind herausragend. Dies zeugt von einer ­hohen ­gesellschaftlichen und indivi­duellen Sensibilität für die Werte der Nächstenliebe (Solidarität) und Barmherzigkeit (Gerechtigkeit).

Trotz – nein gerade wegen – der aktuell herausragenden Zahl an (neuen) Engagierten, können diese Engagements zum einen zwar nicht hoch genug geschätzt, zum anderen aber auch realistisch bewertet und nüchtern betrachtet werden: die Situation in Deutschland 2015/2016 ist ein Ausnahmezustand den es »regelbetriebstauglich« aufzustellen gilt.

Die Ressourcen Engagierter sind endlich und eine »anwaltschaftliche« Vertretung von ihnen unerlässlich, um ihre Engagements dauerhaft zu gewährleisten. Engagierte sind vielleicht weniger Burnout-gefährdet – sie springen aber womöglich früher oder später ab. Ihre (projekthaften) Engagements aber sind erhaltenswert.

Teilhabe durch Engagement

Für die inkludierende Wirkung von Engagements ist kultur- und religionssensibel darauf abzuzielen, dass Geflüchtete zunehmend deutlicher zu Engagierten, aber auch Hauptamtlichen werden. Dies nicht nur wegen ihrer speziellen Expertisen, die nur sie selbst mitbringen, sondern weil Bürgerin und Bürger sein mehr ist, als mit dem Nötigsten versorgt zu werden: eigenständig Handelnde, die sich in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen, um so zu einem bürgergesellschaftlichen Wandel durch Begegnung beizutragen.

Als gelungenes Beispiel sei die Initiative »kitchen on the run« genannt: Geflüchtete, Freiwillige und Hauptamtliche begegnen sich beim Kochen und Essen im Gespräch. Philipp Melanchthon, einer der Reformatoren, schrieb quasi dazu bereits: »Wir sind dazu geboren, uns im Gespräch einander mitzuteilen«.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Kategorie: 
Autor:
Rainer Hub
Weitere Informationen:

Rainer Hub ist Bundesreferent im Arbeitsfeld Freiwilliges soziales Engagement, Freiwilligendienste im Zentrum für Familie, Bildung und Engagement der Diakonie Deutschland – evangelischer Bundesverband. Er kann für Veranstaltungen im Rahmen der IKW angefragt werden.

Kontakt: rainer.hub@diakonie.de