Integration 2.0 - Die »Flüchtlingskrise« verdeutlicht, dass Deutschland mental noch kein Einwanderungsland ist

 

Der Zynismus in der Flüchtlingsdebatte ist inzwischen so allgegenwärtig, dass er kaum noch als solcher zu erkennen ist: Noch immer fliehen die Menschen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung, aber es geht nur noch darum, wie man »sie« daran hindern kann, »zu uns« zu kommen. Die »wirklichen Flüchtlinge« will Europa angeblich immer noch mit offenen Armen empfangen, aber wo ist die Möglichkeit, das vor der gefährlichen Überfahrt im Schlauchboot oder am griechisch-mazedonischen Grenzzaun in Idomeni überprüfen zu lassen?

Mit etwas Abstand betrachtet – z.B. aus der vergleichenden und historischen Migrationsforschung – wird selbst eine Zuwan­derung von zwei bis drei Millionen Flüchtlingen in den nächsten Jahren Deutschland in demographischer Hinsicht nicht tief greifend verändern. Aber sie öffnet vielleicht den Blick auf eine allgemeine demographische Entwicklung, die Deutschland und Europa nicht erst seit Wochen oder Monaten, sondern seit Jahrzehnten erleben. Sie wird das Land in der Tat sehr nachhaltig prägen und erfordert dringend einen Paradigmenwechsel in der Diskussion um Einwanderung. Diese demographische Entwicklung wird in der Migrationsforschung mit zwei englischen Fachbegriffen benannt: Superdiversity und die Entwicklung zu majority minority cities.

»Superdiversität« bedeutet nicht nur mehr kulturelle Vielfalt, sondern auch mehr Überschneidungen zwischen den Kriterien, die für den Alltag relevant sind. In vielen Grundschulklassen in Städten und Stadtteilen ist dies schon zur Regel geworden: Noch vor zehn Jahren waren die Klassen im Wesentlichen bi-kulturell deutsch und türkisch. Heute ist eine typische Grundschulklasse ein kleines sprachliches Universum, viele Kinder kommen zudem aus bi-kulturellen Elternhäusern. Sie umfasst die Enkel der damaligen Gastarbeiter ebenso wie Kinder ohne festen Aufenthalt; nicht wenige sind fast ohne deutsche Sprachkenntnisse in die Klasse gekommen, darunter Flüchtlingskinder ebenso wie Kinder aus Ländern der EU. Und auch im Unterschied zu früher stellen die Kinder ohne familiäre Einwanderungsgeschichte nicht mehr die Mehrheit – sie sind nur noch eine Minderheit unter vielen anderen.

Dies meint der zweite Begriff: »Mehrheitlich Minderheiten-Städte« sind urbane Gesellschaften, in denen es keine ethnische Mehrheit mehr gibt. Das ist z.B. in New York und Los Angeles, aber auch in London und Amsterdam schon heute so. In Deutschland stehen vor allem süddeutsche Städte bereits an der Schwelle: Frankfurt/Main und Stuttgart, aber auch Städte wie Augsburg und Nürnberg haben einen Anteil von Menschen »mit Migrationshintergrund« von über 40 %. Das ist zumindest eine psychologische Herausforderung für die bisherige unhinterfragte Selbstvergewisserung von den ethnisch deutschen Deutschen. Die Frage ist doch, welchen Sinn und Legitimität diese Selbstvergewisserung noch hat, wenn man in Wirklichkeit nur noch eine Minderheit neben ganz vielen anderen ist. Haben Thilo Sarrazin und Pegida also Recht mit ihren Untergangsszenarien? Wie kann und muss die Gesellschaft darauf reagieren und damit umgehen?

Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre zu akzeptieren, dass diese Entwicklung unumkehrbar und unvermeidbar ist. Es macht dafür auch keinen qualitativen Unterschied, ob das verzweifelte Bemühen der Politik gelingt, die Zahl der Flüchtlinge, die es bis zu uns schaffen, wesentlich zu senken. Wir sollten uns also lieber heute als morgen die Frage stellen, wie man der gemeinsamen Zukunft in dieser Vielfalt eine Richtung geben kann, dass sie in der Bilanz positiv verläuft. Oder anders gesagt: die gemeinsame Zukunft zu gestalten. Dabei hilft wie so häufig der Blick über die Grenze.

Im zweiten Schritt kann man nämlich feststellen, dass superdiverse Gesellschaften offenkundig funktionieren können. Denken Sie an Städte, die Sie als Global Cities zu den besonders dynamischen Orten von Innovation und Kreativität weltweit zählen würden, die wirtschaftlich ebenso wie kulturell prosperieren: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sind alle Orte, an die Sie denken können, superdivers! Städte wie New York oder Amsterdam sind hochattraktiv nicht nur für Touristen. Was immer man von der ethnischen und kulturellen Vielfalt dort halten mag, sehr deutlich ist jedenfalls, dass die Reibungsenergien der Supervielfalt diese urbanen Gesellschaften nicht weniger lebenswert gemacht haben.

Im dritten Schritt können wir von eben jenen Städten und Ländern, die schon etwas länger Erfahrung mit Einwan­derung und zunehmender Vielfalt haben, lernen, dass gelungene Integration Zeit und Gelassenheit braucht: Integration ist eine Generationenfrage, die keine falschen Erwartungen wecken darf. Und sie setzt gewissermaßen einen »fairen Deal« voraus: Von denjenigen, die als Erwachsene oder gar Eltern zu uns kommen, hier hart arbeiten, etwas beiseitelegen und für eine gute Ausbildung der Kinder sorgen, dürfen wir ein hohes Maß an Gesetzestreue und Zufriedenheit erwarten – aber nicht, dass sie die deutsche Sprache fließend bis akzentfrei erlernen oder aufhören, ihre Sprache zu sprechen und ihre Religion zu leben. Junge Erwachsene träumen von Berufen und Karrieren und sind dafür bereit, einen langen Weg zu gehen – wenn sie dafür eine Perspektive haben. Wer dagegen jahrelang fürchten muss, am nächsten Morgen abgeschoben zu werden, der investiert keine Zeit in Ausbildung, sondern sucht möglicherweise lieber das schnelle Geld – auch wenn es das nicht auf legalen Wegen gibt. Kinder schließlich haben die wunderbare Gabe, sich schnell dort zuhause zu fühlen, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben. Sie haben auch kein Problem damit, dass manche Dinge zuhause anders sind als in der Schule und auf der Straße – wenn es nicht allenthalben zum Problem gemacht wird. Den Eltern ist in aller Regel wichtig, dass ihre Kinder den Bezug zur elterlichen Herkunft nicht verlieren, sie wünschen und erwarten Loyalität. Aber die Heimat der Kinder ist da, wo sie groß werden.

Erfahrene Einwanderungsgesellschaften machen sich keine großen Gedanken über vorgebliche »Parallelgesellschaften«, weil sie wissen, dass die im Land groß werdenden Kinder von Migrantinnen und Migranten sich eigentlich von alleine zugehörig fühlen, die Sprache sprechen und so weiter. Aber sie erheben auf diese Kinder auch einen Anspruch und zwar unabhängig von Muttersprache, Religion oder Hautfarbe. Integrationsprobleme in der zweiten und dritten Generation sind daher praktisch immer hausgemacht: das Ergebnis von ausgrenzenden Diskursen, erlebter und nicht geahndeter Diskriminierung und struktureller Benachteiligung. Bis heute wird in Deutschland auf die zweite und dritte Generation kein Anspruch erhoben. Und Diskriminierung und Benachteiligung werden kaum thematisiert, geschweige denn laut und deutlich geahndet. Dazu gehört auch, dass gleiche Bildungs- und berufliche Aufstiegschancen für Kinder aus Einwandererfamilien viel zu lange keine Priorität hatten. Dabei zeigen Studien, dass Bildungsniveau und Jobchancen signifikant dazu beitragen, aus Kindern und Enkeln von Einwanderern loyale, liberale und produktive Mitglieder dieser Gesellschaft werden zu lassen – wenn sie nicht aktiv daran gehindert werden.

Die Mehrheitlich Minderheiten-Gesellschaft ändert dafür allerdings die »Geschäftsgrundlage«, denn wer in dieser Gesellschaft klarkommen und erfolgreich sein will, der muss lernen, mit der Supervielfalt umzugehen. Integration 2.0 ist die Teilhabe an einer Gesellschaft, in der ethnische und religiöse Unterschiede so ausdifferenziert sind, dass sie keine Aussage mehr treffen über die lokale, regionale und natio­nale Zugehörigkeit. Sie bedeutet, dass ethnische oder religiöse Unterschiede zwar nicht verschwinden, aber ihre Bedeutung vor allem kontext- und situationsgebunden ist. Integration 2.0 heißt also auch, dass sie alle betrifft, ob zugewandert oder nicht. Und dass sie möglicherweise andere Skills erfordert, z.B. Kenntnisse in Sprachen und Religionen. Allem voran aber gilt es Abschied zu nehmen von der Idee, man könne »deutsch« auch in Zukunft noch ethnisch definieren: Deutsch ist, wer hier groß geworden ist und einen deutschen Pass hat. Gute »Deutsche« sind die­jenigen, die die zentralen Gedanken des Grundgesetzes beherzigen und ihr Zugehörigkeitsgefühl aus den republikanischen und zivilgesellschaftlichen Errungenschaften der Nachkriegsgeschichte beziehen. Und da ist ein Großteil der zweiten Generation »mit Migrationshintergrund« den Anhängern von AfD und Pegida um einiges voraus.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Autor:
Dr. Jens Schneider
Weitere Informationen:

Dr. Jens Schneider ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Er kann für Veranstaltungen im Rahmen der Interkulturellen Woche angefragt werden.

Kontakt: jens.schneider@uni-osnabrueck.de

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Ausgehend von der europäischen TIES-Studie zeigen Jens Schneider, Maurice Crul und Frans Lelie, dass wir genau jetzt an einer wichtigen Weggabelung stehen: Nur die Städte, die allen ihren Talenten einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Jobs und Zugehörigkeit bieten, werden erfolgreich sein.

generation mix: Die superdiverse Zukunft unserer Städte und was wir daraus machen.
Das Buch ist erschienen beim Waxmann Verlag im Jahr 2015.
ISBN 978-3-8309-3182-9