Refugees Welcome - Deutschland ist viel größer als das Gejammere der ewig Besorgten und Überforderten

 
© flickr.com / Franz Ferdinand Photography

Erst das Foto vom kleinen Aylan an der türkischen Küste, dann Bilder von ­menschenunwürdigen Zuständen an ungarischen Bahnhöfen, dann Bilder von Flüchtlingen auf Autobahnen, die zu Fuß Richtung Österreich und Deutschland gehen, weil ihnen Züge verweigert werden, dann Bilder von den vielen freiwilligen Helfer*innen am Münchener Bahnhof, dann Bilder aus Berlin, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und vielen anderen Bundesländern.

Es sind große Bilder, die Mitte-Ende 2015 um die Welt gehen. Sie sind herzzerreißend, rührend, aufwühlend, unerträglich – aber immer groß. Viel größer als Heidenau, viel größer als das Gejammere der ewig Besorgten und Überforderten. Und noch viel größer als die gebetsmühlenartigen Warnungen der Politik, die Stimmung in der Bevölkerung könne umkippen, man solle die Aufnahmebereitschaft nicht überstrapazieren.

Ja, ihr Besorgten, die Stimmung ist gekippt. Bitteschön! Nicht die vielen Flüchtlinge und deren Unterbringung sind für die Behörden und die Bevölkerung eine ­unlösbare Herausforderung, sondern die vielen Spenden, die Koordinierung der vielen Helfer*innen – ob Einzelne, christliche, muslimische oder zivilgesellschaftliche Organisationen.

Allem Anschein nach ist Deutschland viel größer als ihr annehmt; viel offener als euch lieb ist; viel freundlicher als euer Oktoberfest und viel menschlicher, als ihr offenbar je sein werdet. Ich freue mich über die Willkommenschöre an unseren Bahnhöfen, über die vielen Freiwilligen, die in den Flüchtlingsunterkünften aushelfen, Suppen kochen und austeilen, Kinder betreuen, übersetzen und helfen, wo es geht. Und ihr? Ihr warnt noch immer, diese Bilder könnten »völlig falsche Signale« aus­lösen, einladend wirken.

Obergrenzen habt ihr gefordert bei der Aufnahme von Flüchtlingen, ohne auch nur für einen Augenblick zu erröten vor Scham, dass ihr Werte von Verfassungsrang aushebeln wollt, die mit ­gutem Grund so formuliert wurden; von Einwandernden habt ihr im selben Atemzug und ohne Wimpernzucken die Einhaltung unserer Verfassungswerte eingefordert. Geschickt habt ihr vermieden zu sagen, was denn passieren soll, wenn die Obergrenze erreicht ist, um loszupoltern als jemand anders euren Gedanken weitersponn und den »Schießbefehl« aussprach – »bis zur letzten Patrone«.

Falsch sind auch eure hohlen Phrasen von Fluchtursachenbekämpfung bei gleichzeitiger Aufnahme von qualifizierten Flüchtlingen – so, als hätten die armen Krisenländer Fachkräfte im Überschuss, die das Land wiederaufbauen könnten. Falsch sind auch eure vermeintlichen Geldnöte bei gleichzeitigen Milliardeneinnahmen durch Waffenverkäufe in die Krisenregionen, die als Staatsgeheimnis deklariert und verschwiegen werden. Falsch ist auch eure Entwicklungshilfe, die als Synonym für Großaufträge deutscher Unternehmen steht, damit das Geld auch ja wieder zurückfließt nach Deutschland. Falsch ist auch euer Dublin-Übel, das ihr europaweit ausgerechnet den armen Ländern diktiert habt, um die bestmögliche Abschottung für eure Grenzen zu erreichen. Falsch ist auch eure Lüge von der europäischen Solidargemeinschaft, die in Wahrheit schon seit ihrer Geburt eine »Wirtschaftsgemeinschaft« ist und in der letztlich doch nur der Euro das Sagen hat.

Falsch sind auch eure vermeintlichen Sorgen, mit denen ihr Brandstifter und Handgranatenwerfer regelmäßig versorgt – Betrüger, Sozialschmarotzer, Wirtschaftsflüchtlinge. Ihr trennt Familien und Menschen in Not nach Fluchtgründen. Als ob es für Eltern eine Rolle spielen kann, ob ihre Kinder durch Krieg oder Armut sterben. Was für ein Familien- und Menschenbild liegt eurer Politik eigentlich noch zugrunde?

Glück habt ihr gehabt, dass die Kölner Silvesternacht eurer Politik zu Hilfe gekommen ist. Man könnte meinen, die Stimmung sei gekippt, flüchtlingsfeindlicher geworden. Die Zeit habt ihr umgehend genutzt und das strengste Asylgesetz erlassen, das dieses Land nach dem Krieg gesehen hat. Skrupellos habt ihr sogar am »Wir schaffen das« der Kanzlerin gesägt; es steht aber noch. Damit auch meine Hoffnung, dass Deutschland standhaft bleibt, eurem Populismus trotzt und sich am Ende doch für Vernunft und Menschlichkeit entscheidet. Denn dieses Land ist viel größer als eure Parteizelte und noch viel größer als Dresden, wo Montag für Montag eure Steilvorlagen verwertet werden. Schämt euch – wenigstens dafür!

 
Materialheft:
Gliederung 2016
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Autor:
Ekrem Şenol
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Ekrem Şenol ist Herausgeber und inhaltlich Verantwortlicher des MIGAZIN – das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland – Politik, Gesellschaft, Recht und Kultur. Er kann für Veranstaltungen im Rahmen der IKW angefragt werden.

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