Sozialer Dienst in Europa: Migration findet statt - Interview mit Johannes Flothow

 
Johannes Flothow im Gespräch mit Johannes Brandstäter, © interkulturellewoche.de

Am Rande der bundesweiten Vorbereitungstagung zur Interkulturellen Woche in Magdeburg sprach Johannes Brandstäter von der Diakonie Deutschland und Mitglied im Ökumenischen Vorbereitungsausschuss mit Johannes Flothow von der Diakonie Württemberg, der als Referent an der Tagung teilnahm.

Migration findet statt, ob die Regierenden wollen oder nicht. Wie kann man sie gestalten, und woran sollte sich das orientieren?

Für Menschen aus ärmeren Ländern sind die Gründe, die zur Migration führen, meist ähnlich: fehlende Arbeitsmöglichkeiten, keine auskömmlichen Löhne, schlechte Gesundheitsversorgung, keine Hoffnung auf Entwicklung auf Grund von schlechter Infrastruktur, fehlende Rechtsstaatlichkeit, unfaire Handelsbedingungen und oft die Überzeugung, dass die herrschende politische Klasse in den Herkunftsländern nicht in der Lage oder nicht Willens ist, die Verhältnisse zu ihrem Besseren zu wenden. Menschen nutzen ihr Recht auf Auswanderung, weil sie in der Auswanderung eine der wenigen individuellen Möglichkeiten sehen, ihrer schlechten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit zu entkommen. Dafür nehmen sie viele Anstrengungen und Risiken in Kauf.

Bei der Entscheidung für das Zielland der Migration spielen weiterhin klassische Pull-Faktoren eine wichtige Rolle: Nachrichten und Bilder aus den reichen, wirtschaftlich erfolgreichen Ländern, die es möglich erscheinen lassen, an diesem Wohlstand teilzuhaben, Freunde oder Familienmitglieder, die vom Erfolg ihrer Migration und von guten Aufenthaltsbedingungen in ihrem Zielland berichten und die als erste Anlaufstellen für die legale oder irreguläre Migration dienen sowie rechtliche Möglichkeiten der legalen Migration oder der Legalisierung des Aufenthalts oder eine hohe Toleranz gegenüber irregulärem Aufenthalt und Schwarzarbeit.

Mobilität und Migration sind weltweit zu einem Megatrend geworden, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Trotz hoher Flüchtlingszahlen will Deutschland dabei auch weiterhin für bestimmte Einwandernde attraktiv bleiben.

Ich sehe beim Umgang mit Migration zwei wichtige Aufgaben:
Erstens: Schauen wir zuerst auf den Menschen in der Migration. Viele Menschen, die migrieren, sind insbesondere vor und während der Migration und bei der Ankunft im Zielland verletzlich und von anderen abhängig. Deshalb müssen wir viel mehr dafür tun, um Migranten vor und in der Phase der Migration zu stärken. Dazu müssen unabhängige Migrationsberatungsstellen in den Herkunftsländern auf­gebaut werden, die Information, Beratung, Begleitung und Unterstützung für alle an Migration interessierten Menschen anbieten, unabhängig von deren Motivation oder deren möglichen Rechtsstatus in Deutschland. Die wenigen bisher vorhandenen Partner in den Herkunftsländern im Bereich Antitrafficking, Familienzusammenführung, Rückkehrberatung, Ausbildungsberatung, FSJ-Beratung, Personalgewinnung, Anwerbung oder legale Migration sollten zusammengeführt werden. Zusammen mit den Beratungsstellen der Migrationsberatung in Deutschland und in anderen europäischen Zielländern sollte hier eine hilfreiche Unterstützungsstruktur für Migrantinnen und Migranten entstehen, die sich nicht mehr an einzelnen Merkmalen der Migration orientiert, sondern der Multivektorialität von Mobilität und Migration entspricht – also dem Phänomen, dass Menschen, die einwandern, unter Umständen auch wieder rück- oder weiterwandern.

Zweitens: Die Botschaften und rechtlichen Angebote, die Deutschland als Einwanderungsland an wanderungswillige Menschen in aller Welt sendet, sollten klar, eindeutig und langfristig gültig sein. Dazu gehört, dass sich auch die deutschen Botschaften mit ihren Visumstellen zu einem Teil einer neuen Willkommenskultur entwickeln müssen.

Dazu kann auch beitragen, dass wir konkrete Wege der sicheren und fairen Migration nach Deutschland anbieten, so wie wir es mit einem kosovarischen Partner im Rahmen eines Ausbildungsprojekts zur Altenhilfefachkraft entwickelt haben, an dem inzwischen 81 junge Kosovarinnen und Kosovaren teilnehmen.

Wenn Sie nun noch mehr Menschen ­ermuntern, ihre Heimat gen Westen zu verlassen – bedeutet das nicht einen »Brain-Drain«, einen Verlust der Köpfe, die für das eigene Land gebraucht werden?

Natürlich schmerzt die Auswanderung junger, oft gut qualifizierter Menschen jede Familie, jede Gemeinde und jedes Land. Aber in vielen Ländern sind die jungen Menschen trotz mehrfacher Ausbildungen oder Studienabschlüsse arbeitslos. Das demoralisiert die Menschen. Wenn ich auf die Erfahrungen in unserem Ausbildungsprojekt schaue, dann stehen die Familien hinter der Auswanderung zur Ausbildung im Ausland, denn dies scheint vielen der einzige Weg zu sein, eine auskömmliche und qualifizierte Arbeit zu erhalten. Viele Familienangehörige fragen bei uns an, ob auch ihre Kinder an dem Ausbildungsprojekt teilnehmen könnten. Ein junger Mann, der an unserem Projekt teilnimmt, meinte zu seinem Leben als Azubi in der Altenpflege: er habe jetzt sein Leben und seine Würde wiedergefunden.

Auch Politiker vieler Herkunftsländer haben da inzwischen umgedacht, denn die hohe Zahl von arbeitslosen jungen Menschen kann eine schwer zu kontrollierende Dynamik im politischen Protest entwickeln. Zu den positiven Effekten der Ausbildungs- und Arbeitsmigration zählen natürlich auch die vielen Geldüberweisungen an die zurückgeblieben Angehörigen.

In der Kirche hierzulande gibt es Offenheit gegenüber Migration – zumindest in Bezug auf Flüchtlinge. Wie ist das bei den osteuropäischen Partnern?

Im November 2015 haben sich Vertreter von Diakonischen Einrichtungen in Rumänien mit Vertretern Diakonischer Einrichtungen aus Deutschland zu einem Dialog zum Thema Migration in Cluj in Rumänien getroffen. Wir hörten, dass die Auswanderung die Gemeinden verändere. Schulen im ländlichen Raum müssen geschlossen werden. Familien gehen in die Brüche, weil Ehepartner langfristig im Ausland arbeiten. Kinder werden nicht mehr von ihren Eltern erzogen, sondern landen als Eurowaisen oder Sozialwaisen bei entfernten Verwandten oder in Kinderheimen. Die beiden anwesenden ­Bischöfe der Evangelischen Kirche in Rumänien und der Reformierten Kirche in Rumänien unterstrichen in ihren einleitenden Statements, dass die Kirchen die neuen Herausforderungen der Auswanderung annehmen müssten. Dazu könne auch gehören, über neue Formen der Zusammenarbeit im Bereich der Ausbildung und der Personalsicherung für soziale Dienste zu sprechen. Aber auch in der grenzübergreifenden Beratung von mobilen Arbeitnehmern oder von Rückkehrern liegen neue diakonische Aufgaben.

Aber kirchliche Einrichtungen haben echte Probleme, wenn ihre Fachkräfte wegziehen nach Deutschland. Das dürfen Sie ja nicht ignorieren.

Den Drang in den Westen können wir nicht immer verhindern. Natürlich erreichen uns auch die Nachrichten, dass diakonische oder karitative Einrichtungen, die in den letzten 20 Jahren auch mit Unterstützung aus dem Westen aufgebaut wurden, durch die schlechte Sozialpolitik Rumäniens und die Auswanderung der Mitarbeitenden bedroht sind. Deshalb unterstützen wir vereinzelt Einrichtungen mit Lohnzuschüssen, damit diese Einrichtungen ihre Beschäftigten von der Auswanderung abhalten können. Wir zahlen aber auch Zuschüsse an Einrichtungen, weil der rumänische Staat seiner Verpflichtung der Kofinanzierung der Sozialen Dienste nicht nachkommt. Aber wir brauchen eine größere Perspektive. Vielleicht besteht die Herausforderung darin, einen gemeinsamen europäischen Weg zu suchen, damit die Sozialen Dienste in Deutschland, in Rumänien und in anderen Ländern genügend Personal haben. Wir suchen nach Wegen der Zusammenarbeit, die beiden Seiten helfen. Das könnten gemeinsame Ausbildungsprojekte mit Rumänien sein. In solchen gemeinsamen Ausbildungsprojekten würde es nicht nur um Personalgewinnung aus dem Ausland oder um Geld gehen, sondern auch um den Austausch von Erfahrungen und Know-how oder vielleicht von Konzepten der Versorgung älterer Menschen im ländlichen Raum.

Aber was tun, wo es solche Ausbildungspartnerschaften nicht gibt?

Ausbildung von Fachkräften kann man durchaus als eine Dienstleistung sehen, die vom Abnehmer zu finanzieren ist. Bisher erhalten Deutschland und Europa die qualifizierten Arbeitnehmer, sei es als Krankenschwestern oder als Ärzte, ja kostenlos. Einige deutsche Firmen, die im Ausland ausbilden, lassen sich die Dienstleistung allerdings im Rahmen der Personalvermittlung zahlen. Unsere diakonischen Partner in Osteuropa tun sich hier sehr schwer, die Vermittlung von Fachkräften als wirtschaftliche Tätigkeit zu sehen. Vielleicht können wir über eine freiwillige Ausbildungsabgabe reden. In jedem Fall wäre es schön, wenn die Zivilgesellschaften, die zurzeit Fachkräfte abgeben müssen, für diesen Verlust und für ihren Aufwand finanziell entschädigt werden würden.

Natürlich dürften nicht irgendwelche staatlichen Stellen so eine Abgabe kassieren. Sie müsste zweckgebunden verwendet werden, also wieder für die Ausbildung und für die Stützung des sozialen Sektors in den Herkunftsländern.

Die liberalisierte Beschäftigungsverordnung, das Agieren der Behörden – ist es eigentlich hilfreich?

»Make it in Germany« hieß es auf den Homepages aller deutscher Auslandsvertretungen. Diese Kampagne hat nur 100.000 Euro gekostet und ist eine der erfolgreichsten Kampagnen der Welt – denn nun haben wir eine Million! (Lacht).

Im Ernst: Ich begrüße sehr die neuen Möglichkeiten, legal nach Deutschland einreisen zu können, sei es um als Fachkraft in einem Mangelberuf zu arbeiten, sei es, um eine Ausbildung in Deutschland zu machen. Diese neuen Regelungen haben für Drittstaatenangehörige eine Tür geöffnet. Zwar sind die Anforderungen für die Visumsvergabe wie anerkannte Schulabschlüsse, Sprachkenntnisse oder der Nachweis spezieller Ausbildungen zum Teil sehr hoch, aber trotzdem, sie vermitteln vielen jungen Menschen die Botschaft, dass sie sich durch eigene Anstrengungen einen Weg aus der Perspektivlosigkeit ihrer Herkunftsländer ebnen können. Ich habe erlebt, wie hart junge Menschen für diese Chance arbeiten. Das berührt mich sehr.

Deshalb wünsche ich mir, dass diese Regelungen möglichst nicht im Rahmen der Flüchtlingspolitik eingeschränkt werden, sondern ein dauerhaftes Angebot der legalen Migration für Drittstaatenangehörige bleiben.

Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die jungen Menschen auf diesem Weg sowohl im Herkunftsland als auch im Zielland Deutschland eine gute Information, Beratung und Unterstützung erhalten. Auch mit guten Ausbildungsprogrammen oder Vermittlungsstrukturen könnten wir helfen.

Wie passen Migration und Entwicklung zusammen?

Junge Menschen begegnen ihrer individuellen Perspektivlosigkeit im Herkunftsland, indem sie sich als Fachkraft oder als Azubi auf den Weg machen. Das ist ihr Recht. Natürlich bekämpft das nicht die Migrationsursachen. Dafür braucht es viel mehr, zum Beispiel eine entwicklungsorientierte faire Wirtschaftspolitik oder für Osteuropa einen Marshall-Plan, also sehr umfassende Änderungen in der Politik, die weit über die Einflussmöglichkeiten einzelner Akteure hinausgehen. Beides hat seine Wichtigkeit. Wir sollten nicht das eine mit dem anderen vermischen. Migrantinnen und Migranten verlassen ihr Land, weil sie nicht (mehr) an eine Veränderung glauben. Akteure einer Veränderung sind eher die Daheimbleibenden – oder wie mir einige junge Frauen in Galatz in Rumänien auf die Frage, ob sie auch auswandern wollten, sagten: Wir sind die Optimisten, wir glauben noch daran, dass wir hier etwas verändern können.


2. Bild: Begrüßung der Ausbildungsgruppe aus dem Kosovo durch OKR Dieter Kaufmann; © DW der ev. Kirche in Württemberg e.V.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Weitere Informationen:

Johannes Flothow ist Referent für die Internationale Diakonie. Er leitet das Projekt »Ausbildung von Kosovarinnen zu Altenpflegefachkräften« in der Diakonie Baden-Württemberg. Außerdem ist er dort Geschäftsführer der Aktion Hoffnung für Osteuropa. Die Aktion Hoffnung für ­Osteuropa unterstützt insbesondere Projekte für besonders benachteiligte Menschen, z.B. vertriebene Roma und Rückkehrer*innen in Serbien.
Kontakt: Flothow.J@diakonie-wuerttemberg.de

Johannes Brandstäter ist Referent für migrationspolitische Grundsatzfragen im Zentrum Migration und Soziales der Diakonie Deutschland. Er ist Mitglied im ÖVA.
Kontakt: johannes.brandstaeter@diakonie.de

Sowohl Herr Flothow als auch Herr Brandstäter können für Veranstaltungen im Rahmen der IKW angefragt werden.