Türen öffnen! Junge Muslime als Partner – FÜR Dialog und Kooperation! GEGEN Diskriminierung!

 
Sara Sanhit von der Muslimischen Jugend in Dtl stellt auf der Auftaktveranstaltung von Junge Muslime als Partner ihren Verband vor. © Karsten Socher/aej

Seit Jahren ist »der Islam« medial omnipräsent. Ihm werden Dossiers gewidmet, Leitartikel, Talkshows und auch die Nachrichten enthalten nahezu täglich Verweise auf die Religion. Dabei dient ein monolithisch gedachter Islam oft als Erklärungsmuster für soziale Strukturen oder Ereignisse, die mit der Religion auch bei näherer Betrachtung nichts gemein haben. Als kulturelle Folie dient der Referenzrahmen der Religion dazu, zu erklären, was nicht verstanden wird – zuletzt geschehen im Anschluss an die Ereignisse der Silvesternacht 2015 am Kölner Hauptbahnhof und andernorts.

Im Zuge der wachsenden Besorgnis über die abscheulichen sexuellen Übergriffe auf Frauen ließ sich eine Entwicklung der Diskussion in den Medien beobachten, die ausgehend von einer rassistischen Kategorisierung der Tätergruppe in einer Markierung der Täter als Muslime mündete. Obwohl das islamische Alkoholverbot als hinreichend bekannt vorausgesetzt werden dürfte, konnte eine Gruppe stark angetrunkener Männer in diesem Diskurs problemlos als muslimisch markiert werden, da der »Islam« häufig nur noch als kultur-­rassistische Chiffre dient. Denn auch wenn Muslime sich in ihrer Lebenspraxis gegen das Alkoholverbot entscheiden könnten, überrascht doch, dass die ihnen unterstellte Herkunftsregion mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung genügt, um die Religionszugehörigkeit als Ursache des übergriffigen Verhaltens auszumachen.

Was nach wie vor fehlt ist die Einsicht, dass Muslime ein integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind. Sie sind es schon lange und werden doch medial auf Themen wie Terror im Namen des Islams und Integrationsdefizite zurückgeworfen. Dadurch wird der Blick auf die muslimische Mitte verstellt, die schlicht als legitimer Teil der Bevölkerung anerkannt werden möchte.

Dass muslimischen Interessensorganisationen diese Anerkennung bisher erschwert wird, zeigt ein Blick auf die Strukturen: Muslimische Dachverbände kämpfen in manchen Bundesländern nach wie vor um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft und damit Körperschaft des öffentlichen Rechts. Und obwohl in Bezug auf islamischen Religionsunterricht an Schulen große Erfolge erzielt wurden, ist ein ­flächendeckendes Angebot noch lange nicht erreicht. Erste Schritte in Richtung der Gründung eines oder mehrerer muslimischer Wohlfahrtsverbände wurden getan und sind wichtig – aber alleine die Frage der erschwerten Arbeitsmarktintegration von Kopftuch tragenden Frauen verdeutlicht die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen.

Auch innerhalb jugendverbandlicher Strukturen sind Muslime nicht hinreichend vertreten; die Mehrheiten in den Stadt- oder Landesjugendringen bilden längst nicht mehr die gesellschaftlichen Realitäten ab. Muslimische Jugendarbeit leistet wie auch nicht-muslimische Jugendverbände einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung junger Menschen, zur Einübung demokratischer Praxen und zur Stärkung der Selbstwahrnehmung von Jugendlichen als einflussfähige Personen. Der Unterschied zu evangelischer, katholischer oder gewerkschaftlicher Jugendarbeit besteht aber in der Einbindung der spezifischen Glaubenspraxen in die Freizeitangebote, was in ersteren nicht der Fall ist. So ist es in den meisten Jugendverbänden z.B. nicht selbstverständlich, Gebets- oder Waschräume bereitzuhalten, auf Schweinefleisch zu verzichten oder auch geschlechtsspezifische Angebote durchzuführen.

Bisher dienen muslimische Interessensorganisationen in der Regel nur dann als Ansprechpartner für Medien, Verbände oder Politik, wenn von »dem ­Islam« die Rede ist oder Radikalisierungsprävention geleistet werden soll. Muslimische Organisationen hätten jedoch mehr zu sagen und die Interessen ihrer Mitglieder in alle anderen gesellschaftlich relevanten Diskurse einzubringen, sofern sie entsprechend einbezogen würden. Mit Hinblick auf die interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit hat u.a. der Deutsche Bundesjugendring in den vergangenen Jahren Pionierarbeit geleistet und einiges erreicht. Das weitere Ziel muss jedoch in der selbstverständlichen Zusammenarbeit zwischen muslimischen und anderen Jugendverbänden in den Jugendringen und darüber hinaus liegen. Um das zu erreichen, müssen die Strukturen der muslimischen Jugendverbände gestärkt werden – nicht zuletzt durch den politischen Willen, sie durch (Regel-) Förderung in den Rang hauptamtlich arbeitender Verbände zu heben. Diesen Dialog auf Augenhöhe in greifbare Nähe zu holen ist das Ziel von »Junge Muslime als Partner«, einem Kooperationsprojekt zwischen der Arbeits­gemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej), dem Bund der muslimischen Jugend (BDMJ), der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD) und dem Verband der islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ), das im Rahmen des BMFSFJ-Bundesprogramms »Demokratie leben!« gefördert wird.

 
Materialheft:
Gliederung 2016
Autorin:
Onna Bucholt
Weitere Informationen:

Onna Buchholt ist Leiterin des Projektes: Junge Muslime als Partner – FÜR Dialog und Kooperation! GEGEN Diskriminierung!

Kontakt: bu@aej-online.de

Die Autorin kann für Veranstaltungen im Rahmen der IKW angefragt werden.