Interreligiöses Zusammenleben – Handlungsmöglichkeiten aus kirchlicher Sicht

 
Christlich-muslimische Begegnung in der Citykirche Mönchengladbach: "Der Tisch des Dialogs". Foto: Andreas Jütten

Die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland ist auch eine multireligiöse Gesellschaft. Nicht mehr nur in den Ballungszentren und großen Städten leben heute Menschen unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Beheimatung Tür an Tür. Die Förderung eines guten Zusammenlebens und der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Religionen ist für die christlichen Kirchen daher ein wichtiger Auftrag. Aber wie kann ein respektvolles Miteinander und eine wertschätzende interreligiöse Begegnung gelingen?

Die eigene Haltung

Die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen eines guten interreligiösen Miteinanders ist eine Haltung, die von Respekt und Interesse am Anderen geprägt ist. Wer die Veränderung der Gesellschaft zu einer multikulturellen und multireligiösen ablehnt oder als Bedrohung empfindet, wird den Anderen auch nur als »Problemfall« oder bedrohlich wahrnehmen. Die aus kirchlicher Sicht geforderte Haltung eines Interesses am Anderen ist nicht strategisch begründet. Vielmehr will man wirklich wissen, wie es dem Anderen geht, was und wie er denkt und fühlt, was seine Freuden und Hoffnungen, seine Ängste und Sorgen sind.

Wie ist meine Haltung gegenüber der religiösen Vielfalt? Fühle ich mich verunsichert oder gar bedroht? Ist meine Haltung von einem wirklichen Interesse geprägt?

Wahrnehmen der Vielfalt

Das Interesse am Anderen bezieht sich auch auf seine konkrete Lebenssituation und die Frage, mit wem man im Stadtviertel zusammenlebt. Wie zeigt sich die multikulturelle und multireligiöse Situation im eigenen Lebensumfeld, in der Stadt oder im Dorf? Vor jeder Aktion steht die Erkundung der vielfältigen Weisen kulturellen und religiösen Lebens vor Ort.

Welche Religionen und religiösen Gemeinschaften sind in unserer Stadt / an unserem Wohnort anzutreffen?

Informieren

Das Wissen um die Religionen in ihren tragenden Überzeugungen, ihren religiösen Vorzügen in Festen und Feiern sowie ihrer Alltagspraxis ist zum Verstehen des Anderen hilfreich. Der Erwerb von Wissen kann durch geeignete Veröffentlichungen, durch Vorträge oder Seminare und durch Begegnung erfolgen.

Was weiß ich von der Religion und dem Glauben des Anderen?

Begegnungen suchen und fördern

Erkundung der religiösen Vielfalt sollte sich nicht allein auf das Studium des Stadtplanes beschränken, sondern Wege der Begegnung suchen. Kontaktaufnahme mit Moschee- und Synagogengemeinden dienen der Klärung von Erwartungen sowie der Absprache von Begegnungen. Ziel sollte es sein, Wege zu ebnen und Menschen zu ermutigen, die sich alleine vielleicht keine Begegnungen im interreligiösen Kontext zutrauen.

Welche religiöse Gemeinschaft in meiner Nachbarschaft kenne ich nicht? Wem möchte ich gerne begegnen? Was sind erste Schritte zur Begegnung?

Orte der Begegnung im Alltag

Begegnungen finden oft schon im Alltag statt. Für ein Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft sind solche Begegnungen im Stadtviertel, im Kontext von Kindergärten und Schulen wichtig. Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft wird es sein, Kindergärten und Schulen gezielt als Orte interkulturellen und interreligiösen Lernens zu gestalten. In Kooperation mit Erzieherinnen und Erziehern, mit Lehrerinnen und Lehrern können sie zu Lernorten – nicht nur für Kinder und Jugendliche – gestaltet werden.

An welchen Orten im Alltag begegnen mir Menschen anderer religiöser Beheimatung? Können diese Orte auch zu Orten der Begegnung und des (Kennen-) Lernens werden?

Sich gegenseitig besuchen

Begegnung sollte nicht nur einseitig stattfinden. Oft besuchen Gruppen aus Kirchengemeinden Moscheen am eigenen Wohnort, seltener kommt es zu Gegenbesuchen. Zu einem gelungenen Zusammenleben gehören auch Einladungen in die »eigene Welt«. Darin erweist sich Gastfreundschaft. Solche Besuche sollte man im Vorfeld absprechen und die Modalitäten klären, etwa bezüglich der Bewirtung mit Speisen und Getränken.

Wie können wir uns als Gemeinschaft oder als Einzelne Anderen gegenüber als gastfreundlich erweisen? Wohin können wir einladen? Wie überbringen wir die Einladung und wie bereiten wir uns vor?

Gemeinsam essen

Das gemeinsame Essen ist ein erfahrbarer Ausdruck guten Zusammenseins. Hier lernt sich die Tischgemeinschaft in einer anderen Weise als bei Besuchen von Gebetsstätten oder Seminaren kennen. Muslime laden Partner oft zum abendlichen Fastenbrechen gegen Ende des Ramadans ein. Eine gute Möglichkeit der Begegnung ist auch ein gemeinsames Essen außerhalb des Ramadans. Dies beginnt bereits mit der gemeinsamen Planung des Ablaufs, eventuell auch des Einkaufs und der Zubereitung. Zu wissen, was dem Anderen schmeckt, aber auch einmal Ungewohntes zu probieren, erweitert den Horizont.

Mit wem könnte ein gemeinsames Essen geplant werden? Wie sehen die Vorbereitungen aus? Wer sollte einbezogen, wer eingeladen werden?

Aufmerksamkeit schenken

Ein Ausdruck der Aufmerksamkeit ist das Grüßen auf der Straße. Es zeigt, ich nehme Dich wahr und wünsche dir einen guten Tag. Jemanden einen guten Tag wünschen bedeutet, ihn willkommen zu heißen. Grüße werden aber auch zu persönlichen Festen, wie auch zu religiösen Festen ausgetauscht. Grüße an Juden zu ihrem Neujahrsfest, an Muslime zum Ramadan oder Opferfest und an Christen zu Weihnachten und Ostern sind Zeichen der wohlwollenden Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit kann allerdings tiefer gehen, wenn sie auch den Freuden und Sorgen des Anderen gilt. Aufmerksamkeit ist keine Technik, sondern eine Haltung.

Begegne ich und begegnet unsere Gemeinschaft den Menschen auch im interreligiösen Bereich mit Aufmerksamkeit? Worin zeigt sich diese?

Kompetenz erwerben

In der Gestaltung des interkulturellen und interreligiösen Zusammenlebens können unterschiedliche Kompetenzen erworben werden. Dies ist besonders für Verantwortliche in Einrichtungen von Bedeutung, die tagtäglich das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung und unterschiedlicher religiöser Beheimatung gestalten müssen wie zum Beispiel in Kindergärten, Schulen und Jugendzentren. Es ist hilfreich, Fortbildungen zu besuchen oder zu planen, die im interreligiösen Bereich Haltungs-, Wissens- und Handlungskompetenz vermitteln. Aber auch für ehrenamtlich Tätige in Organisationen, Verbänden und Gemeinden kann eine Schulung der interreligiösen und interkulturellen Kompetenz sehr förderlich sein.

Welche Kompetenzen besitze ich bereits? Was möchte ich lernen? Was ist zur Gestaltung des interreligiösen Zusammenlebens vor Ort dienlich?

Bei Fehlschlägen neu beginnen

Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Biographie und religiös-weltanschaulicher Verwurzelung wird nicht immer konfliktfrei gelingen. Konflikte und Rückschläge gehören zu den Erfahrungen des Zusammenlebens. Konflikte sind nicht unbedingt negativ, sondern enthalten – im guten Umgang – ein kreatives Lernpotential. Diffamierung, Verleumdung und Hetze dagegen sind Wege zur Polarisierung und zu Gewalt, nicht zur Lösung von Problemen.

Wer in der Gestaltung von Begegnungen und Dialogen scheitert, sollte nach einer Phase der – auch selbstkritischen – Reflexion neu beginnen. Die Tugenden der Beharrlichkeit und der Geduld gehören zum Dialog.

Erleben wir im interreligiösen Zusammenleben und bei Begegnungen Konflikte? Wie gehe ich / gehen wir damit um? Was ermutigt uns in der Gestaltung des Zusammenlebens und der Begegnung?

 
Materialheft:
Gliederung 2012
Autor:
Werner Höbsch
Weitere Informationen:

Werner Höbsch ist Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
Werner Höbsch
Erzbistum Köln
Leiter des Referates Dialog und Verkündigung im Erbzbistum Köln
An Groß St. Martin 10
50667 Köln
werner.hoebsch@erzbistum-koeln.de