Häusliche Gewalt

 
Rundfunkandacht
Foto: Nicole Kohlhepp; © 2011 Gemeinnützige MEDIENHAUS GmbH, Frankfurt/M.

Anna lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Sie ist Kroatin. Ihr Aufenthaltsstatus erlaubt ihr nicht hier zu arbeiten. Aber wie viele andere Frauen in einer ähnlichen Lage arbeitet auch Anna, an vielen verschiedenen Orten. Von morgens bis abends putzt und bügelt sie in Privathaushalten. Nicht immer wird sie gut behandelt. Ihre rechtliche Lage macht sie abhängig vom Wohlwollen anderer. Sie ist klein, mager und doch voller Energie. »Ich habe zwar nicht viel, aber ich bin frei!«, sagt sie sich und anderen oft.

Die Freiheit ist ein winziger Bereich in ihrem Leben, den sie sich mühsam erkämpft hat. Sie kennt es schon lange gedemütigt und verletzt zu werden. In Kroatien hatte sie ihre Mutter gepflegt. Nach deren Tod ging sie nach Deutschland. Am Anfang suchte sie nach einem Lebenspartner. Sie fand Männer, die in einer ähnlichen Situation wie sie waren. Waren sie erst einmal bei ihr eingezogen, forderten sie nur noch: Geld verdienen, kochen und waschen. Meistens verspielten oder vertranken sie das Geld. Wenn sie ihnen die finanzielle

Unterstützung verweigerte, bedrohten sie sie und wurden tätlich. Irgendwann tauchte ihr Bruder auf, auch er brauchte Geld. Anfangs unterstützte Anna ihn, schließlich hat er zwei kleine Kinder. Auch der Bruder bedroht Anna. Wenn sie sich ihm widersetzt, schlägt er zu. Anna hat oft Blutergüsse von diesen Schlägen.

Vieles, was Anna erlebt, bleibt im Dunkeln, denn mit wem sollte sie darüber reden? Ihr Leben hier steht auf einer dünnen Eisdecke. Sie hat Angst, ihren Bruder in die Schranken zu weisen, denn er hat ein Pfand in der Hand. Täglich kann er sie verraten wegen ihrer fehlenden Arbeitserlaubnis und ihrer ständigen Anwesenheit in Deutschland. Die meisten deutschen Frauen leben anders, sie sind hier zuhause. Sie wissen, was ihre Rechte sind, und wo sie sich Unterstützung holen können. Sie sind keine Schattengestalten wie Anna, sondern selbstbewusste Staatsbürgerinnen.

Irgendwann hat Anna sich entschieden: Einige ihrer Träume werden sich nie erfüllen. Einen Ehemann und eine eigene Familie wird sie nicht haben können. Aber sie hat einen Ort in ihrem Leben, an dem ihre Sehnsucht leben kann, an dem sie sie selbst ist. Dieser Ort ist ihr Glaube. Der Sonntag ist für sie deshalb der Höhepunkt der Woche. Jeden Sonntag zieht sie sich etwas Besonderes an und geht in die kroatische Messe. »Da ist es schön«, sagt sie mit fast zärtlicher Stimme, »vor allem, wenn wir singen!« Anschließend lädt sie ihre Freundin zu einem Capuccino ein. Einmal in der Woche ist sie nicht das Objekt der Verhältnisse, sondern das Subjekt. Sie wird von ihrem Gott gesehen – mit gütigem Blick. Einmal in der Woche kämpft sie nicht, sondern schenkt: Einen Capuccino. Darum findet sie die Kraft zu sagen: »Ich bin frei!«

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autorin:
Pfarrerin Dr. Ursula Schoen
Weitere Informationen:

■ Diese Rundfunkandacht wurde als »Zuspruch« in hr2 im Juni 2012 gehalten.

■ Pfarrerin Dr. Ursula Schoen ist Dekanin in Frankfurt-Mitte-Ost.

■ Kontakt: Dr. Ursula Schoen; us@ev-dekanat-ffm.de