Wer offen ist, kann mehr erleben: Assoziationen zum Motto

 
Auftakt zur IKW 2012 in Potsdam: AG der Schülerkonferenz; © Wolgang Beier, Postdam

1. DAS MOTTO
Das Motto propagiert Offenheit. Man fragt sich sofort: Offenheit wofür? Und: Wer ist so verschlossen, dass ihm Öff­nung gut täte? Das Plakat mit der Back­steinwand, in die jemand ein großes Loch geschlagen hat, gibt die Antwort. Es geht um eine Öffnung der Köpfe, ge­gen rassistische Weltbilder.

Rassismus entsteht im Kopf, in der Tat. Wer nicht so ist wie wir, der ist minder­wertig. Das ist der Grundsatz des Ras­sisten. Wer eine andere Hautfarbe hat, wer aus einem anderen Volk stammt, wer anders aussieht als wir, der ist nicht wert, als Mensch behandelt zu wer­den. Unsere Rasse ist die einzig wahre, wir haben das Recht zu herrschen, die Anderen sind geboren, um Sklaven zu sein.

Die Angst vor dem Fremden ist ein Gefühl, das zum Menschsein dazuge­hört. Jedes Kind hat eine Zeit, in der es »fremdelt«, wie es im Deutschen so schön heißt. Der bloße Anblick eines fremden Menschen genügt, und das Kind gerät in Panik. Vertrauen hat es nur in die, die es kennt: Mama, Papa, die Geschwister.

Rassismus ist Fremdeln unter Erwach­senen. Er ist ein untrügliches Zeichen einer unreifen Kultur, die noch nicht ge­lernt hat, was jedes Kind in den ersten Jahren lernt: Dass auch Fremde freund­liche Menschen sein können, dass ich auch Anderen vertrauen kann.

In Deutschland haben wir seit dem Ende des Krieges eine Rechtsordnung, die den Rassismus entschlossen hinter sich lässt. »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich«, heißt es in Artikel 3 unseres Grundgesetzes. »Niemand darf wegen seiner Rasse benachteiligt oder bevorzugt werden.« Damit ist nach vielen Irrungen der europäischen Ge­schichte und den Gräueltaten der Nazi­zeit zu geltendem Recht geworden, was Jesus seine Anhänger mit der Geschich­te vom barmherzigen Samaritaner ge­lehrt hat: Wir Menschen sind unter ­einander »Nächste«, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe und Religion (Lk 10,29–37).

2. BIBLISCHE ASSOZIATIONEN
2.1. Barbaren in der Bibel
Wenig ist nötig, damit eine rassistische Weltsicht entstehen kann. Schon die Antike kannte Rassismus bzw. »Proto-Rassismus«, wie Benjamin Isaac die frü­hen Formen des Rassismus genannt hat (The invention of racism in classical antiquity, Princeton 2004).

Spuren der Entstehung eines protorassistischen Weltbilds finden sich auch in der Bibel. Einer der Begriffe, die im Zentrum des antiken Rassismus stehen, ist der Begriff des »Barbaren« (grie­chisch bárbaros). Der lautmalerische Begriff bezeichnet in seiner Grundbe­deutung den nicht Griechisch sprechen­den Mann, von daher den »Nicht-Grie­chen«, den »Eingeborenen«, den Frem­den, Unzivilisierten, Wilden.

In der Bibel steht das Wort dreizehn Mal, zwei Mal in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, fünf Mal in den Makkabäerbüchern und sechs Mal im Neuen Testament (Apg 28,2.4; Röm 1,14; 1Kor 14,11 [2x]; Kol 3,11).

Besonders interessant sind die beiden Texte in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments. Ps 114,1 ver ­wendet das Wort in seiner neutralen Grundbedeutung, als Bezeichnung für ein Volk, das eine für Hebräer un ver ­ständliche Sprache spricht (das »stam­melnde Volk«, Buber/Rosenzweig; heb­räisch am loez, Luther: das »fremde« Volk). Die griechische Übersetzung von Ez 21,36 hingegen sagt »barbarisch«, wo in der hebräischen Bibel von »dum­men«, »rohen« (Luther), »viehischen« Männern die Rede ist (Buber/Rosen­zweig; hebräisch anaschim boarim; vgl. 2Makk 4,25; 5,22; 10,4, wo »barba­risch« die Bedeutung »wild« hat).

Kombiniert man beide Bedeutungen, ist es nur ein kleiner Schritt hin zu einem proto-rassistischen Weltbild: Das Volk, das eine fremde Sprache spricht, ist ein wildes, ein unzivilisiertes Volk, es ist dumm und roh, kein Kulturvolk wie wir. Wohlgemerkt: das Alte Testament ist weit davon entfernt, diesen Schluss zu ziehen. Aber sein griechischer Text ist ein Zeuge der allgemeinen Entwick­lung, die zu solchen Weltbildern ge­führt hat.

Von den neutestamentlichen Texten ist Kol 3,11 der wichtigste. Der Verfasser erweitert hier die aus Gal 3,28 und 1Kor 12,13 bekannte Liste der in Christus aufgehobenen Konstruktio­nen des Anderen um den »Barbaren«: »Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche (bárbaros), Skythe, Skla­ve, Freier, sondern alles und in allen Christus« (Luther). Mit heutigen Wor­ten formuliert und um die Mann/Frau-Opposition aus Gal 3 ergänzt: Da ist nicht mehr Migrant oder Deutscher, nicht Geisttaufe oder Wassertaufe, nicht Ausländer, nicht Schwarzer, nicht Ille­galer oder Staatsbürger, nicht Mann und Frau, sondern alles und in allen Christus. In der Kirche und einer von ihr gestalteten Gesellschaft hat Rassis­mus keinen Platz.

2.2. Die Proprien des Sonntags
Der vorgeschlagene Termin für die Er­öffnung der Interkulturellen Woche ist Sonntag, der 22. September 2013, nach evangelischer Ordnung der 17. Sonn­tag nach Trinitatis, nach katholischer Ordnung der 25. Sonntag im Jahres-kreis.

Der Zufall will es, dass das Evangelium des evangelischen Sonntags eine Ge­schichte erzählt, die aufs engste mit dem Thema der Interkulturellen Woche zusammenhängt. Es ist die Geschichte von der Begegnung Jesu mit der kanaa­näischen Frau.

Mt 15,21–28
Jesus trifft in der Gegend von Tyrus und Sidon eine kanaanäische Frau. Als Jude will er mit ihr, die nicht zum Haus Israel gehört, nichts zu tun haben. Als sie ihn anfleht, ihr dennoch zu helfen, wehrt er sie mit harten Worten ab: »Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.« Dann aber, als die Frau sich durch seine Ablehnung nicht beein ­drucken lässt, hilft er ihr.

Der Text formuliert unverblümt, wie man in der Antike oftmals über Auslän­der dachte. Sie sind wie die Tiere, »bes ­tialische« Wesen, kaum wert, »Men­schen« genannt zu werden. Auch Jesus scheint diese Meinung anfangs zu tei­len, und er wirft der Frau seinen belei­digenden Satz hart an den Kopf. Dann aber besinnt er sich eines Besseren und lässt sich auf die fremde Frau ein.

Dieser Sinneswandel wird zum Impuls für eine grundsätzliche Neuausrich­tung, weg von der Beschränkung auf das Haus Israel (Mt 10,5–6; 15,24), hin zu allen Menschen. Am Ende des Matthäusevangeliums entsteht daraus der Auftrag, der für das entstehende Christentum konstitutiv geworden ist: Die Lehre Jesu und die Taufe auf seinen Namen sollen den nicht-jüdischen Völ­kern nicht vorenthalten werden. »Grie­chen«, »Barbaren«, »Heiden«, vorgeb­lich bestialische Kanaanäer – sie alle können von nun an Jüngerinnen und JüngerJesu werden (Mt28,19–20; dazu W. Reinbold, Zeitschrift für Theologie und Kirche 109, 2012, 176 - 205).

Im Licht der Interkulturellen Woche gelesen, klingt Mt 15,21–28 wie ein Kommentar zu ihrem Motto. »Wer offen ist, kann mehr erleben«: Er wird mit Menschen zu tun haben, die er bisher gemieden hat, wird andere Ge­schichten hören, neue Perspektiven ent­decken. Wer offen ist für die, die übli­cherweise als »die Anderen« gelten, wird viel von ihnen lernen, auch über sich selbst. Nicht zuletzt wird er und sie besser verstehen, was es heißt, dass Gott den Menschen zu seinem Bilde geschaffen hat (1. Mose 1,27): Gott schafft nicht Juden oder Griechen oder Deutsche, sondern den einen Men­schen, zum Bilde Gottes, als Mann und Frau.

Auch zwei der nach evangelischer Ord­nung vorgesehenen Episteln lassen sich vorzüglich mit dem Thema der Inter­kulturellen Woche verbinden.

Röm 10,9–13
Vier mal hintereinander sagt Paulus wuchtig »jeder«, »alle«(griechisch pas/ pántes). Jeder, der an Christus glaubt, wird nicht zugrunde gehen. Es ist kein Unterschied zwischen Juden und Grie­chen. Christus ist Herr über alle, reich für alle, die ihn anrufen. Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.

Für diejenigen, die seinerzeit den Ge­gensatz zwischen »uns« und »den An­deren« aufrechterhalten wollten, waren die Worte des Apostels höchst anstö­ßig. Das ist heute, wo der Gegensatz Jude/Grieche in der Kirche keine Rolle mehr spielt, nur über Umwege nach ­zuvollziehen. Bezieht man die Worte hingegen auf die Integrationsdebatte, ist das Anstößige sofort wieder da: Es ist hier kein Unterschied zwischen den eingeborenen und den eingebürger­ten Deutschen, zwischen den Deutsch-Deutschen und den Türkisch-Deut­schen, Russisch-Deutschen, Persisch-Deutschen (um mit neuen Begriffen zu sprechen, die analog dem amerikani­schen Italo-American gebildet sind). Es ist eine Verfassung für alle, die gilt, das deutsche Grundgesetz. Wer sie für eine gute Grundlage hält, soll seine Talente hierzulande frei entfalten dürfen.

Eph 4,1–6
Die Evangelische Kirche in Deutsch­land hat das Jahr 2013 zum »Jahr der Toleranz« erklärt, auf dem Weg hin zum Reformationsjubiläum 2017. Eph 4,2 formuliert einen der Grundsätze der Toleranz: Ertragt einer den andern in Liebe!

Die Mahnung des Verfassers gilt zu­nächst einmal innerhalb der Kirche, dann aber auch für das Verhalten nach außen. Christinnen und Christen bil­den keine geschlossene Gesellschaft, die sich in ihren Üblichkeiten verbarrika­diert. Sie bestehen nicht darauf, dass alle so sein müssen wie sie. Sie achten die Verschiedenheit (sofern sie ihrer­seits für Toleranz eintritt). Christen und Christinnen setzen sich ein für ein res­pektvolles Miteinander, gegen Rassis­mus, Antisemitismus und die Herabset­zung des Fremden.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autor:
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold
Weitere Informationen:

■ Prof. Dr. Wolfgang Reinbold ist Beauftragter für Kirche und Islam im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch­-lutherischen Landeskirche Hannovers.

■ Kontakt: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold;
reinbold@kirchliche-dienste.de