Aktiv gegen Rechts: Aktionstag für Migration und Integration

 
Die Gewerkschaften und der Arbeitgeberverband riefen im Februar 2012 gemeinsam zu einer bundesweiten Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer rechtsextremer Gewalt auf. Hier zu sehen: Jugendliche der EVG am Berliner Hauptbahnhof.

Die aktuelle Krise Europas birgt viele Gefahren. Nicht die geringsten unter ihnen sind das Wiederaufleben gegenseitiger Vorurteile und damit verbunden das Wiedererstarken des rechten politischen Randes. Die Wahlerfolge rechter Parteien in Griechenland, Frankreich und Ungarn zeigen es.

Und in Deutschland selbst? Die NPD hat bisher, zum Glück, nicht von der Krise profitieren können. Doch die Mordserie der Zwickauer Terrorzelle hat ein Ausmaß an rechtsextremer Gesinnung gezeigt, die wir in Deutschland längst überwunden glaubten. Aber nicht nur das: Sie hat auch gezeigt, mit welchen Vorurteilen  Sicherheitsbehörden dem Thema Rechtsextremismus begegnen. »Morde an Immigranten? Das kann nur die Türkenmafia gewesen sein. …«

Insofern sind die Taten des NSU auch eine Herausforderung an uns alle. Mit ihnen stellt sich insgesamt die Frage: Wie immun ist unsere Gesellschaft eigentlich
gegen rassistische und antisemitische Einstellungen heute? Aber auch: Wie kann eine gewerkschaftspolitische Strategie dazu beitragen, Lösungen gegen Rechtsextremismus zu finden?

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft hat im Jahr 2012 erstmals einen bundesweiten Aktionstag Integration und Migration durchgeführt. Unser Ziel: Einen Tag lang sollte das Thema für unsere ganze Organisation im Mittelpunkt stehen. Dabei ging es um Fragen der Migration und Integration, Fragen nach gerechter  Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Dabei haben wir die konkrete Ausgestaltung bewusst unseren Gliederungen vor Ort überlassen.

Die ersten Rückmeldungen aus der Organisation auf diesen Aktionstag waren ganz ehrlich gemeint und lauteten: »Wir haben hier keine Mitglieder mit Migrationshintergrund. Von wem soll dieser Aktionstag besucht werden?« Es war die klassische Vorstellung »Was haben Mitglieder ohne Migrationshintergrund mit dem Thema zu tun?« Eher zögerlich bekamen wir Rückmeldungen über geplante Aktionen. Was unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort dann aber am  Aktionstag selbst auf die Beine stellten, war beachtlich. In mehrfacher Hinsicht: von beachtlicher Kreativität und von beachtlicher Vielfalt.In Essen z.B. organisierte  die EVG Geschäftsstelle unter dem Motto »Du bist anders, na und!« eine Aktion auf dem Gelände der »Ditib Fatih Moschee«. Der Landesbezirk Thüringen lud zu einem Gesprächsforum unter dem Motto »Fremd ist der Fremde nur in der Fremde «, in denen das tägliche Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft
im betrieblichen Alltag im Mittelpunkt stand. In der EVG Geschäftsstelle Hamburg wurde hingegen eine Ausstellung »Grenzenlose Liebe – binationale Paare in Hamburg« eröffnet. 19 Bilder mit unterschiedlichen binationalen Paaren aus der Hansestadt wurden in der Geschäftsstelle gezeigt.

Dieser Aktionstag war für uns ein Auftakt zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Thematik. Fast 16 Millionen Migranten bzw. Deutsche ausländischer Herkunft leben heute in Deutschland, viele von ihnen in zweiter oder dritter Generation. Längst hat sich Deutschland, ohne sich formell dazu zu bekennen, zu einem Einwanderungsland entwickelt. In Betrieben und im Wohnquartier ist das Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft alltägliche Praxis – aber durch sprachliche Barrieren, Vorurteile und mangelndes Wissen übereinander ist dieses Miteinander nicht frei von Spannungen.

Und auch heute werden wieder für eine Reihe von Branchen gezielt Arbeitskräfte im Ausland gesucht, die Bundesagentur für Arbeit schlägt eine gesteuerte Zuwanderung vor. Dafür, so die BA, sei eine »Willkommenskultur« erforderlich  – was nichts anderes ist als eine poetisch angehauchte Umschreibung für ein Integrationskonzept. Wir müssen uns darüber verständigen, was wir von den Immigranten erwarten dürfen – und was die Gesellschaft leisten muss, damit Integration gelingen kann. Die EVG ist bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autor:
Alexander Kirchner
Weitere Informationen:

■ Aus: »Forum Migration, August 2012«, DGB Bildungswerk Bund (Hrsg.)
■ Alexander Kirchner ist Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sowie Schirmherr »Die Gelbe Hand« 2012/2013.