Schule ohne Rassismus – interreligiös und interkulturell kompetent

 

Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule ist in den Schulgesetzen der Bundesländer verankert. Im Schulgesetz NRW beispielsweise werden als allgemeine Bildungs- und Erziehungsziele genannt: »Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken« sowie eine Erziehung »im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Erduldung und zur Achtung vor der Überzeugung des Anderen« (§ 2 NRW-SchulG).

MENSCHENWÜRDE IST KONKRET
Dieser Auftrag ist immer in konkreten Kontexten umzusetzen. Die unantastbare »Würde des Menschen« ist die Würde von Marie und Murat, von Aleksandra und Martin. Unbestreitbar gehört zu den Kontexten einer Schule und eines Kindergartens am Beginn des 21. Jahrhunderts die Pluralität der Kulturen und der  Religionen. Kinder und Jugendliche, nicht nur in den Ballungsgebieten der Städte, erleben diese Vielfalt in ihrem schulischen und außerschulischen Alltag. Die Begegnung mit anderen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen findet folglich nicht mehr zuerst über Lehrbücher, Filme und Literatur statt, sondern in der täglichen Begegnung. Um mit dieser Situation angemessen umgehen zu können, ist interreligiöse und interkulturelle Kompetenz bei Pädagoginnen und Pädagogen gefordert, aber ebenso ein Lernziel für Schülerinnen und Schüler. Die Begegnung von Jugendlichen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Beheimatung bietet reiche Lernmöglichkeiten, die früheren Generationen verschlossen waren, kann aber auch zu Missverständnissen, Konflikten und Auseinandersetzungen führen.

In dieser Situation sind eine Haltungs-, eine Wissens- sowie eine Handlungskompetenz gefordert, um Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen zu Lernorten interkulturellen und interreligiösen Zusammenseins werden zu lassen. Wer interkulturelle und interreligiöse Kompetenz erwartet, muss darin ausbilden. Gute Ansätze für Fort- und Weiterbildungen sowie Modelle interkulturellen Lernens liegen vor, so beispielsweise von Joachim Willems: »Interreligiöse Kompetenz. Theoretische Grundlagen – Konzeptualisierungen – Unterrichtsmethoden«, Wiesbaden 2011. Die oben genannten Bildungs- und Erziehungsziele dürfen nicht an einzelne Fächer wie Politik, Geschichte oder Religion delegiert werden, vielmehr müssen diese Ziele das gesamte schulische Leben bestimmen.

SCHULE OHNE RASSISMUS
So wie Rassismus im gesellschaftlichen Alltag anzutreffen ist, tritt er auch im schulischen Kontext auf. Davor können die Augen nicht verschlossen werden. Diskriminierung und Rassismus an der Schule zu vermeiden oder zu unterbinden, ist eine wichtige, aber auch selbstverständliche Aufgabe. Darüber hinaus muss es ein wesentliches Lernziel für Pädagoginnen und Pädagogen wie auch für Schülerinnen und Schüler sein, die Vielfalt und Verschiedenheit wertzuschätzen und schon im Keim Rassismus und rassistischen Äußerungen entgegenzutreten. Die Initiative »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« hat sich dieses Anliegen zum Ziel gesetzt. Eine Schule, die sich dieser Initiative anschließt, gibt folgende Selbstverpflichtung ab:

»1. Ich werde mich dafür einsetzen, dass es zu einer zentralen Aufgabe einer Schule wird, nachhaltige und langfristige Projekte, Aktivitäten und Initiativen zu entwickeln, um Diskriminierungen, insbesondere Rassismus, zu überwinden.
2.Wenn an meiner Schule Gewalt, diskriminierende Äußerungen oder Handlungen ausgeübt werden, wendeich mich dagegen und setze mich dafür ein, dass wir in einer offenen Auseinandersetzung mit diesem Problem gemeinsam Wege finden, uns zukünftig einander zu achten.
3. Ich setze mich dafür ein, dass an meiner Schule ein Mal pro Jahr ein Projekt zum Thema Diskriminierungen durchgeführt wird, um langfristig gegen jegliche Form von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, vorzugehen.«
Auf der Homepage der Initiative sind zahlreiche Projekte und Ideen dokumentiert, die ausgezeichnete Anregungen für den eigenen Kontext bieten.

DAS FELD NICHT DEN UNGLÜCKSPROPHETEN ÜBERLASSEN
Neben den Konflikten, die mit kultureller und religiöser Verschiedenheit begründet werden (hier wäre noch zu prüfen, ob die kulturellen und religiösen Differenzen wirklich die Ursache für Gewalt sind), liegen sehr positive Erfahrungen mit kultureller und religiösweltanschaulicher Vielfalt im schulischen Kontext vor. Dass es Rassismus und Diskriminierung an Schulen gibt, kann nicht abgestritten werden – sonst wäre die Initiative »Schule ohne Rassismus « ohne Grund, aber strikt zurückgewiesen werden muss die Verbreitung der Aussage, kulturelle Divergenzen führten automatisch zur Gewalt, zurückgewiesen werden muss die Stigmatisierung von Personengruppen oder Stadtteilen als Brutstätten der Gewalt. Manche Talkrunden leben von der Polarisierung und der Diskriminierung von Gruppen; Schwarz-Weiß-Darstellungen im Interkulturellen und Interreligiösen verkaufen sich gut, aber es gilt, diesen Sarrazins nicht weiterhin das Feld zu überlassen und den Unglücksprophezeiungen positive Erfahrungen entgegenzusetzen.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autor:
Werner Höbsch
Weitere Informationen:

■ Werner Höbsch ist Leiter des Referates Dialog und Verkündigung im Erzbistum Köln und Mitglied im ÖVA.
■ Kontakt: werner.hoebsch@erzbistum-koeln.de