Sechs Thesen zum antimuslimischen Rassismus

 
E-Card "Scherenschnitt" zur IKW 2013: Hg.: ÖVA zur IKW

Aktuellen Studien zufolge ist ein Drittel der deutschen Bevölkerung regelrecht feindselig gegenüber Muslimen eingestellt. Dabei sind nicht nur Menschen muslimischen Glaubens, sondern alle, denen aufgrund bestimmter äußerlicher Merkmale, ihrer Herkunft oder Kultur ein islamischer Glaube unterstellt wird, vom verbreiteten antimuslimischen Rassismus betroffen. Um antimuslimischen Rassismus zu begegnen, bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen Debatte und einer breiten Aufklärung.Wir stellen Ihnen deshalb als Grundlage für Diskussionsveranstaltungen im Rahmen der Interkulturellen Woche sechs Thesen zum antimuslimischen Rassismus vor.

ANTIMUSLIMISCHER RASSISMUS IST GESELLSCHAFTSFÄHIG
Bei vielen anderen gruppenbezogenen Ressentiments sorgt eine weitgehend akzeptierte Tabuisierung dafür, dass rassistische Positionen im »geschützten Raum« und selten öffentlich formuliert werden. Im Hinblick auf antimuslimische Ressentiments greift dieser Mechanismus nicht. Sie werden offen, öffentlich und selbstbewusst formuliert. Ihre hohe Akzeptanz in der Mitte der Gesellschaft begünstigt die Anschlussfähigkeit und die Mobilisierungs versuche rechtsextremer und rechtspopulistischer Positionen, Parteien und Bewegungen. Repräsentanten z.B. der sogenannten PRO-Bewegungen und der NPD haben sich in der Vergangenheit immer wieder zu dieser Strategie bekannt.

ANTIMUSLIMISCHER RASSISMUS IST MARKTTAUGLICH
Es gibt eine kritische Masse, ab der ein Mechanismus greift, der die vorhandenen Ressentiments gegen eine Personengruppe quasi perpetuiert. Wenn genügend Abnehmer vorhanden sind, entsteht ein Markt, auf dem die angeblichen Befunde nicht mehr hinterfragt, sondern nur noch quotenträchtig »erörtert« und die Ressentiments damit befördert werden. Diese kritische Masse ist bei antimuslimischen Ressentiments erreicht. Talkshows, in denen gefragt wird »Wie viel Islam verkraftet unsere Gesellschaft?« und Bestseller wie Thilo Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« bedienen diesen Markt, um Quote zu machen und Auflagen zu erzielen.

ANTIMUSLIMISCHER RASSISMUS MACHT DEFENSIV
Bei keiner anderen Erscheinungsform von Rassismus werden die Betroffenen und ihre Unterstützer so leicht in die Argumentationsdefensive gedrängt wie beim antimuslimischen Rassismus. Gewöhnlich brandmarken wir rassistische Äußerungen gegenüber anderen Personengruppen, ohne auf die darin enthaltenen Unterstellungen einzugehen. Bei Muslimen treten wir demgegenüber regelmäßig in ein »Suren-Pingpong« (Navid Kermani) oder in aufreibende Diskussionen ein, um zu erläutern, dass der Islam und die Muslime in Wahrheit nicht so schlimm sind, wie ihnen immer vorgehalten wird. Aus dieser Defensive müssen wir heraustreten und antimuslimischen Rassismus beim Namen nennen.

ANTIMUSLIMISCHER RASSISMUS SICHERT SOZIALE PRIVILEGIEN
Rassismus ist nicht nur Bauchgefühl  oder Angstreaktion, sondern auch ein Mittel zum Zweck. Er legitimiert Diskriminierung und Ausgrenzung und ist eine Strategie zur Sicherung des sozialen Status und von Vorrechten. Es ist kein Zufall, dass antimuslimischer Rassismus parallel zur Sichtbarwerdung des Islams und der Muslime in allen Gesellschafts- und Sozialschichten Konjunktur entfaltet. Andersherum: Wo war der antimuslimische Rassismus als, salopp gesprochen, Muslime noch in Hinterhöfen gebetet und mit Kopftuch geputzt haben?

ANTIMUSLIMISCHER RASSISMUS NÄHRT ANTIMUSLIMISCHE GEWALT
Die Vehemenz, mit der antimuslimische Einstellungen formuliert und verbreitet werden, wird durch die Anonymität der neuen (sozialen) Medien begünstigt. Die hieraus resultierende Brutalisierung der Debatte ist deshalb besonders problematisch, weil es einen Zusammenhang zwischen Wortgewalt und Tatgewalt gibt. Gewaltbereite Rassisten gerieren sich als »Handlungsavantgarde « einer schweigenden Mehrheit und rechtfertigen damit ihre menschenverachtenden Taten. Dieser Zusammenhang zwischen Einstellungsrassismus und gewaltförmigen Rassismus, für den die Morde von Anders Behring Breivik im Juli 2011 exemplarisch sind, wird in der Auseinandersetzung  mit antimuslimischem Rassismus zu wenig gesehen und mitgedacht.

SKEPSIS IST NOCH KEIN RASSISMUS – BEGEGNUNG HILFT!
Es gibt bei Liberalen, Konservativen und in der politischen Linken eine verbreitete Skepsis gegenüber dem Islam und den Muslimen in Deutschland. Angst um die kulturelle Identität der Gesellschaft und Angst vor Terrorismus sowie die Sorge um die Bewahrung emanzipatorischer Errungenschaften und Freiheitsrechte tragen hierzu bei. Diesen Ängsten wird man nicht durch abstraktes Argumentieren, sondern durch die Organisation von Dialog und Begegnung und hierauf fußende Informationsvermittlung gerecht.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autor:
Torsten Jäger
Weitere Informationen:

■ Torsten Jäger ist Geschäftsführer des Interkulturellen Rates in Deutschland.
■ Kontakt: Torsten Jäger; info@interkultureller-rat.de; www.interkultureller-rat.de