Vergiss, dass Deine Kinder schwarz sind. Vergiss nie, dass Deine Kinder schwarz sind.

 

Karen war im Supermarkt, ihre beiden Kinder hatte sie in den Einkaufswagen gesetzt. Plötzlich stürzte eine Frau auf die Kinder zu und rief: »Ach nein, wie süß!
Solche hätte ich auch gerne!«, und zu Karen gewandt: »Und woher kommt der Papa?« Karen fühlte sich völlig überrumpelt und verwirrt. Eigentlich wollte sie nur schnell einkaufen und fühlte sich nicht wach genug, um die Situation angemessen zu erfassen und schlagfertig zu reagieren. Sie wollte die Frau nicht vor den Kopf stoßen, aber sie hatte auch nicht vor, brav zu antworten. Deshalb erwiderte sie auf die Frage nach der Herkunft des Vaters knapp: »aus Deutschland«, und hoffte, so bei der Frau eine Irritation auszu lösen, die sie zum Schweigen und gründlich zum Nachdenken bringen würde. Weit gefehlt. Die Dame ließ nicht locker: »Nein, ich meine, wo er eigentlich herkommt.« Karen wusste nicht, wie sie der Situation ein Ende bereiten sollte, ohne unhöflich und laut zu werden. Sie ist irgendwann einfach weitergegangen und hat sich, ihrem Gefühl nach, mehr oder weniger aus der Situation herausgestohlen. Das Erlebnis ließ sie nicht los. Sie war nicht  zufrieden mit ihrem eigenen Verhalten in dieser Situation. Zwar war sie sich sicher, dass das Verhalten der Frau ganz und gar nicht in Ordnung war, trotzdem stellte
sie sich die bange Frage, ob sie nicht einfach überempfindlich sei und, wie Freunde ihr des Öfteren zu verstehen geben, die Flöhe husten höre. Ihr Gefühl sagte ihr zwar ganz deutlich, dass hier Rassismus im Spiel war, aber was genau an dieser Situation rassistisch war, konnte sie nicht recht benennen. Und überhaupt, wie hätte sie denn besser reagieren können? Schlagfertiger. So, dass es der Frau wie Schuppen von den Augen fällt? So, dass sie ihren Kindern vorlebt, sich zu wehren und sich nicht alles gefallen zu lassen. …

Karens Beispiel ist kein Einzelfall. Fast alle Eltern Schwarzer Kinder können von Distanzlosigkeiten, Übergriffen und dem lähmenden Gefühl des  Überrumpeltwerdens ein Lied singen: Die »süßen Schokobabys«, die spätestens im Pubertätsalter doch nur noch als Sicherheitsrisiko gesehen werden …

Im Alltag binationaler Paare und Familien mit Schwarzen Kindern geht es immer wieder um die Frage, ob eine Bemerkung oder ein bestimmtes Verhalten rassistisch war oder nicht. Und wenn ja, wie reagiere ich und wie beziehe ich Stellung und sorge für mich und meine Kinder/Partner, ohne überzogen zu sein oder zu wirken. Wie schaffe ich es, für meine Kinder Vorbild zu sein und zu bleiben?

Erst im Nachhinein wurde Karen klar, dass sie sich mit ihren eigenen moralischen Ansprüchen zu stark unter Druck gesetzt hat. Die Suche nach der »richtigen « Interpretation und dem »richtigen « Verhalten hat ihr in der konkreten Situation keine Orientierung geboten. Zurück blieb ein ungutes Gefühl von Versagen und Handlungsunfähigkeit […].Viel später erst wurde ihr deutlich, was sie da eigentlich von sich selbst verlangt hatte: Immer die Form wahren und höflich bleiben, mit klarem Sachverstand Rassismus analysieren, der Frau rhetorisch geschickt ein Aha-Erlebnis bescheren und vor allem den Kindern ein Vorbild sein. In der Tat, ein bisschen viel auf einmal für eine übermüdete Mutter von zwei kleinen Kindern, die ihrem wohlverdienten Feierabend entgegenfiebert. Doch wie kann man trotzdem Stellung beziehen und jene, die »es ja nur gut meinen« mit ihrem übergriffigen, rassistischen Verhalten in ihre Schranken verweisen?

Klar, bestimmt und warum nicht auch freundlich, das innere Gefühl von Grenz überschreitung deutlich zu benennen – das hätte wahrscheinlich völlig ausgereicht, der Situation ein Ende zu bereiten, der Distanzlosigkeit zu begegnen, die eigene persönlichen Grenze zu schützen und die übergriffige Frau sich selbst zu überlassen. »Entschuldigung, ich möchte das nicht. Das geht mir zu weit. Wenn Sie bitte so freundlich wären«. Nicht die einzige, aber eine mögliche, verblüffend einfache Lösung, die Karen im Gespräch mit anderen schließlich für sich erschlossen hat.

Entlastung finden betroffene Frauen oder Männer aus binationalen Partnerschaften unter anderem in der Reflexion der Ereignisse mit selbst Betroffenen oder Vertrauten. Das Wissen und die Erfahrung von Beratungsgruppen und dem empathischen Gespräch mit Partnern, Freunden oder Bekannten öffnen den Raum für die Schieflage einer Situation und den alltäglichen diskriminierenden Ereignissen, die unter verschiedenen Deckmäntelchen als harmlos verkauft werden.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autorin:
Claudia Khalifa
Weitere Informationen:

■ Auszug aus der Publikation »Sichtbar anders – aus dem Leben Afrodeutscher Kinder und Jugendlicher« des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.
■ Bestellmöglichkeit und Kontakt: www.verband-binationaler.de
■Der Verlag: Brandes & Apsel Verlag