Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012

 
Die "Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stifung
© Gerhard Mester

Seit Jahren weist die Friedrich-Ebert-Stiftung anhand eindeutiger empirischer Befunde darauf hin, dass rechtsextremes Denken in Deutschland kein »Randproblem«, sondern eines der Mitte der Gesellschaft ist. Die seit 2006 im Zwei jahresrhythmus von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen »Mitte«-Studien« belegen, dass rechtsextreme Haltungen in allen Teilen der Gesellschaft in erheblichem Maße anzutreffen sind. Auch 2012 wurde wieder eine bundesweite repräsentative Befragung durchgeführt: »Die Mitte im Umbruch« ist ein Barometer aktueller antidemokratischer Einstellungen in Deutschland.

RECHTSEXTREME EINSTELLUNGEN BLEIBEN AUF HOHEM NIVEAU
In Deutschland verharren rechtsextreme Einstellungen auf einem hohen Niveau. Während die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur abnimmt, ist Chauvinismus bundesweit bei knapp 20 % der Bevölkerung anzutreffen. Die Ausländerfeindlichkeit ist mit 25,1 % bezogen auf ganz Deutschland die am weitesten verbreitete rechtsextreme Einstellungsdimension. Der Antisemitismus ist bei rund jedem elften Deutschen manifest und findet sich zum ersten Mal bei  Ostdeutschen häufiger als bei Westdeutschen. Schien die Verharmlosung des Nationalsozialismus bisher vor allem ein Problem in Westdeutschland zu sein, ist sie nun ebenfalls im Osten deutlicher ausgeprägt. Dabei finden sich zwischen den Bevölkerungsgruppen differenziert nach Merkmalen wie Alter, Bildungsgrad oder Migrationshintergrund deutliche Unterschiede. Über alle Dimensionen hinweg ist Bildung ein »Schutzfaktor« gegen rechtsextreme Einstellungen:

Personen mit Abitur neigen prozentual deutlich weniger zu rechtsextremem Denken als Personen ohne Abitur. Besonders ausländerfeindlich eingestellt zeigen sich Arbeitslose, und Antisemitismus ist unter Ruheständlern am weitesten verbreitet. Bei den über 60-Jährigen finden sich bundesweit in allen Dimensionen die höchsten Werte.

Bezogen auf ganz Deutschland ist im Vergleich zu 2010 ein Anstieg rechts ex tremen Denkens (geschlossenes rechtsextremes Weltbild) von 8,2 auf 9,0 % zu verzeichnen. Einem moderaten Rück gang in Westdeutschland (von 7,6 auf 7,3 %), steht ein massiver Anstieg in Ostdeutschland (von 10,5 auf 15,8 %) gegenüber.

ZUSTIMMUNG ZUR DEMOKRATIE
Gleichzeitig ist die grundsätzliche Zustimmung zur Demokratie als Staatsform erfreulich hoch (Gesamtdeutschland 94,9 %) und in Ost wie West gegenüber 2010 auch noch gestiegen. Diese Ergebnisse können allerdings nicht wirklich beruhigen, denn das Bild trübt sich ein, fragt man nach der Zu friedenheit mit der Demokratie in der Bundesrepublik, wie sie tatsächlich funktioniert (hier liegt der Wert für Gesamtdeutschland bei 50,6 %).

PRIMÄRER UND SEKUNDÄRER ANTISEMITISMUS
Die »Mitte-Studien« belegen seit Jahren, dass mit leichten Schwankungen knapp 10 % der Deutschen manifest antisemitisch eingestellt sind. Deutsche äußern ihren Antisemitismus nicht im selben Maße offen wie zum Beispiel Ausländerfeindlichkeit. Erstmals in einer »Mitte-Studie« wurde neben der Zustimmung zu »klassischen« antisemitischen Aussagen auch sekundärer Antisemitismus gemessen (»Antisemitismus trotz und wegen Auschwitz«). Beispielsweise stimmen 31,9  % der Deutschen dem Satz zu: »Die Juden nutzen die Erinnerung an den Holocaust heute für ihren eigenen Vorteil aus.« Durchgängig ist die Zustimmung zu sekundär-antisemitischen Aussagen noch höher als die zu primär-antisemitischen Aussagen. Beim primären Antisemitismus fällt zudem auf, dass dieser gerade in der muslimischen Bevölkerung sehr ausgeprägt ist. Beim sekundären Antisemitismus erreichen Muslime in Deutschland dagegen eher durchschnittliche Werte.

ISLAMFEINDSCHAFT UND ISLAMKRITIK
Wie die Ausländerfeindlichkeit allgemein, so ist insbesondere die Islamfeindschaft in den letzten Jahren zunehmend zum Propagandafeld für rechtsextreme Parteien geworden. Warum, das belegen die Zahlen der Erhebung: Eine Rückständigkeit des Islams behaupten 57,5 % der Deutschen, 56,3 % halten den Islam für eine »archaische Religion«. Es zeigt sich, dass sich Rassismus in hohem Maße auf den Islam verschiebt und damit im neuen Kleid des Kulturalismus  daherkommt: Die rassistischen Ressentiments werden mit einer religiös-kulturellen, nicht mehr mit einer phantasierten biologischen Rückständigkeit begründet.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autoren:
Oliver Decker, Johannes Kiess, Elmar Brähler et al.
Weitere Informationen:

Wir dokumentieren eine gekürzte Zusammenfassung der Ergebnisse. Die vollständige Studie finden Sie unter: www.fes-gegen-rechtsextremismus.de