"Kritik und Gewalt" - Zehn Fragen an den Migrationsforscher und Politikberater Klaus J. Bade

 
Prof. Klaus J. Bade (links) im Gespräch mit Günter Burkhardt bei der bundesweiten Vorbereitungstagung zur IKW im Februar 2013.

Ihr neues Buch heißt ›Kritik und Gewalt‹. Es geht um die Sarrazin-Debatte, um Islamkritik und rechten Terror in der Einwanderungsgesellschaft. Sehen Sie da Ursache-Folge-Zusammenhänge?
Verurteilungen auf der Schiene ›Wort und Mord‹ sind kurzschlüssig. Persönliche Schuldzuschreibungen können aus ideellen Übereinstimmungen zwischen publizistischen Äußerungen und sogar direkt darauf bezogenen Begründungen von Gewalttätern nicht ab geleitet werden. Die wortgewaltigen Vertreter der islamfeindlichen sogenannten ›Islamkritik‹ hätten sich also nach dem Breivik-Massaker und erst recht nach der Aufdeckung der schon älteren NSUSerienmorde
gar nicht so hysterisch gegen persönlichen Tatverdacht verwahren brauchen. Es geht hier weniger um persönliche Haftung als um ethische Verantwortung. Und da müssen die noch einiges lernen.

Was müssen ›wortgewaltige Islamkritiker‹ da lernen?
Der ethischen Verantwortung kann sich kein Publizist entziehen, der mit zündfähigen, z.B. latent kulturrassistischen bzw. so zu verstehenden Argumenten in hochexplosivem Gelände hantiert. Dazu gehört, solche Argumente so zu präsentieren, dass sie nicht 
unter Berufung auf die Autoren als Brandsätze missbraucht werden können und, sollte dies doch geschehen, sich entschieden dagegen zu verwahren. Das ist aus opportunistischen, genauer gesagt kommerziellen Gründen nicht geschehen, denn es hätte zweifelsohne wichtige Leserkreise irritiert.

Wie bewerten Sie das?
Das war der eigentliche Skandal im Verhalten von demagogischen, populistischen und opportunistischen ›islamkritischen‹ Publizisten: Sie haben mit ihrer Agitation emsig Geld verdient, viel Schaden angerichtet und dann versucht, sich mit verschwurbeltem Geschwafel oder sogar dreisten Gegenangriffen davonzumachen oder sich obendrein noch in der bekannten Täter-Opfer-Umkehr als Märtyrer des wahren Wortes zu gerieren. Das habe ich in meinem Buch in der nötigen Klarheit
gesagt.
Was verstehen Sie unter Kulturrassismus?
Heute geht es bei rassistischen Dispositionen weniger um Rasse, Blut und Boden. Es geht mehr um pauschalisierende Kulturkonfrontationen. Islamkritik z.B. kann zu Kulturrassismus werden, wenn sie sich gegen ›die islamische Kultur‹, ›den‹ Islam und ›die‹ Muslime richtet, denn: ›Die islamische Kultur‹ gibt es in dieser Pauschalisierung gar nicht. ›Der‹ Islam besteht aus den verschiedensten Lehrtraditionen, die sich weit stärker unterscheiden als z.B. die christlichen Konfessionen. Und ›die‹ Muslime unterscheiden sich in ihrem Verhältnis zu ›dem‹ Islam mindestens so wie die Christen in ihrem Verhältnis zu ihrer Religion, die für viele oft nur noch auf dem Papier steht, mit einem gravierenden Unterschied: Aus ›dem‹ Islam kann man, von bestimmten Glaubensrichtungen abgesehen, in der
Regel nicht so persönlich problem- und folgenlos austreten wie aus einer christlichen Kirche oder gar einem Schwimmverein.

Sie kritisieren das ›Rechtsextremismus‹-Feindbild der Behörden, sprechen da von einem ›Tunnelblick‹. Was ist das Problem?
Die Konzentration auf ›Rechtsextremismus‹ und dabei sogar noch auf die ›klassischen rechtsextremistischen Argumentationsmuster‹ (BMI) erzeugt einen amtlichen Tunnelblick, der blind macht gegenüber anderen gesellschaftlichen Gefahren: Nicht nur das Gewaltpotenzial von herkömmlichem Rechtsextremismus  und islamistischem Fundamentalismus, auch der völkisch-kulturrassistische antiislamische Fundamentalismus der Mitte ist eine Lebensgefahr für die  Einwanderungsgesellschaft; denn die ist essentiell angewiesen auf Anerkennung durch Teilhabe und auf die aktive Akzeptanz kultureller Vielfalt in sozialem  Frieden.

Sie beklagen die unzureichende gesellschaftspolitische Reaktion auf den NSU-Schock in Deutschland. Wie hätte die denn aussehen können?
Die antiislamischen Serienmorde kann man nicht zeremoniell wegtrauern. Man muss sich dieser faktisch vorhandenen extremistischen und kulturrassistischen Unterwelt mit klaren Gegenentwürfen stellen. Die Norweger haben in Reaktion auf das Breivik-Massaker gezeigt, wie sowas aussehen kann. In Deutschland hat es bei der regierungsamtlichen Reaktion auf den NSU-Schock nur zu Trauerbekundungen und zu Warnungen vor ›Rechtsextremismus‹ gereicht. Selbst in der Konfrontation mit den in Reihe aufgedeckten neo-nationalsozialistischen antiislamischen Mordtaten war die Hürde zu einem Bekenntnis zu den Grundwerten der de facto seit langem multikulturellen Einwanderungsgesellschaft in Deutschland offenkundig noch immer zu hoch. Wo waren die Warnungen vor der hasserfüllten antiislamischen Bewegung? Wo war und bleibt die gesellschaftliche Ächtung der immer einflussreicher und mächtiger werdenden, geschickt an der Grenze der Verfassungskonformität operierenden antiislamischen Netzwerke, die treffender Hetzwerke heißen sollten? Sie werden zumeist noch nicht einmal vom Verfassungsschutz beobachtet, im Gegensatz zu friedlichen Moscheevereinen einerseits und der demokratischen Partei ›Die Linke‹ andererseits. Das ist unerträglich.

Was meinen Sie konkret mit dem geschickten Operieren an der Grenze der Verfassungskonformität?
Nehmen wir z.B. einmal den aggressiv islamfeindlichen Hardcore-Pranger ›Madrasa of Time‹ der den ›Counterdjihad‹ predigt: Die machen das sehr geschickt, um dem Zugriff des Verfassungsschutzes zu entgehen, der nach ›Rechtsextremismus‹ sucht, der aber nach dessen ›klassischen‹ Kriterien bestimmt ist durch Antisemitismus, Rassismus etc. Deshalb setzt man aufs Cover oben links den Zwiebelturm einer katholischen Kirche mit frommem Kreuz, das christliche  Nächstenliebe signalisiert, und oben rechts drei Davidsterne, die Israelfreundschaft bzw. Philosemitismus signalisieren. Kombiniere, sagt Nick Knatterton, das können keine Rechtsextremisten sein – und schon blättert der ›Verfassungsschutz‹ weiter. Unsere Behörden haben nicht begriffen, dass die Islam- und Muslimhetze in einer Einwanderungsgesellschaft, die das Grundvertrauen zwischen Mehrheits- und Einwandererbevölkerung braucht, gefährlich ist, zumal  diese Ausgrenzung in Deutschland immerhin mehr als 4 Mio. Menschen trifft, von denen fast 2 Mio. deutsche Staatsbürger sind.

Sie sprechen von ›Islamkritik‹ in distanzierenden Anführungszeichen. Warum?
Es gibt fließende Grenzen zwischen einer Islamkritik im Sinne der wissenschaftlichen oder wertebezogenen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen islamischen Lehrtraditionen bzw. religiös geprägten Lebensformen in Geschichte und Gegenwart und einer aggressiven, ganze Religions- und Bevölkerungsgruppen denunzierenden und diffamierenden islamfeindlichen Agitation. Die zwischen diesen beiden Polen oszillierende ›Islamkritik‹ hat den Boden bereitet für eine fundamentalistische Islamophagie, die in den sumpfigen Abgründen mancher Internetblogs wütet und deren giftiger Smog zunehmend die Kommentarspalten der ganzen medialen Online-Welt überzieht. Dies ist eine Gefahr für die demokratische Einwanderungsgesellschaft. Und dort, wo sogar immer wieder die religiös-kulturellen Freiheitsrechte von Einwanderern in Frage gestellt werden, ist dies ein klarer und strafbarer Verfassungsbruch. Weil es diese fließenden Grenzen und diese dazwischen opportunistisch auf den Wellen der Islamskepsis surfenden Agitatoren gibt, rede ich von ›Islamkritik‹ nur noch in Anführungszeichen.

Sie sprechen von einem Integrationsparadox in Deutschland. Was ist damit gemeint?
Es gibt eine paradoxe Entwicklung: Integration ist viel besser als ihr Ruf im Land. Die staatlichen Institutionen akzeptieren heute Integration als Mainstream-Thema. Kulturelle Vielfalt ist für eine wachsende Mehrheit besonders von jüngeren Menschen eine völlig normale Alltagsrealität. Aber genau deswegen formiert sich umso mehr das Lager der antiislamischen Kulturpessimisten, der desintegrativen Apokalyptiker und zivilisationskritischen Menetekelwerfer, die sich als Verlierer fühlen,
das Abendland untergehen sehen und mit kulturalistischen Alarmrufen Rettung in der negativen Integration suchen.

Was meinen Sie mit ›negativer Integration‹?
Eine starke, wenn auch tendenziell abnehmende, aber gerade deshalb umso lautere und aggressivere Gruppe der Mehrheit fühlt sich durch den rasanten
eigendynamischen Wandel der Einwanderungsgesellschaft bedroht in ihrer ›kulturellen Identität‹, von der viele gar nicht wissen, was sie damit meinen über nationale Folklore hinaus. Sie flüchten aus dieser Identitätskrise in eine Abgrenzung von Minderheiten, vorzugsweise von Muslimen, nach dem Motto: Unter dem Druck der rapiden kulturellen Veränderungen wissen wir zwar kaum mehr, wer wir selber sind, aber doch wenigstens, wer wir nicht sind und auch nicht werden wollen. Diese negative Koalition betreibt eine eskapistische Ersatzdiskussion anstelle der verdrängten Diskussion um die neue Identität in der Einwanderungs-
gesellschaft. Das ist ein Grund mehr, ›Integrationspolitik‹ endlich als Gesellschaftspolitik für alle zu verstehen,
auch für die Menschen ohne Migrationshintergrund.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Weitere Informationen:

■ Klaus J. Bade, Univ. Prof. em. (Neueste Geschichte), Universität Osnabrück bis 2007, lebt heute in Berlin. Er ist Historiker, Migrationsforscher und Politikberater. www.kjbade.de
■ Der Autor kann für Veranstaltungen im Rahmen der Interkulturellen Woche angefragt werden. Bitte wenden Sie sich hierfür an Raoul Pra, Presseabteilung Wochenschau-Verlag, Tel.: 06196 / 76 13 53 8; raoul.pra@wochenschau-verlag.de; www.wochenschau-verlag.info