Rassismus in der Praxis der Sozialarbeit

 
Postkarte "1 in Deutsch" zur IKW 2013: Hg.: ÖVA zur IKW

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff Rassismus oft mit »Ausländerfeindlichkeit« oder »Gewalt gegen Ausländer« gleichgesetzt. Dabei steckt viel mehr hinter diesem Phänomen. Rassismus kann in zahlreichen Erscheinungsformen auftreten, von welchen einige offen­ sichtlicher bzw. sichtbarer sind als andere.

RASSISMUS IN DER PRAXIS ALS SOZIALARBEITER
Trotz der Tatsache, dass ich zu den ­jenigen Menschen zähle, welchen der Migrationshintergrund – bedingt durch meine dunklere Hautfarbe – quasi ins Gesicht geschrieben steht, habe ich in meiner Kindheit keine nennenswer­ten Rassismus- bzw. Diskriminierungs­erfahrungen sammeln müssen. So entwickelte ich in meiner Jugend eine sozialromantische Haltung zum Thema Rassismus und war optimistisch, dass dieses Thema mit meiner Generation aussterben und spätestens im Jahr 2020 keine Rolle mehr spielen würde. Mit der Aufnahme meiner beruflichen Tä­tigkeit war diese »Schonphase« aller­dings vorbei. In meinem Umfeld sowie in Netzwerksitzungen zu den Themen Migration und Integration fallen häu­fig grenzwertige Äußerungen und Be­merkungen von Kolleg/-innen, welche diese selbst kaum noch als Rassismus wahrnehmen. Von Bedenken gegenüber der Beschäftigung von »Kopftuchfrau­en« über rassistische Berichterstattun­gen über Türk/-innen als Paradebeispiel für eine gescheiterte Integration und »die HIV-positiven, schwer drogen ­abhängigen Schwarzafrikaner, die an jeder Ecke dealen«, bis hin zur wenig empathischen Überzeugung, dass »die meisten Zuwanderer/-innen doch nur nach Deutschland kommen, um die Hand aufzuhalten!«, wurden seitens vermeintlich professioneller Fachkräfte Aussagen getätigt, die nicht gerade für interkulturelle Kompetenz und kultu­relle Sensibilität sprechen. Ebenso hört bei vielen sich selbst als tolerant und rassismuskritisch bezeichnenden ein­heimischen Kolleg/-innen die Toleranz und Weltoffenheit auf, wenn die eige­ne Tochter einen Muslim heiraten will. Zum Schutz der Tochter vor Unterdrückung und Gewalterfahrungen, ver­steht sich.

Ein Beispiel bezieht sich auf meine vor­malige sechsjährige Tätigkeit in einer Einrichtung der stationären Jugend ­hilfe. In der Einrichtung hat eine junge Frau mit einer massiven Lernbehinde­rung gelebt, welche kurz vor Vollen­dung ihres achtzehnten Lebensjahres einen jungen Mann aus dem Libanon kennenlernte. Der junge Mann ist zum damaligen Zeitpunkt 22 Jahre alt ge­wesen. Nachdem die beiden ungefähr ein halbes Jahr in einer festen Bezie­hung gelebt haben, planen sie ganz schnell zu heiraten. Ich erinnere mich in diesem Kontext an eine Teambespre­chung, in welcher die Teammitglieder ihre rassistischen Bedenken äußern: »Wir können sie nicht ins offene Mes­ser rennen lassen!«, »Die glaubt die ganze Zeit, er liebt sie, dabei will der sich nur seinen Aufenthalt sichern!«, »Wir müssen was tun!« Ohne ein Ge­spräch mit den Beteiligten zu suchen, werden der Amtsvormund der mittler­weile volljährigen jungen Frau und der Kontaktpolizist im Stadtteil der Ein­richtung von der vermeintlichen »un­wissentlichen Scheinehe der Bewohne­rin« informiert. Ein Tag später: Der junge Mann wird ins Büro der Betreu­er/-innen zitiert und auf den Verdacht des Teams angesprochen. Der junge Mann zückt seinen Ausweis: »Ich bin in Deutschland geboren, ich habe die deutsche Staatsangehörigkeit! Warum müssen immer alle so verdammt rassis­tisch sein?« Das Schlimmste an der Ge­schichte: Ich selbst war mir seit der ersten Begegnung mit diesem jungen Mann sicher, dass er die Bewohnerin ausschließlich aus aufenthaltsrechtli­chen Gründen heiraten wollte. Warum konnte ich mir nichts anderes vorstel­len? Genau, wie der junge Mann gesagt hat: Weil ich rassistisch begründete Bedenken hatte. Und das, obwohl ich selbst Sohn einer deutschen Mutter und eines senegalesischen Vaters bin, die mittlerweile seit über 32 Jahren glück­lich verheiratet sind. Auch das junge Pärchen sehe ich heute noch sehr oft. Sie scheinen noch immer glücklich ver­heiratet zu sein.

SOZIALARBEIT GEGEN RASSISMUS
Bedingt durch meine aktuelle beruf ­liche Tätigkeit als Case Manager im Bereich Migration und Integration, werde ich in meinem beruflichen Alltag regelmäßig mit diversen Erscheinungs­formen von Rassismus konfrontiert.

Da sich der Fokus von Case Manager/ -innen im Bereich Migration insbe son ­dere auf die Unterstützung von Neuzuwandernden richtet, besteht ein nicht unwesentlicher Anteil meiner jetzigen Klientel aus EU-Bürger/-innen (mit Uni­onsbürgerstatus). Im Zuge der gegen ­wärtigen gesellschaftlichen und wirt­schaftlichen Entwicklungen in der Eu­ropäischen Union sowie infolge der Wanderungsbewegungen vieler Roma aus den EU-Ländern gerät die Akzep­tanz der EU-Freizügigkeit und damit einhergehend die »gegenseitige euro­päische Solidarität« zunehmend in den Hintergrund. Entsprechend spielen Er­fahrungen von Diskriminierung und Rassismus im Alltag meiner Klientel mit Unionsbürgerstatus eine zentrale Rolle.

»UNDERCOVER CASE MANAGER«
Um mir ein eigenes Bild von den Diskriminierungserfahrungen meiner Klientel zu verschaffen, beschloss ich, aktiv vorzugehen und meinen Migrati­onshintergrund bzw. meine Hautfarbe als Chance zu nutzen. So entschied ich, diejenigen Klient/-innen, deren Haut­farbe meiner zumindest ähnelte, als eine Art »Undercover Case Manager« zu den jeweiligen Institutionen zu be­gleiten. Wenn ich dann eine dieser Fa­milien als Case Manager in ein Amt oder eine Behörde begleitete, machte ich die Erfahrung, dass die Sachbearbeiter/-innen mich und die Roma-Familie als »irgendwie nichtweiß« und damit automatisch als eine Gruppe wahrnahmen und davon ausgingen, ich gehöre zu der Familie. In jedem Fall wurde diesen nicht immer sofort auf den ersten Blick klar, dass ich der Case Manager der Roma-Familie war. So be­gleitete ich Familien zu den verschiede­nen Ämtern, (Verwaltungs-) Behörden und sozialen Diensten und war ent­setzt, wie dort mit den jeweiligen Fami­lien umgegangen wurde. Sie wurden respektlos behandelt, Termine wurden spontan auf den nächsten Tag verscho­ben, es wurden falsche Auskünfte gege­ben, es fielen Beleidigungen, Beschimp­fungen und vieles mehr. Da ich die Sachbearbeiter/-innen nicht sofort er­kennen ließ, dass ich die Familien be­ruflich begleitete, musste auch ich mir Beleidigungen und Beschimpfungen an­hören. So wurde ich von einem Leiter einer Behörde gefragt, welchen Auftrag ich überhaupt hätte? Ob ich alle Zigeu­ner dieser Welt nach Deutschland holen wolle? Eine Sachbearbeiterin fragte mich, nachdem sie festgestellt hatte, dass ich der deutschen Sprache mächtig bin, ob ich der neue »Lover« der Mut­ter eines Klienten wäre, oder ob ich nur das Geld bräuchte, welches ich für die Scheinehe mit ihr bekommen würde.

Der menschenunwürdigste Fall war je­doch, als ich eine meiner Roma-Fami­lien zu einem Amt begleitet habe, weil dieser – infolge eines durch das Amt verursachten buchhalterischen Fehlers – die Wasserzufuhr gesperrt worden war. Als ich die Familie das erste Mal zu dem Amt begleitete, versicherte die zuständige Sachbearbeiterin mir, dass sie unverzüglich mit dem Vermieter in Kontakt treten wolle, sodass schnellst­möglich die Wasserzufuhr entsperrt werden könnte. Drei Tage später hatte die Familie noch immer kein Wasser. Auf Nachfrage bestätigte mir der Ver­mieter der Familie, dass weder eine Zahlung eingegangen sei noch die Sach­bearbeiterin sich bei ihm gemeldet habe. Als ich daraufhin gemeinsam mit der Mutter der Roma-Familie bei dem sozialen Dienst aufschlug, grinste mich die Sachbearbeiterin an und äußerte, dass wir jetzt mal keinen Aufstand ma­chen sollten, da wir in unseren Zelten schließlich auch kein fließendes Wasser gehabt hätten. Als ich dann entgegnete, dass es hier nicht um meine Wasserzufuhr, sondern um die meiner Klientin ginge und meine Visitenkarte zückte, entschuldigte die Sachbearbeiterin sich zwar bei uns, beendete den Satz je­doch mit: »… aber ist doch wahr!« und zeigte somit, dass sie ihr Verhalten nach wie vor verständlich fand. Darauf­hin reichte ich eine Beschwerde beim Vorgesetzten der Sachbearbeiterin ein. Dieser entschuldigte sich für die kras­sen Äußerungen seiner Mitarbeiterin, räumte aber ebenfalls Vermutungen be­züglich eventueller Hintergründe und Ursachen für das Fehlverhalten seiner Mitarbeiterin ein, die rein ökonomisch geleitet waren. So erläuterte er zwar, absolutes Verständnis für diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund zu haben, die aus ihrem Leben das Best­mögliche rausholen wollen, fügte aber im gleichen Atemzug hinzu, dass er »Verständnis für die aus rein ökonomischer Sicht vertretbaren Vorbehalte seiner Mitarbeiterin« hätte, weil sich Deutschland die Entrichtung von Sozi­alleistungen an Unionsbürger/-innen de facto nicht leisten könne. Nachdem ich das Gespräch vorzeitig beendet hatte, weil keine Einsicht zu erhoffen war, wunderte ich mich kaum noch über die Haltung der ihm unterstellten Mitarbeiter/-innen.

Letzten Endes bin ich froh, dass ich – bedingt durch meine Hautfarbe – diese furchtbaren Diskriminierungserfahrun­gen meiner Klientel miterleben konn­te und hiergegen entsprechende Beschwer den bei zuständigen Stellen auf Landes- und Bundesebene erheben und im Sozialraum (z.B. in Arbeitskreisen, Gremien und Netzwerksitzungen sowie auf Fach tagungen) auf diese Missstän­de hinweisen konnte. Gleichzeitig muss ich jedoch feststellen, dass diese und zahlreiche weitere Diskriminierungser­fahrungen an meinem optimistischen Weltbild gerüttelt haben. Ich begann zu fragen, ob mich vielleicht bisher im­mer nur meine überdurchschnittliche Größe und mein rhetorisches Talent vor Diskriminierungserfahrungen be­wahrt hatten.

Ich fragte mich, ob ich vielleicht eher ein Rassismusopfer in meiner Kindheit und Jugend geworden wäre, wenn ich schlechter Deutsch gesprochen hätte, ob ich vielleicht noch häufiger an Un­gleichbehandlungen während meiner Schulzeit gelitten hätte, wenn meine Mutter nicht immer als Elternspreche­rin sowie im Elternbeirat aktiv gewesen wäre. Vielleicht wäre auch ich von mei­nen Mitschüler/-innen, Kolleg/-innen und Personen meines privaten Umfelds gemobbt worden, wenn ich weniger selbstbewusst gewesen wäre. Ich fragte mich, wie sich diese neuzugewander­ten und alteingesessenen Menschen mit Migrationshintergrund mit einem Land identifizieren und sich eine Zukunft aufbauen sollen, wenn sie sogar von Amts- bzw. Behördenseite diskriminiert werden.

EIGENE GRENZEN
Weitaus schlimmer als den Umstand, dass meine Klientel regelmäßig auf Ämtern, Verwaltungsbehörden und sozialen Diensten diskriminiert wird, empfinde ich in diesem Kontext aller­dings die Tatsache, dass ich mich gele­gentlich – z.B. wenn eine größere Fami­lie aus den EU-Ländern hier einreist und mich um Unterstützung bei der Be­antragung von Sozialleistungen bittet – bei rassistischen Gedankengängen er­wische. Obwohl ich selbst einen Migra­tionshintergrund habe, mich partout als rassismuskritischen Sozialarbeiter bezeichnen würde, der aktiv gegen Ras­sismus und Diskriminierung vorgeht, habe auch ich mich teilweise gefragt, wie es sich der deutsche Staat im Zuge der aktuellen Finanzmittelknappheit leisten kann, Hunderttausenden von Arbeitslosen des sinkenden EU-Schiffes den Anspruch auf Sozialleistungen zu­zusprechen.

So musste auch ich feststellen, dass in meinem Kopf ein durch künstlich geschaffene Grenzen konstruiertes »Mein« und »Dein« zu wurzeln scheint. Für weitaus weniger Unbehagen sorgt bei mir hingegen der Gedanke daran, dass zahlreiche Projekte, Einrichtungen und Dienste zu einem großen Teil aus EU-Töpfen finanziert werden. Ich begann mich zu fragen, ob nicht vielleicht auch in mir rassistische Haltungen und Bil­der wirken und kam zu dem Fazit, dass jeder von uns Rassismus sowohl verin­nerlicht als auch (re-)produziert. Wich­tig ist, dass diese Strukturen aufgebro­chen und selbst- und rassismuskritisch reflektiert und erforderlichenfalls an die realen Gegebenheiten angepasst werden.

Der Sozialen Arbeit obliegt der Auf­trag, Ungleichbehandlungen, Ausschlie ­ßungspraxen und somit auch Rassis­mus auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen aktiv entgegenzuwirken. Ent­sprechend müssen wir auch die Haltun­gen, Einstellungen und Äußerungen unserer Kolleg/-innen rassismuskritisch reflektieren und erforderlichenfalls kri­tisieren. Wir sollten uns nicht von ver­innerlichten, strukturell und historisch verwurzelten rassistischen Machtver­hältnissen leiten lassen. Im Kontext der vorangegangenen Thematik gilt es kri­tisch zu hinterfragen, warum Leute, die zufällig vor einer (künstlich geschaffe­nen) Grenze geboren sind, mehr An­sprüche haben sollten als Leute, die zu­fällig hinter einer Grenze geboren sind. Ebenso gilt es zu hinterfragen, warum sich seitens der Bundesrepublik dage­gen gesperrt wird, Menschen aus EU-Ländern Hilfen zu gewähren, während gleichzeitig Gelder aus EU-Töpfen be­antragt werden. So lange »WIR« die Hand aufhalten dürfen, scheint die Welt in Ordnung. Sobald jedoch »DIE ANDEREN« etwas von »UNS« erhal­ten wollen, ist bei vielen Schluss mit der gegenseitigen (europäischen) Solidari­tät.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autor:
Moussa Dieng
Weitere Informationen:

■ Aus: FORUM sozial, Die Berufliche Soziale Arbeit, Zeitschrift des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit e.V.; Heft 2/2012, ISSN 1433-3945
■ Moussa Dieng ist Case Manager im Jugendmigrationsdienst und in der stationären Jugendhilfe
■ Bezugsanschrift: forum-sozial@dbsh.de