Rassismus entsteht im Kopf. Offenheit auch.

 
Postkarten- und Plakatmotiv zur IKW 2013

»Rassismus entsteht im Kopf. Offenheit auch.« Dies ist die zentrale Aussage auf dem Plakat zur bundesweiten Interkulturellen Woche 2013.
Die Interkulturelle Woche hat sich zuletzt vor allem mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Vielfalt in Deutschland die Gesellschaft prägt und bereichert. Die Fragen nach einer Willkommens- und Anerkennungskultur, einem besseren Miteinander und nach Partizipationsrechten von Zugewanderten sind von zentraler Bedeutung.

Die große Resonanz auf Thilo Sarrazins Behauptungen machte deutlich, dass erhebliche Teile der Bevölkerung massive Vorbehalte gegen Zuwanderinnen und Zuwanderer haben. Gleichzeitig stellen viele Studien wie das Integrationsbarometer des Sachverständigenrates der deutschen Stiftungen fest: Die Integration von Migrantinnen und Migranten in Deutschland ist weit besser als ihr Ruf.

ES FÄNGT IN DEN KÖPFEN AN
Die aktuellen Untersuchungen der Fried rich-Ebert-Stiftung und anderer Sozialforscher stellen eine erschreckend hohe Zustimmung großer Teile der Bevölkerung zu rassistischen und antidemokratischen Überzeugungen fest. Andere Untersuchungen, wie die zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, weisen auf die Ablehnung von Migrantinnen und Migranten hin. Fast die Hälfte der Menschen ohne Migrationsgeschichte stimmt der Aussage zu: »Es leben zu viele Ausländer in Deutschland «.

Die Ablehnung und Abwertung von Muslimen hat in den letzten Jahren weiter zugenommen. Fast 60 Prozent der Bevölkerung sind der Auffassung, dass ihnen nicht die gleichen Rechte eingeräumt werden sollten (»Mitte-Studie «der Friedrich-Ebert-Stiftung 2012). Die diskriminierenden Einstellungen erfahren Muslime und Muslimas in Deutschland alltäglich. In den Medien geraten sie immer wieder unter Generalverdacht; ihre Religion wird als rückständig und antidemokratisch abgewertet. Bei Stellenbewerbungen werden Muslime dis kriminiert. Eine ganze Bevölkerungs gruppe wird pauschal zur Bedrohung für eine vermeintlich homogene Mehrheitsgesellschaft stilisiert. Dies verstößt fundamental gegen die Grundwerte unserer Gesellschaft, gegen die Unantastbarkeit der Würde des Menschen und die im Grundgesetz verankerten »unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte«.

Rassismus ist weltweit verbreitet und steckt auch in Deutschland in vielen Köpfen. Rassismus reicht bis in Kreise, die sich selbst für immun halten gegenüber rechtsextremistischem und demokratiefeindlichem Gedankengut.

RASSISMUS ZEIGT SICH IN WECHSELNDEN FACETTEN
Nach wie vor löst der Begriff »Rassis­mus« bei vielen Irritationen und Ab­wehr aus. Er wird in Deutschland oft gleichgesetzt mit »Rechtsextremismus«. Rassismus bedeutet aber, dass Men­schen aufgrund ihrer ethnischen, natio­nalen, kulturellen oder religiösen Her­kunft oder Identität als homogene Gruppe angesehen und ihnen negati­ve Eigenschaften zugeschrieben wer­den, die unveränderbar sind. Statt die Individualität von Menschen in den Vordergrund zu rücken, wird eine be­stimmte Hautfarbe, Religion, Nationa­lität oder Kultur in den Blick genom­men und aufgrund eines Merkmals ab­bzw. aufgewertet.

Die Gruppen, die in den Fokus der öffentlichen Ab lehnung geraten, wech­seln. Der Antisemitismus ist seit Jahr­hunderten in vielen Gesellschaften ver­ankert und war im Nationalsozialis­mus ideologische Grundlage für den Holocaust. Auch heute sind antisemiti­sche Stereotype in Deutschland weit verbreitet. In den 1980er Jahren wur­den vor allem »die Gastarbeiter« aus der Türkei Opfer der sogenannten Aus­länderfeindlichkeit. Es folgten als Feind­bild »die Asylanten«, abgelöst seit eini­ger Zeit durch »die Muslime«. Aktuell ruft an einigen Orten in Deutschland die Ankunft von Flüchtlingen erneut Ängste und emotionalisierte Abwehrre­aktionen hervor, obwohl in einem Land mit über 80 Millionen Einwohnern 65.000 Asylsuchende eine überschau­bare Zahl sind.

»Katastrophenfall verschoben« titelte die Augsburger Allgemeine Zeitung im Januar 2013, als die Zahl der Asyl ­suchenden nicht den hohen Prognosen entsprach. Von »Asylnotstand« und »Ansturm« sprachen andere Tageszei­tungen. Seit Herbst 2012 ist von einem »Strom« von Angehörigen der Roma die Rede.

Auch wenn die Zahlen gestiegen sind: Asylanträge von rund 8.477 Menschen aus Serbien und 4.546 Menschen aus Mazedonien – überwiegend Roma – sind keinesfalls exorbitant. Die Euro­päische Union hat gezielt die Visa­pflicht für Serbien und Mazedonien ab­geschafft, auch um den Annäherungs­prozess der Balkanländer an Europa zu fördern. Es wird reflexartig reagiert mit der Forderung, die Visumsfreiheit auf­zuheben. Das zeugt von einer kurzsich­tigen Politik, der eine gesamteuropäi­sche und außenpolitische Perspektive zu fehlen scheint.

Wenn nun – nach jahrelangem Abbau von Kapazitäten – wieder Asylunter­künfte eröffnet werden, löst dies vieler­orts Proteste aus. Bei Bürgerversamm­lungen im Zusammenhang mit der Eröffnung von Asylunterkünften treten häufig Rechtsextremisten im bürgerli­chen Gewand auf und versuchen sie für ihre Ideologie zu instrumentalisieren.

Dass Deutschland ein Einwanderungs­land ist, wird indes in der öffentlichen Diskussion kaum mehr bestritten. Die Tatsache, dass Deutschland auch künf­tig Einwanderung braucht, beherrscht die öffentliche Diskussion. Gleichzeitig sind fast 30 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass Ausländerinnen und Ausländer wieder in ihr Herkunftsland geschickt werden sollten, wenn Arbeits­plätze knapp werden.

Bei der Änderung des Staatsangehörig­keitsrechts 1999 lösten Forderungen nach erleichterter Einbürgerung unter Hinnahme der mitgebrachten Staatsan­gehörigkeit/en Proteststürme aus. Die Unterschriftenaktion gegen die doppel­te Staatsbürgerschaft war das Instru­ment, mit dem viele ihrer rassistischen Stimmung Luft verschafften. Offen ist, wie sich die aktuellen Auseinanderset­zungen um den sogenannten Options­zwang entwickeln.

Die aktuelle Debatte um die sogenann­te Armutszuwanderung aus den mit ­tel- und osteuropäischen EU-Ländern und den südeuropäischen Krisenländern wird vielfach populistisch geführt; Ste­reotype beispielsweise gegenüber Roma werden bedient und Rechtsansprüche, z.B. die Personenfreizügigkeit in der Europäischen Union, in Frage gestellt. Richtig ist, dass die Kommunen vor besonderen Herausforderungen bei der Gesundheitsversorgung oder im Bil­dungsbereich stehen, zu deren Bewälti­gung sie dringend auf Unterstützung angewiesen sind. Integrationskonzepte sind erforderlich, aber auch eine Än ­derung beim Anspruch auf Zugang zu Integrationskursen, der Menschen aus EU-Staaten verwehrt bleibt. Statt diese Themen rational anzugehen und da­bei auch die Vorteile der Freizügigkeit innerhalb Europas für den gesamten europäischen Raum in den Mittelpunkt zu stellen, werden einseitig Probleme hochgespielt und den Betroffenen ange­lastet.

RASSISMUS – NÄHRBODEN FÜR RECHTSEXTREMISMUS UND RECHTSEXTREMISTISCHE GEWALT
Rassismus zeigt sich in vielfachen Aus­prägungen. Sie reichen von Vorurteilen und Stereotypen bis hin zu Einstellun­gen und verfestigten Weltbildern. Ras­sismus manifestiert sich in Diskriminie­rungen und Verhaltensweisen bis hin zu rassistischen Gewalt- und Straftaten. Er setzt sich in den Institutionen fort. Diskriminierungen erfolgen auch über Gesetze und über Alltagsentscheidun­gen in den Behörden, den Schulen, bei der Personalauswahl in Organisationen und Unternehmen und vielem anderen mehr.

Nicht erst seit der Aufdeckung der Mor de und Bombenanschläge der so­genannten »Zwickauer Zelle« werden Menschen von Rechtsextremen ange­griffen und ermordet. Fast 200 Men­schen kamen seit 1990 aufgrund rechts­extremer Gewalttaten zu Tode. Hinzu kommen unzählige weitere Angriffe, bei denen Anzeigen oder die Strafver­folgung ins Leere liefen. Das galt auch für die Ermittlungen nach den Morden des »NSU«, die auf ein völliges Ver ­sagen der Sicherheitsbehörden hinwei­sen.

Die Morde des »NSU« und das Ver ­sagen der Sicherheitsbehörden müssen aufgeklärt sowie die Verstrickungen der Sicherheitsbehörden aufgearbeitet werde

n. Konsequenzen auch für den Einsatz sogenannter V-Leute müssen gezogen werden.

Der aktuelle Fokus auf den Rechts ­terrorismus darf aber nicht den all täg ­lichen Rassismus verdecken, der einen Nährboden für rechtsextreme Gewalt darstellt. Gemeinsam stehen Politik, Staat, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Kirchen und die zivilgesellschaft lichen Organisationen in der Verant wortung, sich für die Bekämpfung von Rassis­mus, Diskriminierung und Rechtsex­tremismus einzusetzen sowie Anerken­nung und Akzeptanz einer vielfältigen Gesellschaft zu fördern.

OFFENHEIT IM KOPF
Rassismus entsteht in den Köpfen – Offenheit auch. Das heißt: Rassistische Denkstrukturen sind veränderbar. Der erste Schritt ist, Rassismus zu erkennen und zu benennen. Die Interkulturelle Woche kann ein Forum bieten, um Op­fern von Rassismus Gehör zu verschaf­fen und gemeinsame Strategien zu ent­wickeln. Dazu gehört auch der selbst ­reflexive Blick auf eigene Vorurteile und Klischees, mit dem Ziel, auch insti­tutionellen Rassismus zu überwinden.

Seit über mehr als 30 Jahren wirbt die Interkulturelle Woche nicht nur für offene Köpfe, sondern auch für offene Herzen. Dies geschieht durch Möglich­keiten zu echter Begegnung und der Öffnung gemeinsamer Erlebnisräume, in denen Menschen mehr voneinander erfahren und füreinander Verständnis entwickeln. In diesem Sinne laden wir Sie ein, die Interkulturelle Woche 2013 mit uns zu feiern und Zeichen zu setzen für offenen Köpfe und eine für Vielfalt offene Gesellschaft.
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Zu den Begriffen:
In der öffentlichen und wissen­schaftlichen Debatte werden immer wieder Begriffe wie Rassismus, Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Synonyme für Einstellungen, Ver haltensweisen, Gewaltanwendung oder auch bei strukturellen Diskrimi­nierungen genutzt. Eindeutige und abschließende Definitionen der Phänomene sind nicht vorhanden.

RASSISMUS
Rassismus ist der Prozess, in dem Menschen aufgrund tatsächlicher oder vermeintlicher körper licher oder kultureller Merkmale (z. B. Haut­farbe, Herkunft, Sprache, Religion) als homogene Gruppen konstruiert, negativ bewertet und aus ­gegrenzt werden. Der klassische Rassismus be­hauptet eine Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschengruppen auf Grundlage angeblicher biologischer Unterschiede. Im Kulturrassismus wird die Ungleichheit und Ungleichwertigkeit mit angeblichen Unterschieden zwischen den »Kultu­ren« zu begründen versucht. Rassismus ist die Summe aller Verhaltensweisen, Ge setze, Bestim­mungen und Anschauungen, die den Prozess der Hierarchisierung und Aus grenzung unterstützen, und beruht auf ungleichen Machverhältnissen.
■ Quelle: Birgit Rheims, IDA-NRW, entnommen aus Glossar in ida-nrw.de am 25.02.2013

RECHTSEXTREMISMUS
»Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeits vorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen  Bereich sind sie  ge kennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.« (Konsensuskonferenz zur Vorbereitung eines einheitlichen Fragebogens)
■ Quelle: Oliver Decker, Elmar Brähler: Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2006

GRUPPENBEZOGENE MENSCHENFEINDLICHKEIT
Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) liegt einem zehnjährigen Forschungsprojekt des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld zugrunde. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Menschen mit unterschiedlicher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft sowie mit verschiedenen Lebensstilen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen werden und mit feind-seligen Mentalitäten konfrontiert sind. Gemeinsames Merkmal der untersuchten sieben Facetten offener oder verdeckter Menschenfeindlichkeit ist die gesellschaftliche Konstruktion von Ungleichwertigkeit.
■ Quelle: Birgit Rheims, IDA-NRW, Entnommen aus Glossar in ida-nrw.de am 25.02.2013

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Weitere Informationen:

■ Dieser Text wurde vom Ökumenischen Vorbereitungsausschuss zur Interkulturellen Woche verfasst.
■ Kontakt: info@interkulturellewoche.de www.interkulturellewoche.de
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Zu den Begriffen wie Rassismus, Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Am Ende des Textes werden beispielhaft einige Definitionenen vorgestellt.