Rechtsextreme Einstellungen machen vor Kirchentüren nicht halt!

 
OKR Thorsten Leißer, Dr. Angelika Strube und Hanns Thomä (v. links n. rechts) moderierten die AG »Strategien gegen Rechts in der Kirche« bei der bundesweiten Vorbereitungstagung zur IKW 2013 in Berlin-Spandau.

Kein Zweifel: Die Kirchen in Deutschland und viele Christinnen und Christen engagieren sich für Gerechtigkeit und die Unantastbarkeit der Menschenwürde,   gegen Rassismus, gegen Rechtsextremismus und gegen verschiedene Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die Interkulturelle Woche mit ihrer inzwischen 38-jährigen Geschichte ist selbst ein lebendiges Beispiel dafür. Der christliche Glaube an die Gottebenbildlichkeit aller Menschen ist mit rechtsextremen Positionen schlichtweg unvereinbar. Dennoch machen rechtsextreme Einstellungen auch vor Kirchentüren nicht halt. Christinnen und Christen sind eine umworbene Zielgruppe rechtspopulistischer Parteien wie beispielsweise »PRO-NRW« sowie der »Neuen Rechten«. Auch gibt es Gruppierungen, die sich selbst  »christlich« oder »katholisch« nennen, zugleich aber eine bedenkliche Nähe zu neurechten Medien haben. Im Internet treten sie selbstbewusst auf und versuchen, ein breites bürgerliches Publikum für sich zu gewinnen. Eine solide Information der kirchlichen Öffentlichkeit tut daher not. Das Buch »Rechtsextremen Tendenzen begegnen« gibt engagierten Christen alle notwendigen Hintergrundinformationen sowie Materialien für Gesprächskreise und Infoabende an die Hand. – Hier eine gekürzte und bearbeitete Leseprobe aus den Kapiteln 2, 3 und 5.

»WORTERGREIFUNGEN« IN KIRCH LICHEN VERANSTALTUNGEN
Manchmal kommt die Gefahr von außen. Wer eine Veranstaltung gegen Rassismus und/oder Rechtsextremismus oder vielleicht einfach nur ein interkulturelles Fest plant, muss bisweilen erleben, dass die Veranstaltung von Rechtsextremen gestört wird. »Wortergreifung « – in Anlehnung an »Machtergreifung « – nennen Rechtsextreme eine Strategie, mit der sie Versammlungen, Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen gezielt stören und zerstören wollen. Zu diesem Zweck nehmen sie an den betreffenden Veranstaltungen teil, um sich zu Wort zu melden und die Diskussion mit ihren Redebeiträgen regelrecht zu »fluten« und zu  dominieren. Erklärtes Ziel der Wortergreifungen ist es, eine Diskussion über Rechtsextreme zu unterbinden und die Teilnehmenden zu einer Diskussion mit Rechtsextremen zu zwingen. Dass aber eine echte Diskussion, bei der Argumente ausgetauscht und geprüft werden und Perspektiven sich auf beiden Seiten verändern können, bei einer »Wortergreifung « auf Seiten der Rechtsextremen von vornherein nicht gewollt ist, muss den nichtrechten Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einer solchen Situation klar sein.

Erlebt man eine »Wortergreifung«, macht es deshalb wenig Sinn, sich auf die aufgezwungene Diskussion einzulassen oder sich gar in seinen eigenen Positionen verunsichern zu lassen. Bildungsveranstalter können von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und die Rechtsextremen als »Störer« des Hauses verweisen, u. U. durch die Polizei. Darauf, dass Neonazis ihnen dann vorwerfen, sie würden die Meinungsfreiheit unterdrücken, muss man gefasst sein, sollte sich den Schuh aber  keinesfalls anziehen. Viele Bildungsträger kündigen im Vorfeld bestimmter Veranstaltungen auf der Einladung bereits an, dass Rechtsextreme von der Teilnahme ausgeschlossen sind. Das gibt Veranstaltern das Recht, entsprechende Personen gar nicht erst einzulassen bzw. im Falle einer »Wortergreifung« des Hauses zu verweisen.

Gerade Christinnen und Christen haben oft Skrupel, solche deutlichen Maßnahmen durchzusetzen und empfinden sie leicht als »zu hart« oder »intolerant«, doch genau genommen sind sie einfach nur klar und konsequent: Sie schützen die Veranstaltung und ihre Teilnehmenden vor Personen, die sich ganz bewusst nicht auf eine echte Diskussion und inhaltliche Auseinandersetzung einlassen, sondern die Diskussion der anderen Anwesenden einfach nur torpedieren, zerstören und unterbinden wollen. Beim Gebrauch des Hausrechts gegen Rechtsextreme geht es um den Schutz der übrigen Veranstaltungsteilnehmenden vor rechtsextremer Intoleranz.

NEURECHTE MEDIEN BUHLEN AUCH UM CHRISTLICHE LESERINNEN UND LESER
Neurechte Medien haben ein Interesse daran, konservative Christinnen und Christen für sich zu gewinnen, denn Christentum und Kirchen stellen einen wesentlichen Kern der »Mitte der Gesellschaft« dar. Neurechten Zeitungen, Magazinen und Internetseiten wie »Junge Freiheit«, »Blaue Narzisse«, »eigentümlich frei« oder dem rechtspopulistischen islamfeindlichen Weblog »Politically Incorrect« ist gemein, dass sie aktiv um christliche Leser werben. Obwohl diese Medien   sich nicht als christlich, kirchlich oder religiös verstehen und obwohl sie eine teilweise aggressiv antichristliche Leserschaft haben, greifen sie immer wieder  aktuelle kirchliche, besonders gerne konservativ-christliche oder traditionalistische Themen auf. Die Leserwerbung gelingt am einfachsten im Internet: Wenn dort jemand nach Artikeln zu aktuellen kirchlichen Themen sucht und ein entsprechendes Stichwort in eine Suchmaschine eingibt, dann erhält er eine lange Liste von passenden Artikeln. Indem neurechte Internetmagazine auch Artikel zu aktuellen kirchlichen Themen veröffentlichen, kommen Internetnutzerinnen und -nutzer über Suchmaschinen auf diese Seiten. Wenn die kirchlichen Artikel sie ansprechen, werden sie auch andere Artikel lesen und die Seiten regelmäßiger besuchen. Auf diese Weise können neurechte Medien auf kirchliche Internetnutzer Einfluss gewinnen. Nicht immer ist den Betroffenen bewusst, dass sie ein neurechtes  Magazin lesen; manche würden dies womöglich gar nicht wollen. Hier hilft es, sich und andere über die »Neue Rechte«, ihre Medien, ihre Strategien und ihre Ziele
zu informieren.

NEURECHTEN MEDIEN UND POSITIONEN BEGEGNET MAN AUCH AUF CHRISTLICHEN INTERNETSEITEN
Allerdings kann es auch passieren, dass man neurechten Medien und neurechtem Gedankengut in einigen sich christlich nennenden Zeitschriften und Internetseiten begegnet. Im evangelischen Bereich sind es vor allem die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) und die ihr nahe stehenden Medien wie »idea« und »medrum«, die sich positiv auf die »Junge Freiheit« und ähnliche Scharnierorgane* beziehen. Im katholischen Bereich sind es Internetseiten von extrem  konservativen bis hin zu traditionalistischen Gruppen, die der Piusbruderschaft nahe stehen. Die bekannteste und einflussreichste Internetseite dieser Art ist »kath.net«, eine private Initiative aus dem österreichischen Linz – nicht zu verwechseln mit dem offiziellen Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland, »katholisch.de« oder der Seite »kath.de«, einer  katholischen Pionierin des Internets.

»Kath.net« macht sich durch Werbung und Berichterstattung regelmäßig zu einer Plattform neurechter Medien und Gedanken. Besonders offensiv wirbt diese sich katholisch nennende Seite für die »Junge Freiheit«: Zum einen durch  Werbebanner, zum anderen, indem regelmäßig positiv auf die »JF« Bezug genommen und aus ihr zitiert wird. Auf diese Weise wird die »Junge Freiheit« kath.net-Lesenden als zuverlässige Informationsquelle vorgestellt. Als im Herbst 2010 die Deutsche Bischofskonferenz beschloss, die konservativchristliche Wochenzeitung »Rheinischer Merkur« einzustellen und als Beilage zur ZEIT zu geben, wo sie heute unter dem Titel »Christ & Welt« erscheint, erschienen auf kath.net mehrere Artikel, die sich dafür aussprachen, sie stattdessen der »Jungen Freiheit« einzugliedern und ihre Leserschaft an dieses neurechte Blatt zu   binden. Mehr noch: »kath.net« sympathisierte auch mit extrem islamfeindlichen, als volksverhetzend eingestuften Medien wie »Politically Incorrect«. Vier Jahre jedenfalls, vom 04.10.2007 bis Ende September 2011, konnte man auf »kath.net« ein ausgesprochen sympathisierendes Interview mit Stefan Herre, dem Gründer und Betreiber dieses Hetzportals, finden, in dem er Gelegenheit hatte, seine Internetseite und seine islamfeindlichen Thesen ausführlich vorzustellen.

»KREUZ.NET«: EIN RECHTSEXTREMES  MEDIUM, DAS SICH SELBST »KATHOLISCH« NANNTE
Das wohl extremste Beispiel einer mit unverhohlen rechtsextremem Gedankengut gespickten Internetseite, die sich »katholisch« nannte, war die im Dezember 2012 vom Netz gegangene Seite »kreuz.net«. Die Betreiber der Seite verschanzten sich in der Anonymität, gaben aber an, »hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig« zu sein. Diese Anonymität und Geheimniskrämerei hatten ihren Grund, denn viele Inhalte dieser Seite erfüllten Straftatbestände. Über die Jahre hatte die Internetseite bereits Ermittlungsverfahren sowie Indizierungen durch die Bundesprüfstelle für jugend gefährdende Medien auf sich gezogen, unter anderem wegen Verwendung des Hitlergrußes. Im Februar 2009 distanzierten sich die Deutsche und die Österreichische Bischofskonferenz erstmals öffentlich von »kreuz.net«.

Im Herbst 2012, nach einer kreuz.net-Hetzkampagne gegen den verstorbenen Entertainer Dirk Bach, gelang es der Initiative »Stoppt kreuz.net«, einige Macher und Autoren der Internetseite namentlich zu ermitteln; tatsächlich gab es darunter Kirchenmitarbeiter und römisch-katholische Priester.  Das gesammelte Material wurde im November 2012 an die Staatsanwaltschaft in Berlin übergeben, die derzeit er mittelt. Am 2.12.2012 schließlich verschwand die Seite aus dem Netz. Damit jedoch ist das Problem keinesfalls aus der Welt, sondern die selbstkritische innerkirchliche Auseinandersetzung, wie es zu einer solchen Internetseite und derartigen rechtsextremen Exzessen kommen konnte, hat gerade erst begonnen.
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*Zusatzinformation:
WAS SIND BRÜCKENMEDIEN, SCHARNIERORGANE UND DIE »NEUE RECHTE«?

■»Scharnierorgane« oder »Brückenmedien« nennt man in der Rechtsextremismusforschung Medien, durch die rechtsextremes Gedankengut in die »Mitte der  Gesellschaft«  hineingetragen werden soll. Deshalb verzichten Scharnierorgane auf grobe Hetze und plakative rechtsextreme Parolen, sondern geben sich  bürgerlich, gegebenenfalls intellektuell, was rechte Ideologen selbst als »politische Mimikry« (Verstellung) propagieren.

Die »Neue Rechte« entstand 1968 in Frankreich. Rechte Intellektuelle entwickelten neue Strategien mit dem erklärten Ziel, gesellschaftlichen Einfluss zu  gewinnen und den bestehenden demokratischen Grundkonsens westeuropäischer Gesellschaften zu untergraben. Dabei setzten und setzen sie nicht auf Parteien und den »Kampf um die Parlamente«, sondern sie wollen den »Kampf um die Köpfe« ge winnen. Sie wollen das Denken möglichst vieler Menschen möglichst weitreichend beeinflussen und auf diese Weise die Gesellschaft insgesamt nach rechts verschieben. Der »Neuen Rechten« begegnet man deshalb vor allem in  ihren Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und Internetseiten.
Historisches Vorbild der »Neuen Rechten« ist die sogenannte »Konservative Revolution« in der Weimarer Republik, die die junge Demokratie mit antidemo kratischem Gedankengut nachhaltig untergrub und auf diese Weise zu einem geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus wurde. Deren Vordenker, etwa Oswald Spengler, Ernst Jünger oder Carl Schmitt, werden in neurechten Medien gerne als geistige Gewährsmänner genannt. In Deutschland hat die »Neue Rechte« vor allem seit 1989 an Einfluss gewonnen. In den letzten Jahren ist es zudem durch das Internet sehr leicht geworden, neurechtes Gedankengut zu verbreiten und neurechte Medien mit einander zu vernetzen.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autorin:
Dr. Angelika Strube
Weitere Informationen:

■ Dr. Angelika Strube ist katholische Theologin. Die Autorin kann für Veranstaltungen im Rahmen der Interkulturellen Woche angefragt werden. Bitte wenden Sie sich hierfür an den Herder Verlag: kundenservice@herder.de