Was ist antimuslimischer Rassismus? Handreichung der DGB-Jugend

 
© Gerhard Mester

Heute sind antimuslimische Vorurteile gesellschaftlich weit verbreitet. Dieses Klima versuchen nicht nur Nazis für ihre menschenverachtende Propaganda zu nutzen. Auch bürgerlich auftretende rechtspopulistische Initiativen und Parteien machen damit Stimmung.

Antimuslimischer Rassismus (auch Islamophobie oder Islamfeindlichkeit) ist eine Form von Rassismus, die sich gegen Menschen richtet, denen eine muslimische Religionszugehörigkeit zugeschrieben wird. Betroffen sind also nicht nur gläubige Muslime, sondern alle, denen aufgrund bestimmter äußerlicher Merkmale, ihrer Herkunft oder Kultur ein islamischer Glaube unterstellt wird.

Dabei geht es nicht darum, wie sich die Menschen selbst verstehen, welche Rolle der Glaube in ihrem persönlichen Leben spielt und es findet auch keine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Strömungen des Islams statt. Vielmehr gilt der Islam an sich als schlecht. Ihm wird vorgeworfen, grundsätzlich rückständig, frauenfeindlich, aggressiv oder terroristisch zu sein. Auf dieser Grundlage werden alle Menschen, die der Gruppe der Muslime zugerechnet werden, abgewertet. Wie bei allen Rassismusformen geht mit dieser Abwertung des anderen (hier: »muslimisch«) die Aufwertung des eigenen (hier: die »christlich-westliche Kultur«) einher.

»DER ISLAM IST EINE UNS GANZ FREMDE KULTUR. DIE PASSEN NICHT ZU UNS.«
Hier ist zunächst einmal die Frage zu stellen, wer denn eigentlich mit »uns« gemeint ist. Sehr schnell wird dann deutlich, dass dieses »Wir« sehr viele
unterschiedliche Menschen und Gruppen umfasst: Männer und Frauen, Alte und Junge, Sportfreaks und Couchpotatoes, Religiöse und Atheisten, Reiche und Arme, Stadt- und Landbewohner/-innen, Opern- und Rockfans – und viel mehr und alles dazwischen.
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Cahide T.: »Das Thema ›antimuslimischer Rassismus‹ betrifft mich leider persönlich. Ich habe mein Studium ›Management & Economics‹ im Frühjahr erfolgreich an der Ruhr-Uni versität abgeschlossen. Trotz Praktika im Ausland werden meine Bewerbungen abgelehnt. Bisher stehen mir Arbeitgeber nicht positiv und neutral gegenüber, weil ich ein Kopftuch trage. Meine Persönlichkeit würde sich natürlich nicht ändern, wenn ich das Tuch ablegen würde, trotzdem ist das Grund genug, zu keinem Gespräch eingeladen zu werden. Ich finde es sehr beunruhigend, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft ent wickelt. Müssen erst anonymisierte Bewerbungsverfahren eingeführt werden, damit auch ich eine Chance bekomme? Ich bin keine schlechtere oder unqualifiziertere Bewerberin, im Gegenteil, deshalb werde ich nicht aufgeben und mich weiterhin bewerben!«

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Genauso verhält es sich mit »dem Islam«. Der Islam ist eine vielfältige Religion, die aus ganz unterschiedlichen Strömungen besteht. Noch vielfältiger ist die Art und Weise, wie Muslime ihre Religion im Alltag leben. Und nicht nur das. Nehmen wir die religiöse Zuge hörigkeit einmal als das, was sie ist: ein Merkmal unter tausenden, die einen Menschen ausmachen. Dann ergibt sich plötzlich ein ganz neues Koordinatensystem: Denn höchstwahrscheinlich trennt die 20-jährige  atheistische Auszubildende aus Bochum mehr von Familienministerin Kristina Schröder als von ihrer 22-jährigen muslimischen Kollegin.

Antimuslimischer Rassismus wird häufig mit einer angeblich andersartigen Kultur begründet. Dabei wird Kultur als etwas Einheitliches und Unveränderbares
verstanden. Sie würde dem einzelnen Menschen quasi per Geburt verliehen und ihn fortan ohne eigenes Zutun prägen.

Solch ein starres Konzept von Kultur verleugnet, dass Kulturen einer ständigen Veränderung unterliegen, sich wechselseitig beeinflussen und durchlässig sind. Sie sind nicht abgeschottet und unvereinbar. Menschen lassen sich nicht auf »ihre Kultur« reduzieren. Sie können sich zudem auch verschiedenen Kulturen zugehörig fühlen.

»DER ISLAM IST EINE RELIGION DER GEWALT UND DES TERRORISMUS«
Wie andere Religionen auch dient der Islam einigen politischen Gruppierungen als Rechtfertigung für Gewalt und terroristische Angriffe. Deswegen ist der Islam aber genauso wenig eine Religion der Gewalt, wie es beispielsweise das Christentum ist. Die Gleichsetzung von Islam und gewalttätigem islamischem Fundamentalismus ist ein Kernstück des antimuslimischen Rassismus. Muslime werden nicht bloß zu »Fremden«, sondern zugleich zu einer Bedrohung für die  Sicherheit und das Zusammenleben erklärt. Als Belege dafür dienen neben Verweisen auf Terroranschläge vor allem einzelne Suren (Abschnitte) des Korans. Nun verhält es sich mit dem Koran ähnlich wie mit der Bibel: Es lassen sich sowohl Stellen finden, die als Rechtfertigung von Gewalt dienen könnten, als auch Stellen, die als Verurteilung von Gewalt zu lesen sind. Zudem lassen sich einzelne Suren nicht sinnvoll ohne die Berücksichtigung ihres Kontextes interpretieren. Ein Blick auf die Debatten in der islamischen Theologie offenbart, dass um die Auslegung des Korans ebenso vielfältige und heftige Diskussionen kreisen wie in anderen Religionen auch.

»IST DOCH SO!?« ANTIMUSLIMISCHEN VORURTEILEN ARGUMENTATIV BEGEGNEN »DIE WOLLEN SICH DOCH GAR NICHT INTEGRIEREN.«
Integration ist keine Einbahnstraße. Sie kann sich nicht ausschließlich als Forderung an Zugewanderte und ihre Nachkommen richten. Ebenso muss die Mehrheitsgesellschaft Migranten/-innen als gleichberechtigte Bürger/-innen anerkennen und ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. An dieser Bereitschaft hat es in Deutschland jahrzehntelang gemangelt, eine staatliche Integrationspolitik war quasi nicht existent. Die deutsche Gesellschaft hat sich mehrheitlich nicht als Ein wan derungsgesellschaft verstanden. Da mit Integration gelingen kann, müssen Chancengleichheit, Partizipationsmöglichkeiten und rechtliche Gleichstellung gewährleistet sein. Integration ist also vielmehr eine politische und soziale Frage als eine kulturelle.

»MINARETTE UND MOSCHEEN SIND ZEICHEN DER ÜBERFREMDUNG.«
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantiert die Religionsfreiheit (Artikel 4). Zur Religionsfreiheit zählt übrigens auch die Freiheit, keiner Religion anzugehören. Zudem muss die ungestörte Religionsausübung gewährleistet sein. Moscheen sind als Gebetsräume und Gotteshäuser wichtige Bestandteile islamischer Religionsausübung. Deswegen darf ihr Bau oder Betrieb auch nicht einfach untersagt werden.
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Gülsen, aktiv in der IG Metall: »Ablehnung oder Vorbehalte erlebe ich in meinem Alltag kaum. Ich bekomme vielmehr Aussagen zu hören wie ›Du bist doch eine  von uns, du trägst kein Kopftuch, du siehst ja nicht aus wie die anderen‹. Und genau da beginnt meiner Meinung nach Rassismus. Woran wird fest gemacht, dass ein Mensch besser, schlecht, gleich oder qualifiziert ist? Wenn wir von dem Grundgedanken, dass alle Menschen gleich behandelt werden sollen, ausgehen, dann haben wir noch einen sehr weiten Weg vor uns. Lasst uns nicht in die Vergangenheit zurückkehren, sondern gemeinsam für Aufklärung, Respekt und  Gleichbehandlung sorgen.«
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Doch gerade am Neubau von Moscheen entzünden sich vielerorts Konflikte. Denn Moscheen und Minarette machen den Islam im Stadtbild sichtbar. Das wiederum lehnen diejenigen ab, die in Moscheen Symbole einer unerwünschten Einwanderung sehen.

Nun ist aber erstens der Islam keine fremde Kultur, sondern eine Religion neben anderen. Zweitens sind Moscheen nicht nur notwendige Räume zur freien Religionsausübung, sondern auch Ausdruck davon, dass aus ehemaligen Gastarbeitern/-innen inzwischen Bürger/-innen geworden sind. Bürger/-innen, die bleiben und ihre Religion nicht länger in  provisorischen Räumen praktizieren möchten, sondern gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen.

»SO LANGE CHRISTEN IN MUSLIMISCHEN LÄNDERN KEINE KIRCHEN BAUEN DÜRFEN, SOLLEN DIE HIER AUCH KEINE MOSCHEEN BAUEN DÜRFEN.«
Nicht in allen Ländern der Welt ist Religionsfreiheit gewährleistet, religiöse Minderheiten werden teilweise massiv unterdrückt. Diskriminierung und Intoleranz in anderen Teilen der Welt können aber kein Argument dafür sein, selbst diskriminierend zu handeln.

Das Absurde an der Aussage oben wird deutlich, wenn wir kurz das Thema wechseln: In einigen Ländern wird die Todesstrafe vollstreckt. Folgt daraus, dass in Deutschland ebenfalls Menschen hingerichtet werden sollen, und zwar so lange, bis dies auch in anderen Teilen der Welt nicht mehr geschieht? Sicher nicht. Ebenso verhält es sich auch in Fragen der  Religionsfreiheit. Menschenrechte dürfen nicht für ungültig erklärt werden, bloß weil sie nicht weltweit durchgesetzt sind. Stattdessen sollte man sich für ihre weltweite Verwirklichung engagieren. Und außerdem: Mit welchem Recht werden in Deutschland lebende Muslime für staatliches Handeln im Ausland verantwortlich gemacht, auf das sie keinen Einfluss haben?
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■ Ayse Ilgi, aktiv bei der IG BCE: »Vor neun Jahren, mit grade mal 16, begann ich nach meinem Realschulabschluss die Ausbildung zur Chemielaborantin. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mit Rassismus in Kontakt gekommen. In der Ausbildung erfuhr ich dann zum ersten Mal Diskriminierung am eigenen Leib: Einer der Ausbilder hatte es auf mich abgesehen. Ich konnte machen, was ich wollte – nichts machte ich richtig. Anfeindungen wie ›Wieso tragen Sie  kein Kopftuch, sind Sie keine richtige Muslimin?‹ oder ›Verstehen Sie überhaupt deutsch?‹ und vieles mehr bestimmten meinen Arbeitstag. Meine Freunde wurden gefragt, warum sie denn mit mir befreundet seien, ich sei schließlich eine Muslimin. Weil meine Freunde und Kollegen immer zu mir gehalten haben, konnte ich dem psychischen Druck standhalten und die Ausbildung erfolgreich absolvieren. Heute kenne ich meine Rechte und setze mich dafür ein, dass so etwas nicht wieder vorkommt.«
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»DAS KOPFTUCH IST EIN ZEICHEN FÜR DIE UNTERDRÜCKUNG DER FRAU. ES MUSS DESHALB FÜR LEHRERINNEN VERBOTEN WERDEN.«
Die Kopftuchdebatte ist nicht mit einfachen Wahrheiten zu beantworten, denn hier vermischen sich durchaus berechtigte Überlegungen zu einem Pauschalurteil. Versuchen wir es aufzudröseln: Islamische Fundamentalisten/-innen und auch extrem traditionelle Auslegungen des Islam vertreten in der
Tat die Ansicht, die Frau sei weniger wert als der Mann und ihm zu Gehorsam verpflichtet. Dieser Auffassung verleihen sie mit dem Kopftuchgebot oder noch weitergehender Verschleierung Ausdruck. Genau aus diesem Grund und in deutlicher Abgrenzung zu solchen Positionen treten zahlreiche muslimische Frauen für ein Kopftuchverbot in öffentlichen Berufen ein.

Gegner/-innen eines Kopftuchverbotes stellen das Recht auf Selbstbestimmung der Frau in den Mittelpunkt. Sie machen geltend, dass das Tragen eines Kopftuches allein noch nichts über die individuellen Motive seiner Trägerin aussagt. Weder der Staat, noch die Familie, noch die Männern hätten das Recht, darüber zu entscheiden, ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht.

Das Kopftuch kann also nicht einfach pauschal als Symbol frauenfeindlicher Unterdrückung interpretiert werden. Doch es ist ein religiöses Symbol und
in der Schule kollidiert dies mit der Trennung von Staat und Religion. Das Grundrecht der Lehrerin, ihre Religion auszuüben und ihr Recht auf einen  diskriminierungsfreien Zugang zu öffentlichen Ämtern steht hier dem Grundrecht der Schüler/-innen gegenüber, keine Religion ausüben zu müssen sowie
von einer ungewollten Konfrontation mit Religion verschont zu bleiben.

Klar ist: Religiöse Missionierung, Propaganda und Beeinflussung gehören nicht an die Schule. Das gilt übrigens für den Islam genauso wie für das Christentum und andere Religionen. Allerdings kann die Erfüllung dieser Anforderung nicht an äußerlichen Merkmalen wie einem Kopftuch festgemacht werden. Dafür müssen vielmehr inhaltliche Maßstäbe gelten, also zum Beispiel die Frage, was unterrichtet wird. Das Augenmerk sollte also darauf liegen, Lehrpläne, Schule und Gesellschaft so zu gestalten, dass kritisches Denken und politische  Urteilskraft gefördert werden.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Weitere Informationen:

■ Aus: blickpunkt, DGB-Jugend: Antimuslimischer Rassismus.
■ Den Volltext finden Sie unter www.dgb-jugend.de. Dort kann die Broschüre als pdf heruntergeladen und auch als Papier fassung bestellt werden.