Wie Deutschland den Islam als Teil seines Erbes akzeptieren kann

 

Häufig wird im vorherrschenden gesellschaftspolitischen Diskurs die Modernität und Progressivität Ostasiens hervorgehoben und gelegentlich sogar der deutschen Gesellschaft als Vorbild vorgehalten. Demgegenüber wähnt sich die europäische Civil Society dem Vorderen Orient, speziell der dort dominierenden Religion, dem Islam, stets einen Schritt voraus. Aus dieser verbreiteten Selbstsicht leitete sich die Forderung an die Muslime ab, sie hätten sich von ihrer Religion zu distanzieren und an der westlichen Aufklärung zu orientieren.

Die Erkenntnis, dass in Deutschland seit mindestens drei Generationen eine zahlenmäßig nicht zu vernachlässigende muslimische Minorität existiert, vermag jene Ressentiments gegenüber dem Islam nicht zu beseitigen. Vielfach attestiert man der deutschen Nation eine »christlich-abendländische Identität« und verlangt von den Muslimen  für die vollständige Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft, sich einer sogenannten »Leitkultur« unterzuordnen.

Dieser kämpferische Identitätsbegriff dient der Selbstvergewisserung und der Ausschließung des vom Eigenen als Norm gesetzten abweichenden Anderen. Der Andere, in diesem Fall der Muslim, wird als »nicht  dazugehörig« definiert. Ihn gilt es dementsprechend in die vordefinierte Totalität hineinzuziehen. Das dahinter stehende kolonialistische Sendungsbewusstsein, das im 19. Jahrhundert die außereuropäischen Gesellschaften mit der »modernen Zivilisation « anzuvertrauen beanspruchte, richtet sich nun als Forderung einer »Assimilation in das europäische Kulturerbe « auf die Muslime in der eigenen Civil Society.

Trotz des Arrangements der Muslime mit der hierzulande bestehenden Demokratie und ihres expliziten Verweises auf die darin verfassungsmäßig garantierte Freiheit zu offenem Bekenntnis und Ausübung divergenter Religionen werden sie im vorherrschenden Diskurs aufgrund des Islam nicht als vollwertiger Teil der »deutschen Kulturnation« angesehen.

Besonders ihre religiös begründete Zurückweisung eines in der säkularisierten deutschen Mehrheitsgesellschaft dominierenden Liberalitätsverständnisses, im weiblichen Kopftuch nach außen sichtbar, jedoch ebenso anhand wertkonservativer Positionen in ethischen
Fragen, betreffend das Verhältnis von Ehe, Familie und Sexualität, wird als Argument angeführt, der Islam sei mit der europäischen Moderne nicht in Kompatibilität zu bringen.

In mehrheitlich muslimisch geprägten Gesellschaften auftretende Phänomene, die in der Tat mit dem neuzeitlichen Begriff von Humanität nicht vereinbar sind, wie Zwangsehen und Ehrenmorde, werden unreflektiert dem Islam angelastet. Sie dienen als Beleg für die verbreitete These, der Islam stelle eine archaische,  inhumane und unzeitgemäße Religion dar.

Dass die humanistischen Grundsätze ohne den Ideentransfer im mittelalterlichen maurisch-muslimischen Andalusien im neuzeitlichen Europa nicht entwickelt  worden wären, wird bei dieser Sichtweise stets ignoriert. Diese verbreitete Ausschließung des Islam aus dem für erhaltenswert erachteten »Europäischen Erbe« basiert auf einem selektiven Identitätsbegriff. Die Identität stellt sich hierbei als geschlossene Zugehörigkeit zu einem mit unveränderlichen Kriterien assoziierten »Eigenen« dar und sieht sich nicht in der Lage, das Andere hierin einzubeziehen.

Um Anhängern divergenter Religionen ine gemeinsame Identität zubilligen zu können, ist es erforderlich, ein Verständnis von Identität zu entwickeln, das die aufrichtige Begegnung mit dem Anderen frei von jeglichem Missionierungs- oder Überheblichkeitsbewusstsein einschließt. Levinas fordert eine »Ohne-Identität«, die das Andere in sich aufnehmen kann, ohne ein vorherbestimmtes, fest definiertes Eigenes abstoßen zu müssen. Man präsentiert sich aufgeschlossen gegenüber den Gedanken und Wertvorstellungen des Anderen und begreift sie als Aufforderung, das Eigene beständig zu hinterfragen.

Mit dieser Aufgeschlossenheit gegenüber dem Anderen war es den muslimischen Denkern des Mittelalters möglich, in der heidnischen Antike entwickelte  Leitgedanken für ihre Gesellschaft als förderlich anzuerkennen. Die Scholastiker sahen sich hernach ebenfalls mit diesem dynamischen Identitätsbegriff in der Lage, ihr christlich geprägtes Menschenbild um die Erkenntnisse muslimischer Philosophen wie Averroes zu erweitern.

Die Akzeptanz des Islam als integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft und die angemessene Würdigung derunter islamischem Vorzeichen formulierten, jedoch prinzipiell universalistischen Ethik wird nur gelingen, wenn die deutsche Gesellschaft lernt, Identität als dynamisch zu verstehen, die durch die Begegnung  mit dem Anderen bereichert wird.

In der unvoreingenommenen Begegnung mit dem Anderen lassen sich auch Elemente des Eigenen erschließen, die in der Fixierung auf die Suche nach Abgrenzung verborgen bleiben. Man entdeckt beispielsweise, dass ein wesentlicher Teil der häufig als »reaktionär« abqualifizierten, mit dem Islam assoziierten
Sichtweisen im Juden - wie im Christentum ebenfalls existieren. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft sieht sich aufgefordert, in der Pluralität und permanenten Offenheit für die Wertvorstellungen des Anderen den entscheidenden Fortschritt ihres demokratischen Systems zu erkennen. Hiermit wird sie die Courage entwickeln, den Islam als ein bestehendes, wertvolles, nicht auszuschließendes Element darin einzubeziehen.

 
Materialheft:
Gliederung 2013
Autor:
Dr. Mohammed Khallouk
Weitere Informationen:

■ Dr. Mohammed Khallouk ist Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler sowie Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland.
■ Kontakt: Dr. Mohammed Khallouk; mohammed.khallouk@zentralrat.de