Gemeinsamkeiten finden, Unterschiede feiern. - Assoziationen zum Motto

 
Plakatmotiv "Auge" für die IKW 2014

1. Die Situation

Unterschiede sind heute überall, zumindest in den Städten. In einer normalen deutschen Großstadt leben im Jahr 2014 Menschen aus mehr als einhundert Herkunftsländern. Entsprechend vielfältig sind die kulturellen und religiösen Milieus.

Um es konkret zu machen: In meiner Heimatstadt Hannover leben Menschen aus 160 Nationen. Alle großen Religionsgemeinschaften haben Gebetshäuser in der Stadt. Neben den alteingesessenen etwa 150 Kirchen und Kapellen gibt es mittlerweile mehr als zwanzig Moscheen, zwei alevitische Zentren, vier Synagogen, einen Hindutempel sowie sechs buddhistische Zentren, darunter eine Pagode samt dem größten buddhistischen Kloster Deutschlands. Hinzu kommen kleinere Religions­ge­mein­schaften, unter ihnen Bahai, Eziden und Sikhs. Hannover, einst eine durch und durch evangelisch-lutherische Stadt, in deren Altstadt nicht einmal Reformierte, Katholiken oder Juden beten durften, hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. Sie ist eine multireligiöse und multikulturelle Stadt geworden.

Zugleich ist Hannover, wie viele andere deutsche Städte auch, eine Stadt, in der eine Tendenz zur Segregation zu beobachten ist. Unterschiedliche Milieus neigen dazu, sich in immer unterschiedlichere Stadtteile zurückzuziehen. Auf diese Weise entstehen gesellschaftliche Sonderwelten, »Parallelgesellschaften«, um mit dem Schlagwort unserer Tage zu sprechen. Die Wohlhabenden hier, die jungen Familien da, die Migranten dort.

Die Frage, wie ein solches Gemeinwesen zusammengehalten werden kann, ist eine der zentralen Fragen der Kommunen. Gibt es etwas, worauf sich alle verständigen können? Was könnte das sein? Und wie geht man um mit den allgegenwärtigen Unterschieden?

2. Das Motto

Das Motto antwortet darauf: Lasst uns die Gemeinsamkeiten suchen und die Unterschiede feiern.

Über das erste dürfte sich schnell Einverständnis erzielen lassen. Die deutsche Gesellschaft ist plural. Wie jede moderne Gesellschaft wird sie nicht durch einen homogenen Wertekanon zusammengehalten. Was die einen grundlegend und unverzichtbar finden, ist für die anderen nicht so wichtig oder womöglich grundfalsch. Umso nötiger ist es, dass wir uns darauf verständigen, was für alle gemeinsam gilt bzw. zu gelten hat.

Komplizierter wird es beim zweiten Teil des Mottos, der bei vielen Stirnrunzeln hervorruft. Die Unterschiede feiern? Damit ist es so eine Sache. Zwar werden die meisten eine bunte Blumenwiese schöner finden als eine Monokultur weißer Nelken. Aber eine bunte, vielfältige, multikulturelle Gesellschaft? Das finden manche schön und bereichernd. Andere schreckt es ab. Nicht umsonst ist »Multi-Kulti« für viele ein Schimpfwort, und das trotz aller Versuche der Integrationspolitik, den Begriff »multikulturell« und die mit ihm verbundenen Sachverhalte positiv zu besetzen.

Sind Leute, die so denken, ewiggestrig, engstirnig, gar intolerant? Ja, manchmal. Allerdings weist die Opposition gegen »Multi-Kulti« auch auf einen Punkt hin, der nicht aus dem Blick geraten sollte. Wir können uns nur dann an den Unterschieden freuen, wenn wir uns vorab darüber verständigt haben, was unsere gemeinsame Grundlage ist.

Mit dem ehemaligen britischen Oberrabbiner Jonathan Sacks zu sprechen: Gesellschaften können sein wie Landhäuser, wie Hotels oder wie Häuser, die man gemeinsam baut.

Wie private Landhäuser: wer herkommt, wird warmherzig aufgenommen und es wird erwartet, dass er und sie sich an die Regeln hält, die der Hausherr aufstellt. Der Migrant bleibt Gast. Er muss sich anpassen, wohl oder übel.

Wie Hotels: wer herkommt, erhält ein Zimmer für sich. Er kann, solange er nicht die öffentliche Ordnung stört, tun und lassen, was er will. Das ist schön und gut und einige Zeit sehr angenehm. Allerdings: in einem Hotel sind alle Bewohner Gäste. Zu Hause ist hier niemand.

Gesellschaften können schließlich sein wie ein Haus, das man zusammen baut: Jeder und jede trägt etwas dazu bei. Das Haus gehört allen. Jeder und jede fühlt sich hier zu Haus.

Das erste Modell, Assimilation, hat sich erledigt. Das zweite Modell, Multikulturalismus, funktioniert auf Dauer nicht. Das dritte Modell ist es, so Sacks, das wir heute brauchen.

Wenn die Gesellschaft wie ein Haus ist, das wir zusammen bauen, dann ist es unser aller Zuhause. Dann gibt es nicht Gast und Gastgeber. Nicht die, die dazu gehören, und die, die nicht dazu gehören. Nicht Mehrheit und Minderheit. In diesem Haus sind Unterschiede ein Gewinn. Jeder und jede kann das, was er und sie besonders gut kann, in das gemeinsame Projekt einbringen. »Unsere Vielfalt macht es möglich, dass jeder seinen ganz eigenen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. Wir sprechen eine gemeinsame Sprache, wenn auch mit vielen verschiedenen Akzenten und Dialekten. Wir engagieren uns für ein gemeinsames Projekt, die Gesellschaft.« Wir haben, so muss man in Deutschland noch hinzufügen, ein gemeinsames Grundgesetz (J. Sacks, The home we build together. Recreating society, London 2007, 22).

In diesem Sinn möchte ich das Motto der Interkulturellen Woche 2014 verstehen: Als ein Plädoyer dafür, wahrzunehmen, wie bereichernd unterschiedliche Begabungen, Kulturen und Religionen sein können, wenn wir uns dazu entschließen, gemeinsam ein deutsches Haus zu bauen, das dem 21. Jahrhundert gemäß ist und für alle eine angenehme Bleibe.

3. Biblische Assoziationen

Zum ersten Teil des Mottos fällt mir zuerst und sofort das Hauptthema des Paulus ein: »Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen« (Röm 10,12). Paulus wird nicht müde, Gemeinsamkeiten zwischen »Juden« und »Griechen« zu finden, Gemeinsamkeiten, die er wieder und wieder hervorhebt und gegen diejenigen verteidigt, die sich weigern, sich mit den Anderen an einen Tisch zu setzen (z.B. Gal 2,11-16; Röm 3,21-24; 3,28-30; 10,9-13).

Reizvoll könnte es darüber hinaus sein, 1Kor 12 auf das Thema der Interkulturellen Woche zu beziehen. Auch hier sucht Paulus Gemeinsamkeiten, und vielleicht kann man so weit gehen zu sagen, dass er die Unterschiede feiert: Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. »Der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele« (V. 14), »in einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller« (V. 7), das heißt doch: Die Gemeinschaft wäre weniger reich, wenn der Geist einem jeden dasselbe zuge-teilt hätte. Wie der menschliche Körper nicht leben könnte, wäre er nur Fuß oder Hand oder Herz, ist die Gemeinde angewiesen auf die Vielfalt ihrer Mitglieder. Jeder und jede hat etwas Eigenes, das er und sie einbringen kann zum Wohl aller: Weisheit, Erkenntnis, Glaube, Heilung, prophetische Rede und vieles andere mehr. Löst man den Text vom Bezug auf die christliche Gemeinde und bezieht ihn auf die kommunale Gemeinde oder die deutsche Gesellschaft insgesamt, lassen sich viele Bezüge zu aktuellen Themen herstellen: Es sind verschiedene Herkünfte, aber es ist ein Land. Es sind verschiedene Kulturen, aber es ist eine Staatsbürgerschaft. Es sind verschiedene Religionen, aber es ist eine Goldene Regel, die sie alle kennen: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten« (Mt 7,12).

Die Proprien des Sonntags

Der vorgeschlagene Termin für die Eröffnung der Interkulturellen Woche ist Sonntag, der 21. September 2014, nach evangelischer Ordnung der 14. Sonntag nach Trinitatis, nach katholischer Ordnung der 25. Sonntag im Jahreskreis. Drei der für diesen Sonntag vorgesehenen Texte lassen sich zwanglos auf das Motto beziehen:

Römisch-katholischer 25. Sonntag im Jahreskreis

Evangelium des Sonntags ist Mt 20,1-16, das bekannte Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Der Text bringt die ökonomische Frage ins Spiel, die bei der Debatte um Integration und Teilhabe nicht außer Acht gelassen werden darf. Viele Jahre kannten wir Tagelöhner nur aus der Bibel, man musste den Kindern erklären, was das ist. Heute stehen die Tagelöhner mitten in Deutschland auf der Straße und warten auf Arbeit, eine Stunde, zwei Stunden, acht Stunden. Und nicht alle Arbeitgeber sind so freundlich wie der Gutsbesitzer im biblischen Gleichnis. Manche zahlen extrem schlecht oder auch einmal gar nicht. Andere nutzen die Armut der Menschen aus und nehmen ihnen 100 Euro die Woche ab für einen Schlafplatz auf dem Boden einer verschimmelten Bruchbude. Es sind ja nur Bulgaren und Rumänen, die sich nicht wehren können, und zu Hause, in den neuen Slums am Rande Europas, ist alles sowieso noch viel schlimmer.

Was sagen wir dazu? Was tun wir dagegen? Diese Fragen gehen uns alle an, nicht nur die besonders stark betroffenen Kommunen.

Evangelischer 14. Sonntag nach Trinitatis

Evangelium des Sonntags ist die Geschichte von den zehn Aussätzigen (Lk 17,11-19). Jesus heilt sie, nur einer von ihnen dankt ihm. »Und das war ein Samariter« (V.16). Jesus betont das Vorbild des Mannes: Er, der ein Fremder ist, hat recht getan (V.18). Wie die Grundgeschichte christlicher Nächstenliebe, die sieben Kapitel zuvor vom Evangelisten erzählte Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37), lässt der Text religiöse und nationale Selbstverständlichkeiten hinter sich. Er durchbricht das damals wie heute verbreitete Muster des »Wir – Ihr« und betont das Gemeinsame: Der Aussatz befällt auch Samaritaner, sie leiden darunter wie du und ich, und sie können zum Vorbild für rechtes Handeln werden.

Predigttext des Sonntags sind die Ermahnungen am Ende des ersten Thesssalonicherbriefs (5,14-24). Mich persönlich reizen würde insbesondere V. 15: »Jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann«. Christen tun Gutes, nicht nur in der Gemeinde, sondern auch über ihre Grenzen hinaus. Sie sind, mit dem grässlichen Wort unserer Zeit zu sprechen, »Gutmenschen«. Eine Gesellschaft, die zulässt, dass man das »Gute« lächerlich macht, begeht einen Fehler.

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold
Weitere Informationen:

Kontakt:
Prof. Dr. Wolfgang Reinbold
Beauftragter für Kirche und Islam
Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Tel.: 0511 / 12 41-972
reinbold@kirchliche-dienste.de
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Weitere Bausteine für Gottesdienste siehe z.B. www.interkulturellewoche.de/gottesdienstbausteine/liturgisches.