"Wir sind nur Gast auf Erden" - Anregungen für geistliche Texte im Rahmen eines Gottesdienstes während der IKW 2014

 
© Frank Diehn

1. DAUERHAFTER AUFENTHALTSTITEL

Anfang des Jahres in Erfurt: Während der Tagung zur Vorbereitung der Interkulturellen Woche 2014 sitzt der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf dem Podium. Es geht um die Frage, warum eigentlich Asylbewerber nicht an Integrationskursen teilnehmen dürfen. Die übers BAMF finanzierten Integrationskurse sind weitgehend Deutschkurse. Warum dürfen denn Asylsuchende nicht in diese Deutsch- bzw. Integrationskurse? Schließlich soll in diesem Jahr das Arbeitsverbot für Asylbegehrende von neun auf drei Monate reduziert werden. So steht’s im Koalitionsvertrag. Und dann wäre eines dringend notwendig: Deutsch von Anfang an. Wie sonst soll ein Mensch nach drei Monaten in den Arbeitsmarkt integriert werden?

Der Präsident windet sich, man sieht es ihm an der Körperhaltung an.
Nun, ja, es gebe immerhin Modellprojekte in Bayern und in Rheinland-Pfalz.
Man müsste sich über den Begriff Integration verständigen. Schließlich: Integrationskurse kann es nur für Menschen geben, die einen dauerhaften Aufenthaltstitel in Deutschland haben.
Ein schönes Wort: dauerhafter Aufenthaltstitel.
Bloß wer verfügt schon darüber: über einen dauerhaften Aufenthaltstitel!
Ich nicht, Sie nicht, kein Mensch auf dieser Erde.
Wir alle, wir sind nur Gast auf Erden.
»Wir haben hier keine bleibende Stadt.«
Wir haben keinen dauerhaften Aufenthaltstitel.

2. WIR HABEN HIER KEINE BLEIBENDE STADT

Sprecher_in: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.«

Heißt es ziemlich am Ende des Hebräerbriefs. Der Verfasser hatte dabei Vater Abraham im Kopf, den Glaubensvater dreier Weltreligionen: Judentum, Christentum und Islam. Ibrahim heißt er im Koran.

Sprecher_in: »Und der HERR sprach zu Abram:
Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk

machen und ich will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.«1

So beginnt sie – die Geschichte von Abraham im biblischen Buch Genesis.
Abraham sollte ausziehen in ein Land, das Gott ihm zeigen werde.
Warum?
Warum ist er nicht geblieben, wo er herkam?

  • In seinem Vaterland,
  • bei seiner Verwandtschaft,
  • in seines Vaters Hause?

Ein Flüchtling wie die meisten heutigen Flüchtlinge ist er offensichtlich nicht.

Politisch wurde Abraham nicht verfolgt, er floh auch vor keinem Bürgerkrieg. Und ein so genannter Armuts-flüchtling war er erst recht nicht. Denn Abraham hatte Besitz, ihm gehörte eine Menge an Vieh und andere »Habe«, er besaß Sklavinnen und Sklaven, die für ihn arbeiteten. Was trieb Abraham dann dazu auszuwandern, zu emigrieren, die Heimat zu verlassen?

Nichts als eine Verheißung:

Sprecher_in: »Ich will dich zum großen Volk machen und ich will dich segnen. Und du sollst ein Segen sein! Für alle auf Erden.«

So sagt es jedenfalls die Bibel, so schön, so gut, so eindeutig. Im ganz praktischen Leben war’s »wahrscheinlich sehr viel vager, sehr viel unbestimmter. Auf Ahnungen hat Abraham sich verlassen. Gerüchten ist er gefolgt.«2
Abraham emigrierte. Und als er wegzog, wusste er nicht, wohin die Reise geht. Und so war er …

Sprecher_in: »ein Fremdling im verheißenen Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob […], denn er wartete auf die Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.«3

Abraham zog aus und wusste nicht, wohin.
Und heute?
Die Flüchtlinge, die heute hier sind, wissen es nicht und Sie und ich wissen nicht, wohin unsere Lebensreise geht.
Wer kann schon sagen, wo wir hinkommen.
Abraham kommt am Ende dort an, wo er bleiben kann.
In dem Land, das er erben sollte.
Und doch bleibt er dort ein Fremder, wohnt in Zelten.
In Zelten! Kein Einfamilienhaus, kein Vorgarten samt Gartenzaun, kein Gewächshaus, keine Hollywood-Schaukel.
Bloß ein Zelt!
Ein Zelt kann man jederzeit ab – und woanders wieder aufbauen.
Abraham bleibt ein Fremder.
Denn er wartete auf die Stadt, deren Baumeister Gott ist.
»Glaube« scheint hier so etwas zu sein wie ein Vorbehalt.
Selbst im verheißenen Land ist Abraham nicht ganz daheim.
Zelt und Familie, Milch und Honig – sie sind nicht alles.

Sprecher_in: »Wir haben hier keine bleibende Stadt …«

Viele Menschen bleiben dort, wo sie einmal geboren wurden.
Und fühlen sich dort, wo sie sind, zu Hause.
Und nicht selten auch zufrieden.
Andere Menschen migrieren, wandern aus oder müssen aus ihrer Heimat fliehen. Und unterwegs werden diese Menschen zu Fremden.
Oder – wenn sie Glück haben! – zu Gästen.
Flüchtlinge, »Gäste und Fremdlinge können etwas, was man unbedingt braucht, um heil durchs Leben zu kommen. Sie blicken über den Rand hinaus. Sie warten auf das bessere Vaterland. Sie wollen vorwärts und nicht zurück.«4
Fremdlinge müssen über den eigenen Tellerrand schauen können, sie müssen mehrere Sprachen sprechen. Und sie wissen etwas, was für alle Menschen gilt, was Ortsansässige jedoch leicht vergessen: Menschen können gar nichts anderes sein als Gäste auf dieser Erde.
Einen dauerhaften Aufenthaltstitel hat niemand.
»Wir sind nur Gast auf Erden«, heißt’s im katholischen Kirchenlied.

Sprecher_in: »Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh´/ mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.«5

Gäste, Fremdlinge, Flüchtende wissen das.

3. GLAUBENDE SIND IN DIESER WELT NIE GANZ ZU HAUSE

Und Menschen, die glauben!
Glaubende sind in dieser Welt nie ganz zu Hause.
Die Welt kommt ihnen nicht selten fremd vor: die Gewalt, das sinnlose Leiden, der Hass. Aber: »Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende«, dichtete Paul Gerhardt in einem seiner schönsten Choräle.6
Glaubende sind in dieser Welt nie ganz zu Hause.
Genau dafür ist Abraham ein uraltes Vorbild.

Sprecher_in: »Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden  und wohnte in Zelten. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.«7

Abraham wartete auf eine andere Stadt, auf eine zukünftige.
Die zukünftige Stadt?
Welche?
Die Bibel beschreibt die zukünftige Stadt, den Himmel auf Erden, ganz am Ende im letzten Buch der Heiligen Schrift als »Hütte Gottes bei den Menschen«.

Sprecher_in: »Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.«

So soll es sein – dann.
Und jetzt schon – in Ansätzen.
Das ist die Richtung, dahin sind wir unterwegs.
Sich in der Welt auch fremd zu fühlen, ja: im verheißenen Land zu leben wie in einem fremden – das gehört zum Glauben dazu.
Wenige Sätze nach unsrer heutigen Passage erzählt der Hebräerbrief von all den Nachkommen Abrahams – so viele »wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meer, der unzählbar ist.«

Sprecher_in: »Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind. Wenn sie aber solches sagen, geben sie zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen. […] Sie sehnen sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen.«

Wir sind nur Gast auf Erden und wandern einer ganz anderen Heimat zu.

4. FLÜCHTLINGE ERINNERN DARAN:
»WIR SIND NUR GAST AUF ERDEN«

Wie die Flüchtlinge!
Oder besser: Flüchtlinge erinnern daran: auch wir haben hier keine bleibende Stadt. Und die schönsten und wie für die Ewigkeit gebauten Häuser müssen wir wieder verlassen.
Denn: Flüchtlinge bleiben nicht, wo sie waren.
So erinnern sie daran: auch wir sind nur Gast auf Erden.
Allerdings: auf diesem blauen Planeten sind Pflanzen, Tiere, Menschen, alles, was lebt, dazu ausersehen, eine Vergänglichkeit lang »atmen, lieben, sich tummeln zu dürfen.«
Und lieben und leben, arbeiten und Urlaub machen - dürfen wir.
Das aber gilt nicht allein für uns,

–   nicht allein für uns in Mitteleuropa oder den USA,
–   nicht allein für junge Gesunde,
–   mit Arbeit und Einkommen.

Das gilt für alle Menschen gleichermaßen.
Wenn man die Menschenrechte ernst nimmt, dann haben alle Menschen ein Gastrecht auf dieser Erde.

Sprecher_in: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren ohne irgendeinen Unterschied, etwa

–   nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht,
–   Sprache, Religion,
–   politischer oder sonstiger Überzeugung,
–   nationaler oder sozialer Herkunft,
–   Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.«

Jeder Bewohner der Erde hat somit das Recht, ein würdiges, ein unverstümmeltes Leben zu führen. Bloß: wo kann man dieses Recht einklagen?
Flüchtlinge erinnern daran: auch wir haben hier keine bleibende Stadt. Die meisten Menschen aber möchten bleiben. Und wollen nicht nur, dass sie bleiben, sie wollen, dass das Leben so bleibt, wie es ist. Bloß: »Bleiben ist nirgends«8, meinte einmal ein deutscher Dichter.

Sprecher_in: »Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang? Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.«

5. ABWEHR

Wer will das schon hören: dieses »Wir sind nur Gast auf Erden«! Viele wollen nicht hören, dass sie keine bleibende Stadt auf diesem Planeten haben. Und daher rührt – neben vielem, vielem anderen – ein Teil der Abwehr Flüchtlingen gegenüber, vermute ich jedenfalls.
Abwehr!

5.1 WARTEN AUF BESCHEID

Die Flüchtlinge in unserem Bundesland/unserer Region werden zunächst in der Sammelunterkunft untergebracht und warten dort Monate lang zunächst einmal auf ihr Interview, in dem sie ihren Antrag auf Asyl begründen. Die Entscheidungen des Bundesamtes für Flüchtlinge über einen Asylantrag dauern dann noch einmal ein Jahr, manchmal bis zu zwei Jahren.
In dieser Zeit erhalten die Asylbegehrenden kein Kindergeld, sie haben keinen Anspruch auf einen Deutsch- oder Integrationskurs.
Das Bundesamt für Migration, das über die Anträge zu entscheiden hat, wird sagen, mit Abwehr habe die lange Warterei auf einen Bescheid nichts zu tun, sie seien einfach überfordert – angesichts der gestiegenen Zahl von Anträgen.
Von den Betroffenen jedoch wird dies als Abwehr erlebt, als sinnlose, als zermürbende Warterei, die das Leben unnötig schwer macht.

5.2 DUBLIN III
Abwehr! Von Abwehr geprägt ist auch das so genannte Dublin III-Abkommen.
Der Grundgedanke ist: Jeder Asylsuchende soll nur einen Asylantrag in Europa stellen.
Und zuständig ist der Mitgliedsstaat, der die Einreise veranlasst oder nicht verhindert hat.
Beantragen Asylsuchende dennoch in einem anderen Mitgliedstaat Asyl, wird in der Regel gar kein Asylverfahren durchgeführt. Die Asylsuchenden werden dem zuständigen Staat überstellt. Und wenn sie nicht freiwillig gehen, landen sie ggf. in einem Abschiebungsgefängnis.
Die Diakonie in Deutschland, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, PRO ASYL und viele andere fordern: Dieses System, das Menschen in Europa wie Pakete verschickt, muss grundlegend geändert werden. Ein Memorandum, das im Mai 2013 erschienen ist, will stattdessen: ein gerechtes und solidarisches System. Bis jetzt ist der EU-Staat zuständig, in den man zufälligerweise zuerst eingereist ist. Stattdessen sollte es so sein:

Sprecher_in: »Die Flüchtlinge entscheiden selbst, in welchem EU-Mitgliedsstaat sie ihren Asylantrag stellen. Statt ›zuständig ist der Mitgliedsstaat, der die Einreise nicht verhindert hat‹ ist der Staat zuständig, in dem die Asylsuchenden ihren Antrag freiwillig stellen wollen.«

Würde diese Regelung nicht zu ungleichmäßigen Belastungen unter den Mitgliedstaaten führen?

Sprecher_in: »Dann braucht es einen finanziellen Ausgleich. Ich bin mir sogar sicher: Wenn die Flüchtlinge den EU-Staat frei wählen, in dem sie ihren Asylantrag stellen, dann fallen die unverhältnismäßigen Belastungen weniger stark ins Gewicht! Weil die Asylsuchenden durch ihre familiären und kulturellen Netzwerke aufgenommen und unterstützt werden.«

5.3 LAMPEDUSA

Abwehr!
Es ist niederträchtig, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen.
Denn warum wählen seit über einem Jahr wieder vermehrt Flüchtlinge diese Route? Weil der Weg über die Türkei nach Griechenland mit einem massiv befestigten Grenzzaun samt Gräben und Wachtürmen versperrt ist. Noch 2012 sind etwa 40.000 Menschen über die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland in die EU eingereist. Jetzt treibt die Sicherung an der EU-Außengrenze zur Türkei die Menschen wieder aufs Mittelmeer.

6. ENORME HILFSBEREITSCHAFT

Diese Abwehr ist nicht zu leugnen. Gleichzeitig erlebe ich in den Gemeinden, in die ich komme, aber auch bei Landfrauen oder in spontan entstandenen Initiativen vor Ort eine enorme Hilfsbereitschaft. Und viel Verständnis!

–   Fahrräder werden gespendet, damit Flüchtlinge mobiler werden.
–   Oder Kinderwagen.
–   Manche Gemeinden stellen Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung.
–   An vielen Stellen in der Bundesrepublik werden kostenfreie Deutschkurse für genau jene Asylbegehrenden angeboten, die keinen Anspruch darauf haben.
–   Eine Landeskirche hat einen »Flüchtlingsfond« in Höhe von einer Million Euro eingerichtet. Mit diesem Geld sollen Hilfsprojekte hier und in den Flüchtlingslagern vor Ort finanziert werden.           

7. CODA

Flüchtlinge erinnern daran: auch wir Einheimischen haben hier keine bleibende Stadt und müssen diese Erde wieder verlassen. Auch wir sind nur Gast auf Erden.
Und doch: wir dürfen und sollen uns eine Vergänglichkeit hier tummeln und arbeiten und lieben, mit den Kindern spielen oder Urlaub machen.
Wie alle anderen auch.

Wer selbst auf der Durchreise ist, kann anderen das Bleiben nicht bestreiten.

Sie erwarten jetzt ein Amen. Zu Recht!
Und doch will ich noch einen einzigen Satz ergänzen, einen Satz, den Tzvetan Todorov, ein gebürtiger Bulgare, der heute Franzose ist, gern zitierte.
Todorov wiederum hatte den Satz von Edward Said, einem Palästinenser, der in den USA lebte, einem Freund von Daniel Barenboim.
Said wiederum hatte den Satz von Hugo von St. Victor, einem Mystiker und christlichen Theologen aus dem 12. Jahrhundert.
Der interkulturell weit gewanderte Satz lautet so:

Sprecher_in: »Von zartem Gemüt ist,
wer seine Heimat süß findet,
stark dagegen jener, dem jeder Boden Heimat ist,
doch nur der ist vollkommen, dem
die ganze Welt ein fremdes Land ist.«



Fußnoten:
1   Genesis 12,1-3
2   Manfred Josuttis, Über alle Engel, Politische Predigten zum Hebräerbrief, München 1990, 137
3   Hebr 11,8f
4   Manfred Josuttis, Über alle Engel, Politische Predigten zum Hebräerbrief, München 1990, 138
5   Georg Thurmair, Gotteslob 505
6   Die güldne Sonne voll Freud und Wonne, EG 449,12/RG 571,10
7   Hebräer 11,9-10
8   Rainer Maria Rilke, 4. Duineser Elegie

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Peter Oldenbruch
Weitere Informationen:

Peter Oldenbruch ist Inhaber der Pfarrstelle für Flüchtlingsarbeit der EKHN.

Kontakt:
Tel.: 06132 / 43 32 70
peter.oldenbruch@propastoral.de