Dialog in einer kleinen Stadt - Praxis und Erfahrungen

 
Christlich-islamische Initiative auf einem Straßenfest. Foto: privat

In diesem Beitrag wird eine Initiative aus Brühl vorgestellt, die über zehn Jahre im christlich-islamischen Dialog aktiv ist. Träger dieser Initiative sind die katholische Kirche Brühl, das islamische Gemeindezentrum und die evangelische Kirchengemeinde vor Ort. Ein von Christen und Muslimen paritätisch besetzter Arbeitskreis plant und organisiert die Begegnungen.

Brühl ist eine Stadt, in der etwa 22.500 katholische, 8.000 evangelische und 3.000 griechisch-orthodoxe Christen leben. Wie an anderen Orten haben sich auch in Brühl in den 1960/70er Jahren im Zuge der Arbeitsmigration Menschen aus der Türkei niedergelassen. Die Muslime unter ihnen nutzen ein umgebautes Lagergebäude im Gewerbegebiet als ihr Zentrum mit einem Gebets- und einem Mehrzweckraum. Etwa 1.000 Menschen besuchen die Moschee jede Woche; die Zahl der aktiven Gemeindemitglieder beträgt etwa 250.

Christen begegnen Muslimen

Seit Ende der 1990er Jahre findet in Brühl eine dauerhafte und regelmäßige Begegnung zwischen Christen und Muslimen statt. Ihren Anfang nahm diese mit dem Wunsch von Mitgliedern eines katholischen Pfarrgemeinderates, mit Muslimen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft in Kontakt zu treten und Näheres über sie zu erfahren. Es kam zu ersten Begegnungen und Vortragsveranstaltungen. In der Folgezeit weitete sich die Initiative auf Stadtebene aus und etablierte sich 2002 unter dem Namen »Christen begegnen Muslimen«. Der Geduld und dem Engagement einzelner Christen und Muslime ist es zu verdanken, dass es nicht bei wenigen, sporadischen Begegnungen blieb und nicht nur ein Stadtteil in die Begegnungen einbezogen wurde. Der Dialog an der Basis benötigt einen langen Atem. Geduld ist die vielleicht wichtigste Tugend im Dialog!

Ausschlaggebend für das Wachsen der Initiative war die Erfahrung und die Einsicht: Hier begegnen sich gläubige Menschen. Auch wenn die Beteiligten und Interessierten am Dialog die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Glaubensaussagen des Christentums und des Islams vielleicht nicht theologisch exakt benennen konnten, wussten sie doch um den Glauben der Anderen.

Zu den ausgewählten Themen der ersten Begegnungen gehörten u. a. »Fasten im Islam und Christentum«, »Koran und Bibel«, »Jesus und Mohammed« sowie »Der Mensch als Pilger«. Jede der zweimal jährlich stattfindenden Veranstaltungen wurde von 100 bis 250 Personen besucht.

Begegnung bedeutet nicht alleine, klugen Referentinnen und Referenten zu lauschen, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen. Daher gehört wesentlich bei jeder Zusammenkunft nach dem Plenum ein Imbiss mit Getränken dazu. Dieser informelle Teil bringt Menschen zusammen; Muslime gehen auf Christen zu und umgekehrt. An Stehtischen sind persönliche Gespräche leichter möglich. Fragen, die Teilnehmende sich im Plenum nicht zu stellen trauten, können in diesem Rahmen zur Sprache gebracht werden. Gemeinsames Essen verbindet.

Es besteht bei manchen Asymmetrien eine entscheidende Symmetrie im Dialog, wenn Glaubende Glaubenden begegnen, wenn Menschen sich – auch wenn ihre Vorstellungen verschieden sind – als an einen Gott Glaubende wahrnehmen. Theologen auf christlicher Seite und korankundige Gelehrte auf muslimischer Seite geben in der Vorbereitung und Durchführung einer Veranstaltung die notwendige Rückendeckung, ohne jedoch die Initiative zu dominieren. In Brühl liegen die Initiative zur christlich-islamischen Begegnung und ihre Entwicklung in der Hand von »Laien«, von ehrenamtlich Tätigen. Hier begegnen sich der Fließbandarbeiter und Taxifahrer, der Schuhmacher und die Technikerin.

Muslime begegnen Christen

Bis 2008 fanden alle Begegnungen der Initiative »Christen begegnen Muslimen« in der Brühler Moschee statt. Im Jahr 2008 wurde die Frage aufgeworfen, ob auch Begegnungen in einer christlichen Kirche möglich seien. Die in den Begegnungen engagierten Christinnen und Christen wollten gerne ihre muslimischen Dialogpartnerinnen und -partner auch zu sich einladen. Dieser Wunsch wurde positiv aufgenommen und die erste christlich-muslimische Begegnung in einer christlichen Kirche Brühls fand in der katholischen Schlosskirche »St. Maria von den Engeln« statt. Etwa 80 muslimische Frauen und Männer versammelten sich in der Kirche.

Mit diesem Schritt der Begegnung in einer katholischen Kirche konnte eine Asymmetrie in der Wahl des Begegnungsortes aufgehoben werden; Muslime verstehen sich in der Moschee als Gastgeber, Christen in der Kirche. Der Gedanke und die Erfahrung der gegenseitigen Gastfreundschaft prägen die Begegnungen. Von 2008 an wurde folglich der Name der Initiative erweitert: »Christen begegnen Muslimen, Muslime begegnen Christen«.

Seit Beginn der christlich-islamischen Begegnungen war die gesamte Stadtgesellschaft zu den Treffen eingeladen und auch der Kirche und Moschee Fernstehende nehmen regelmäßig an den Treffen teil. Auf der anderen Seite nahm und nimmt die Initiative Gelegenheiten wahr, sich auch im öffentlichen Raum – etwa bei Stadtteilfesten – zu präsentieren und mitzuwirken.

Erfahrungen

Die mittlerweile zehn Jahre kontinuierlich durchgeführten Begegnungen zwischen Christen und Muslimen in Brühl sind in der Stadt, der Moscheegemeinde und den christlichen Kirchen inzwischen fest verankert. Muslime gehören zu Brühl und öffnen sich seit vielen Jahren für die Begegnung mit christlichen Gemeinden und verstehen sich als Teil der Stadtgesellschaft.

Gesellschaftlich bedeutsam ist die Initiative, weil sie einen Beitrag zum guten Miteinander leistet, das auf gegenseitigem Kennenlernen und Verstehen aufbaut. Allerdings ist es den Christen und Muslimen wichtig, dass ihre Aktivitäten in der Stadt nicht allein als »Integrationsleistung« gesehen und auf einen Beitrag zum »gesellschaftlichen Frieden« reduziert werden. Wichtig ist allen Beteiligten die Aussage, dass die Dialoge sich nicht im Gedanken einer »Förderung der Integration« erschöpfen, sondern in einem gemeinsamen religiösen Anliegen wurzeln, das Christen und Muslime in der Stadt vertreten. Von Beginn der Begegnungen an stehen Fragen des Glaubensinhaltes und der Glaubenspraxis im Zentrum und werden von christlicher und muslimischer Seite beleuchtet.

Möglich wurde die Kontinuität der Begegnungen durch den ständigen Arbeitskreis, in dem sowohl Christen (evangelische, katholische und freikirchliche) als auch Muslime mitarbeiten. Vorbereitung, Organisation und Reflexion der Treffen erfolgen in diesem Kreis. Er ist der Motor der Begegnungen. Der Dialog – so die Erfahrung – lebt von Beziehungen.

Die Begegnungen erweisen sich als Lernorte, in denen Christen mehr über den Glauben der Muslime, Muslime mehr über den Glauben der Christen erfahren. Oder anders ausgedrückt: Christen erfahren Muslime und Muslime erfahren Christen in ihrem persönlichen Glauben. Im Angesicht des Anderen lernen Christen und Muslime, ihre jeweiligen Glaubensvorstellungen zur Sprache zu bringen und auszusagen.

Fazit

Ein Klima des Dialoges ist nicht einfach vorhanden, sondern muss und kann erfolgreich gestaltet werden.

 
Materialheft:
Gliederung 2014
Autor:
Dr. Werner Höbsch
Weitere Informationen:

Gemeinsame Grundsätze und Ziele des Dialogs in Brühl

Der Dialog zwischen Christen und Muslimen in Brühl basiert auf der Überzeugung, dass die Würde des Menschen unantastbar ist: die Würde eines jeden Kindes, einer jeden Frau und eines jeden Mannes.

Der Dialog ist geleitet vom Interesse am Anderen und getragen vom Respekt seiner Person und seines Glaubens.

Als Brühler Christen und Muslime wenden wir uns gegen jeglichen Missbrauch und jede Instrumentalisierung von Religion zur Verbreitung von Hass und zur Rechtfertigung von Gewalt. Wir treten der Verhetzung und Erniedrigung von Menschen anderer Glaubensüberzeugung oder Weltanschauung entgegen.

Dialog und Begegnung sehen wir als Wege an, den Anderen und seine Religion kennenzulernen, zu verstehen und zu achten. Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Religion.

Im Dialog suchen wir nach Wegen, das Miteinander von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Beheimatung friedlich zu gestalten. Als Brühler Christen und Muslime wollen wir uns für Frieden und Gerechtigkeit zum Besten der Stadt einsetzen.

  • Islamisches Gemeindezentrum Brühl e.V.
  • Evangelische Kirchengemeinde Brühl
  • Katholische Kirche Brühl

Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung des Artikels: Werner Höbsch, Christlich-islamischer Dialog in einer kleinen Stadt, in: CIBEDO-BEITRÄGE 4/2013, 156-160.

Werner Höbsch ist Mitglied im ÖVA.

Kontakt:
Dr. Werner Höbsch
Leiter des Referates Dialog und Verkündigung im Erzbistum Köln
Tel.: 0211 / 16 42 72 05
werner.hoebsch@erzbistum-koeln.de